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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDas einseitige Schönheitsideal10.06.2021

Soziale Medien und Ess-StörungenDas einseitige Schönheitsideal

Ein perfektes Make-Up, eine gekonnte Pose - vor allem aber ein makelloser "Body": Das inszenierte Schönheitsideal von "Influencerinnen" auf Instagram und Tiktok setzt ihre weiblichen Fans unter enormen Druck. Die Corona-Pandemie hat das Bedürfnis nach Kontrolle über den eigenen Körper noch verstärkt.

Von Isabel Fannrich-Lautenschläger

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Berühmt im Netz und im Real Life: YouTube-Star Bianca "Bibi" Heinicke posiert neben ihrem Hologramm im Madame Tussauds Berlin.  (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
Von Schmink- und Modetipps auf YouTube zu Babyfotos auf Instagram - in Bianca Claßens "BibisBeautyPalace" sieht alles ziemlich perfekt aus (picture-alliance / dpa / Jens Kalaene)
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"Body-Bilder" Körperproduktion in Echtzeit

Im "Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen" hat in der Coronazeit ständig das Telefon geklingelt. Nicht nur die Anrufe besorgter Eltern hätten zugenommen, sagt die Leiterin der Einrichtung, Sigrid Borse. Auch junge Mädchen selbst würden sich an sie wenden und von einem enormen Optimierungsdruck in den sozialen Medien berichten:

"Anna ist 13 Jahre alt, hat ein Bild von sich gepostet auf Instagram aus einem Urlaub – ein Bild, das aus ihrer Sicht wunderschön ist. Und bekommt als Kommentar: 'Du siehst aus wie ein gestrandetes Walross.' Dieser beschämende, diskriminierende Kommentar löste bei Anna aus, dass sie ihr Essverhalten massiv reguliert, sie hungert, sie nimmt immer mehr ab und gerät in eine Negativspirale aus Hungern, Heißhungerattacken und letztlich Erbrechen."

Influencerinnen leben einseitiges Schönheitsideal vor

Was angesagt ist und als schön gilt, geben häufig sogenannte Influencerinnen vor. Die einflussreichen Mädchen und jungen Frauen werben in sozialen Netzwerken wie Instagram oder Facebook nicht nur für einen bestimmten Kleidungsstil, Trainingseinheiten und Ernährungsweisen. Sie postulieren darüber hinaus ein einseitiges Schönheitsideal, kritisiert Melodie Michelberger, Autorin des Buchs "Body Politics".

"Der Großteil der Influencerinnen, die wirklich sehr viele Followerinnen haben, Hunderttausende oder auch Millionen, vor allem im deutschsprachigen Raum sind das ausschließlich Influencerinnen, die dem Schönheits-Ideal entsprechen, sind alle schlank, haben helle Haut, meistens helle Haare, sind alle relativ jung. Und das ist der Großteil, wirklich 90 Prozent. Jugendliche wachsen ja genau auch in dieser Gesellschaft auf – wie wir Erwachsenen auch – und sehen diese perfekten Bilder von den Menschen, die so vermeintlich perfekt aussehen."

Andere Körperbilder in der digitalen Welt verbreiten

Die 44-Jährige* hat nach einer langen Zeit der Diäten und Ess-Störungen dem Schönheitswahn den Rücken gekehrt. Seit einigen Jahren zeigt sich die Aktivistin, mittlerweile selbst Influencerin, mit fülliger Gestalt etwa im Bikini und  versucht, in der digitalen Welt auch außerhalb ihrer Anhängerschaft andere Körperbilder zu verbreiten.

"Dann weiß ich schon immer, dass ganz viele negative Kommentare kommen, die mir sagen, dass ich das nicht darf, dass ich hässlich bin, dass ich falsch bin, dass ich ein falsches Körperbild promoten würde. Das ist natürlich immer dann auch ein bisschen ernüchternd."

Dass soziale Medien sich stark auf die Körperzufriedenheit und das Wohlbefinden junger Menschen auswirken, haben Studien längst gezeigt. In Deutschland untersuchten jetzt erstmals Wissenschaftlerinnen von der Hochschule Landshut und dem "Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen" IZI in München, wie das Nutzen von Instagram, Facebook und Tiktok mit Ess-Störungen zusammenhängt.

Studie zeigt Zusammenhang zwischen sozialen Medien und Ess-Störungen

In einer Studie befragten sie 175 Mädchen und junge Frauen aus mehreren therapeutischen Einrichtungen. 74 Prozent der Befragten posten, stellen also Fotos und andere Inhalte online und versuchen, sich dort von ihrer besten Seite zu zeigen. Mehr als ein Drittel verknüpft dies mit der eigenen Erkrankung. Mehr als Zweidrittel passen ihre Ess- und Trainingsgewohnheiten dem der Internet-Vorbilder an. Dr. Maya Götz, Leiterin des IZI, spricht von einer Spirale:

"Sie hatten das Gefühl, ich muss mich noch schöner positionieren, ich muss die gleichen Gesten machen. Die Hälfte der Mädchen benutzt Filter, um den Körper zu verändern, also entweder Pickel aus dem Gesicht oder die Haare ein bisschen ordentlicher oder den Körper schlanker. Und dann entsteht eine ganz fiese Logik: Wenn sie dann darauf besonders viele Kommentare und Likes bekommen, dann haben sie das Gefühl: Oh super, so komme ich an, aber so sehe ich ja gar nicht in Wirklichkeit aus. Das heißt, so wie ich bin, reicht es nicht. Sie fangen dann noch mehr an, noch mehr abzunehmen, noch mehr ihr Essen zu kontrollieren und sich Stück für Stück mit Filtern so schön zu machen, wie sie nach ihrem inneren Bild sind."

