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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKampf gegen die ständige Ablenkung 17.09.2015

Soziale MedienKampf gegen die ständige Ablenkung

Überall sieht man heute Leute, die auf ihr Mobiltelefon oder ähnliche Geräte starren. Orthopäden warnen schon vor Haltungsschäden. Aber was ist mit der Psyche? Was machen die neuen Medien mit ihren Benutzern? Medienpsychologen haben die Auswirkung von Social Media auf das Verhalten im Alltag untersucht.

Von Cajo Kutzbach

Ein Smartphone liegt auf einer PC-Tastatur (Foto: Jan-Martin Altgeld )
Durch Smartphones kann man sich jederzeit ablenken lassen. (Foto: Jan-Martin Altgeld )
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"Man sieht in der Kneipe, dass eben Freunde sich treffen, und anstatt miteinander zu reden, starren sie eigentlich die ganze Zeit auf ihre Smartphones und nutzen nur ihre Smartphones. Das ist ja genau die spannende Frage: Warum machen Menschen das?" fand Professor Christian Bosau, Wirtschaftspsychologe an der Rheinischen Fachhochschule in Köln. Was könnte denn geschehen, wenn sie nicht alle paar Sekunden auf das Gerät schauen?

"Dahinter steht eben möglicherweise genau diese Angst, etwas zu verpassen. Diese Angst kann natürlich gerade nicht dadurch befriedigt werden, dass ich mit meinem engsten Freund spreche, weil im Hintergrund habe ich ja Angst, Informationen zu verpassen von meinen ganzen weiteren Freunden, von meinen 400 Facebook-Freunden, von meinen etlichen Followern auf Twitter, oder wo auch immer. Und so gesehen bringt mir dann die Unterhaltung mit meinem Freund, Freundin, oder engstem Freund nicht wirklich was, um diese Angst zu befriedigen." Es handelt sich durchaus um ein Suchtverhalten, wobei die Sucht bei ungefähr 150 mal am Tag auf ihr Gerät schauen beginnt. Christian Bosau plant als Nächstes, zu untersuchen, wie es sich auf Beziehungen auswirkt, wenn die mediale Kommunikation der echten Begegnung vorgezogen wird.

Die Nebenwirkungen von Social Media

Es ist bei den Neuen Medien ganz ähnlich, wie bei früheren Werkzeugen: Ob sie helfen oder schaden, hängt vom Gebrauch ab. Tagungsleiterin Sonja Utz, Professorin für Kommunikation mittels Sozialer Medien am Leibniz­institut für Wissensmedien in Tübingen beschreibt die Vielfalt der Themen: "Was sehr populär ist im Moment in der Forschung, aber auch in der Alltagsnutzung der Leute, das sind 'Social Media', da eben so soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter zum Beispiel auch noch. Wir haben aber auch einige Sitzungen mit den klassischen Medien, Film, Fernsehen; es geht auch bis zu eher so zukünftigen Entwicklungen, also Roboter, wie werden die wahrgenommen, oder eben also so Multitouch-Technologien fürs Lernen, also dass man zum Beispiel iPads in Schulen verwendet."

Während die Werbung natürlich die Vorzüge anpreist, beschäftigen sich die Forscher auch mit der Kehrseite der Medaille. Sonja Utz: "Grade war ein Vortrag, wie's denn eben ist, wenn man keine Likes, oder nicht genug Likes bekommt auf Facebook. Oder dieses Phänomen "phubbing", das plötzlich Leute zusammensitzen, aber jeder starrt nur noch auf sein Handy, statt dass er eben Face-to-Face mit den Leuten direkt spricht."

Erster Schritt ist die Selbsterkenntnis

Zu den unerfreulichen Nebenwirkungen moderner Medien gehört auch, dass es viel einfacher geworden ist Dinge, die man tun sollte, aufzuschieben. Die Wissenschaft nennt das Prokrastination. Der Psychologe Prof. Leonard Reinecke ist an der Mainzer Universität für Publizistik und Kommunikationswissenschaft zuständig und hat das untersucht: "Das Besondere an dem Zusammenhang von Prokrastination und Medien ist, dass Medien, und vor allem die in der Zwischenzeit überall verfügbaren Online-Medien, uns jederzeit ein breites Repertoire an Alternativtätigkeiten in jeder Situation zur Verfügung stellen. Das heißt: Situationen, in denen wir prokrastinieren können, sind sehr viel häufiger geworden, als es früher der Fall war."

