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StartseiteDlf-MagazinKirchliche Schulen gegen sexuellen Missbrauch im Digitalen02.11.2017

Soziale MedienKirchliche Schulen gegen sexuellen Missbrauch im Digitalen

Internet und Social Media sind für junge Menschen voller Gefahren. Das Bistum Essen hat deshalb an seinen Schulen Missbrauchspräventions-Beauftragte ernannt. Und den Verein Innocence in Danger ins Haus geholt, der die Schüler über sexualisierte Gewalt in digitalen Netzwerken aufklärt.

Von Felicitas Boeselager

Julia von Weiler, vom Verein Innocence in Danger in Köln, äußert sich am 21.11.12 in Berlin bei einem Pressegespräch zu dem sexuellen Übergriff eines Pflegers an einer 14 Jahre alten Patientin in der Notaufnahme auf dem Campus Virchow (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
"Warum spüre ich Dinge analog leichter als digital?", fragt Julia von Weiler, Geschäftsführerin des Vereins Innocence in Danger, Jugendliche in ihren Workshops gegen sexuellen Missbrauch im Digitalen (picture alliance / dpa / Paul Zinken)
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"Ich bin total aufgeregt, heute ist es so weit, am Abend will mich mein Rockstar abholen, ich kann an nichts anderes denken, mache mich den ganzen Nachmittag nach der Schule fertig."

Ein Beamer wirft ein junges Mädchen auf eine große Leinwand. Sie ist die Protagonistin in einem Aufklärungsfilm, den sich ungefähr zehn Lehrer und Schüler anschauen. Sie sitzen in der Aula der Bistums Verwaltung in Essen. Das Mädchen aus dem Film will gerade zu einem wesentlich älteren Mann in ein Auto einsteigen. Mit dem Mann hatte sie monatelang gechattet und dachte eigentlich, dass er jünger sei.

"Drinnen sitzt ein Mann, aber nicht der Rockstar. Der ist viel älter."

"Was meint ihr? Steigt die ein?", fragt die Diplompsychologin und Geschäftsführerin von Innocence in Danger Julia von Weiler und stoppt den Film. In der Aula breitet sich Stille aus. Es geht um ein bedrückendes Thema. Von Weiler spricht mit den Schülern und Lehrern in Essen über sexualisierte Gewalt in digitalen Medien.

Diesem Thema nähert sie sich in ihrem Workshop schrittweise. Zuerst sollen die Teilnehmer ihren eigenen Medienkonsum hinterfragen – durch ein Spiel.

Workshop bindet das Digitale ans Analoge

Die Teilnehmer des Workshops stehen im ganzen Raum verteilt. Sie müssen Fragen zu ihrem Nutzerverhalten und zu ihren alltäglichen Beziehungen beantworten: Wie schnell muss man auf WhatsApp antworten? Darf man Freunde anlügen? Je nachdem, wie sie antworten, stellen sie sich an bestimmte Plätze in der Aula. Unter ihnen ist auch Hannah, eine Schülerin der zehnten Klasse. Sie hat sich bisher wenig Gedanken über ihren eigenes Medienverhalten gemacht:

"Ja, eigentlich ist jeder durchgehend erreichbar. Ich persönlich bin eigentlich nur offline, wenn ich schlafe. Oder Klausuren schreibe, wenn ich lerne. Das ist erschreckend, dass man so viel auf Social Media-Plattformen über andere Leute erfährt, aber ich in meinem Freundeskreis diskutiere nicht darüber, dass das erschreckend ist."

Das eigene Verhalten im Netz, scheint zunächst kaum mit dem Thema "sexualisierte Gewalt im Internet" gemein zu haben. Für die Präventionsarbeit ist es aber wesentlich, die Mechanismen von sozialen Netzwerken im Vergleich zum Alltag zu verstehen:

"In unserem Workshops schlagen wir immer wieder die Brücke zwischen Analog und Digital, in unseren Workshops geht es auch immer wieder darum diese Lebenswelten zu verbinden", erzählt von Weiler. "Immer wieder auch vor allem das Gefühl zu diesen Lebenswelten zu besprechen und zu reflektieren, warum spüre ich Dinge analog leichter als digital. Was bedeutet das, wo muss ich anders aufpassen."

Obwohl oder weil mit digitalen Medien aufgewachsen?

Und wirklich haben viele der Teilnehmer keine Antworten darauf, wie sie online Mimik, Gestik oder Nuancen in der Stimme ausdrücken können - oder eben wie sie spüren könnten, dass sie jemand digital bedrängt. Und das obwohl oder weil sie mit digitalen Medien aufgewachsen sind. Diese Selbstverständlichkeit mit der Jugendliche sich im Internet bewegen, also ihre Medienkompetenz, würden Erwachsene häufig mit Menschenverstand verwechseln, warnt von Weiler.