Leonhard Reinecke fand aber auch Auswege aus der Aufschieberei. Der erste Schritt ist, wie immer, Selbsterkenntnis, dass man merkt, das Stöbern im Netz, das Spiel, oder der Chat macht zwar im Augenblick vielleicht Spaß, aber hinterher fällt es um so schwerer, die aufgeschobenen Sache zu erledigen. Aufschieben verursacht auf Dauer mehr Stress: "Der zweite Schritt ist sicherlich, dass man sich tatsächlich medienfreie Zonen im Leben schaffen kann und muss und das ist auch gar nicht so schwer. Also, das Handy kann man ausstellen. Statt im Wohnzimmer zu arbeiten, kann man sich – gerade als Student – in die Bibliothek zurückziehen, wo es keinen Fernseher und keine Spielkonsole gibt. Sprich, ich glaube, Entzug, also sich der Möglichkeit Medien zu benutzen zu entziehen, ist im Grunde eine sehr wirksame Strategie, weil man dann eben der Versuchung erst gar nicht widerstehen muss."

Eingeübte Verhaltensweisen helfen bei allen Geräten

Wenn das schwerfällt, können auch Regeln helfen, sozusagen Verträge mit sich selbst: "So einfache Regeln wie: Ich belohne mich mit einer angenehmen Medientätigkeit, nachdem ich was geleistet habe. Ich schreibe jetzt erst einmal einen Absatz meiner Hausarbeit, oder ich kümmere mich um die Steuererklärung und danach nehme ich mir ein schönes Buch, schaue mir einen schönen Film an, et cetera. Solche Regeln und einfache Verhaltensmaximen können natürlich auch ein wertvoller Weg sein, um mit diesem Problem umzugehen." Der große Vorteil solcher eingeübter Verhaltensmuster ist, dass man sie nicht bei jedem Wechsel des Gerätes, oder jeder neuen Ablenkungsmöglichkeit neu lernen muss.

Seit im Nahen Osten und Nordafrika Fundamentalisten versuchen, Andersgläubige zu unterdrücken, wurde immer wieder die Sorge geäußert, dass die Neue Medien dazu führen könnten, Menschen zu radikalisieren und für den Krieg im Namen Allahs anzuwerben. Die Medienpsychologin Astrid Carolus von der Universität Würzburg hat das untersucht. Zunächst gab sie die Begriffe "Dschihad" und "ISIS" in Twitter als Begriffe, sogenannte Hashtags, ein: "Mit denen sind wir losgezogen und haben nach weiteren relevanten Hashtags gesucht. Und dann ging das ganz schnell weiter, wie in so einem Baum, in viele einzelne Zweige auf, wo dann tatsächlich andere Sprachen, Slangbegriffe, Fachbegriffe, Insider-Begriffe, die wir vorher auch gar nicht kannten, ganz schnell auftauchten. Und das heißt, wir hatten hinterher nicht nur zwei Hashtags, sondern eine ganze Traube von themenrelevanten Hashtags. Und die haben wir dann eingegeben, peu à peu, und für jeden dieser einzelnen Hashtags und dann Tweets gezogen und so kamen wir dann auf diese über 12.000 Tweets."

Die meisten radikalen Tweets gegen den Islam

Daraus wählte man dann eine weit geringere Anzahl, nämlich 800 Tweets, also Meldungen, um sie genauer zu untersuchen. Astrid Carolus: "Von diesen 800 Tweets haben wir geschaut, wie viele sind denn als radikal zu bewerten. Das waren schon mal ungefähr 50 Prozent. Jetzt haben wir geschaut, in welche Richtung geht denn diese Radikalität, weil das muss ja nicht unbedingt islamistisch sein, oder überhaupt mit dem Islam zu tun haben. Tatsächlich haben wir herausgefunden, die überwiegende Mehrheit der Tweets ist gegen islamistische Themen, spricht sich dagegen aus, ist dabei aber radikal. Also von diesen 400 radikalen Tweets war die Mehrheit gegen Islamismus und nur 14 von diesen 800 Tweets fielen bei uns tatsächlich in das Schema 'radikal und den Dschihad propagierend', also islamistisch."

Radikale Ansichten sind also weit verbreitet. Wer nach Propaganda, in diesem Fall für Islamismus sucht, der wird sie finden, aber die Wahrscheinlichkeit zufällig auf Propaganda zu stoßen ist recht gering. Ob aber Propaganda, die man nicht gesucht hat, dann trotzdem eine Wirkung entfaltet, ist fraglich.

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