"Wenn Du Medienkompetenz ernst nimmst, heißt das, dass ich  selbstbewusst, selbstreflektiert, kritisch, diese Medien nutzen kann. Das kann ja immer nur altersentsprechend funktionieren, weil ich mit neun nur zu einer bestimmten Form der Kritikfähigkeit in der Lage bin und mit 14 schon zu einer anderen. Aber auf gar keinen Fall bin ich weder mit neun noch mit 14, noch mit 17 dazu in der Lage, eine Kritikfähigkeit einer erwachsenen Person zu haben."

Deshalb sei es wichtig Kinder von Anfang an bei ihrer Mediennutzung zu begleiten:

"Wenn die anfangen zur Schule zu gehen, begleite ich sie auch auf ihrem Schulweg und so muss ich sie auch auf ihren ersten digitalen Wegen begleiten."

Sexualisierte, erniedrigende, brutale Inhalte über WhatsApp

Das findet auch Deutsch und Geschichtslehrer Tobias Schulz. Er ist einer von zwei Missbrauchspräventions-Beauftragen am Mariengymnasium in Essen-Werden:

"Ich glaube es ist gang und gäbe an Schulen, dass zum Beispiel per WhatsApp Dinge verbreitet werden, die so nicht verbreitet werden sollten, wo man drüber nachdenken sollte, bevor man so etwas tut. Ob das jetzt sexualisierte Inhalte sind oder erniedrigende oder brutale Inhalte sind. Nicht alles ist sexualisiert, aber auch."

Diesen Eindruck bestätigt die Mikado-Studie der Universität Regensburg. Ihre Ergebnisse: 15 Prozent der Kinder in Europa zwischen neun und 14 Jahren haben online Nachrichten mit sexuellem Inhalt erhalten oder gesehen. Bei den 15- bis 16-Jährigen waren es bereits 22 Prozent. Die Zahlen erstaunen die Schüler in Essen nicht. Denn: manche Jugendliche machen von sich selber Bilder mit sexualisierten Inhalten, berichtet auch Hannah:

"Einmal das hab ich mitbekommen, da hat ne Freundin, wir waren morgens auf dem Weg zur Schule, und die hat dann erzählt, dass bei ihr auf der Schule, dass da ein Junge eine Nacktbild an eine Freundin geschickt hat. Und das ist zuerst nur an der Schule kursiert, weil dieses Mädchen das weitergeschickt hat, irgendwann war das auf allen Schulen vertreten."

Sie blockiert zwar inzwischen Nummern, die ihr sexuelle Inhalte schicken. Die ersten Bilder der Absender hat sie dann aber schon längst gesehen.

Anbieter zu Schutz-Mindeststandards verpflichten

Für Innocence in Danger steht deshalb fest: Die Medienkompetenz von Kindern zu stärken, reicht nicht. In erster Linie – so der Verein – gehe es aber darum, die Macht von sozialen Netzwerken einzuschränken:

"Ich finde, dass man Anbieter, die sich auch an Kinder und Jugendliche richten gesetzlich zu Schutz-Mindeststandards verpflichten muss. Und dazu gehört auch sowas wie eine Identitätsüberprüfung, wenn ich einen Spielplatz für Kinder einrichte muss ich mir einfach sicher sein, dass sich da Kinder aufhalten und vielleicht auch deren Bezugspersonen, aber nicht die anderen."

Das im Sommer verabschiedete und hoch umstrittene Netzwerkdurchsetzungsgesetz reiche bei Weitem nicht aus, um Kinder und Jugendlich im Netz zu schützen, sagt von Weiler. Dieses Gesetz soll regeln, wer verantwortlich ist für strafbare Inhalte auf Sozialen Plattformen: Dazu gehören zum Beispiel Hasskommentare aber eben auch sexualisierte Gewalt. Bei dem Gesetz sei die Politik vor der Wirtschaft eingeknickt, sagt von Weiler:

"Ich erwarte, dass man sie an den Punkten zur Verantwortung zieht, an denen man sie zur Verantwortung ziehen kann, und sie sind wahnsinnig mächtige Mitspieler, die dann aber, wenn es darum geht die Aufgaben zu verteilen, sich immer sehr charmant im Hintergrund halten."

Bisher liegt die Verantwortung im Umgang mit sozialen Medien vor allem bei den Schulen, den Eltern und nicht zuletzt bei den Kindern selber.

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