Ein Drittel aller Mädchen, so die Erfahrungswerte, ist gefährdet, essgestörtes Verhalten zu entwickeln. Bei zwei Prozent kommt es zu pathologischen Formen, die stationär in einer Klinik behandelt werden müssen. Den Wettbewerb um bestimmte Schönheitsideale im Internet wie der Abstand zwischen den Oberschenkeln im Stehen bezeichnen die Expertinnen deshalb als gefährlich.

Ein blondes attraktives Mädchen sitzt in ihrem Zimmer auf dem Boden und macht Selfies  (Imago | Felix Jason)Der richtige Kamerawinkel und der Schmollmund sind ein absolutes Muss bei der Jagd nach Likes (Imago | Felix Jason)

Wettbewerb um Schönheitsideale ist sehr zeitaufwändig

Und er kostet im Alltag viel Zeit. Bei der Befragung sagten die Mädchen, sie würden teilweise 30 bis 50 Fotos machen – bis sie endlich das perfekte Bild gefunden haben. Nach dem Hochladen ins Internet hoffen sie auf positive Kommentare, indem auch sie anderen Mädchen Komplimente machen. Im Alter von 15 bis 17 Jahren sei es üblich, eine Lieblings-Influencerin zu haben, sagt Maya Götz. Und spricht von den neuen Heldinnen dieser Zeit, die sich von den Männern unterscheiden.

"Bei den Männern, die können eine ganze Bandbreite präsentieren, das heißt von Sport über Gaming über Witze und bis zu Musik. Und für Frauen bleibt, die können sich nur dann finanzieren, wenn sie in diesen Make-up-, Schönheits-, Modebereich gehen oder Lifestyle, Fitness. Wenn eben Mädchen sich diese neuen Heldinnen angucken, dann sind das die Heldinnen, die genau beschreiben, wie wenig sie essen, wie sie ein bisschen das Gewicht wieder reduzieren – auch wenn das keiner nachvollziehen kann."

Die Möglichkeit, sich mit anderen zu vergleichen, sei durch die sozialen Medien viel größer geworden, stellt Aktivistin Melodie Michelberger fest – übt daran aber nicht nur Kritik.

Soziale Medien ermöglichen auch Gegenbewegung mit positivem Körperbild

Denn gerade jene Jugendliche, die nach alternativen Bildern suchten, könnten im Internet die "Body Positivity Community" entdecken. Eine Bewegung, die eine positive Einstellung zum Körper propagiert und auf das ältere "Fat Liberation Movement" aus den USA zurückgeht.

"Wir reden oft so negativ über die sozialen Medien, aber sie können eben auch als Verstärker wirken für etwas Positives. Von 13-, 14-Jährigen kommt ganz oft das Feedback: Danke, dass du da bist, danke, dass du uns zeigst, dass es auch anders geht, dass wir uns nicht mit 16 schon Botox spritzen müssen und dass es okay ist, einen Bauch zu haben und trotzdem Bikini zu tragen."

Wie kommt es zu diesem Rückgriff auf knebelnde Schönheitsideale? Einerseits wachsen Mädchen heute mit einem großen Selbstwertgefühl auf, sagt Maya Götz. Andererseits steht ihr Äußeres von früh an häufig im Mittelpunkt.

"Schon im Kindergarten: Wenn ein Mädchen ein neues Kleid anhat, dann kann man die Uhr danach stellen, dass andere Mütter oder die Erzieherinnen sagen: Oh, hast du ein schönes Kleid an. Wenn ein Junge eine neue Hose anhat, sagt keiner: Oh, du hast ja eine schöne Hose an. Von Anfang an verweisen wir Mädchen auf ihre Äußerlichkeit, sagen, das ist das Wichtigste an dir. Damit wird unheimlich viel Geld verdient, und dementsprechend wird sich das auch nicht verabschieden."

Corona-Pandemie: Bedürfnis nach Kontrolle und Orientierung steigt

Dass Ess-Störungen in der Corona-Zeit zunehmen, erklärt Eva Wunderer abgesehen vom erhöhten Stellenwert sozialer Medien mit dem Bedürfnis, in einer unsicheren Zeit die Kontrolle zumindest über den eigenen Körper zu erlangen. Und auf Plattformen wie Instagram Orientierung finden zu wollen, so die Professorin für Psychologie an der Hochschule Landshut. Seien hier doch nicht nur Influencer, Models und Fitness-Bloggerinnen versammelt, sondern auch der Junge und das Mädchen von nebenan.

"Dann ist das zweite, dass das mein Selbstwert erhöht, wenn ich merke, ich komme dort an, ich bekomme vielleicht auch Likes für ein Bild, das ich poste. Ich fühle mich zugehörig. Das haben auch die jungen Frauen in unserer Studie gesagt: Ich brauch diese Rückmeldung, um das Gefühl zu haben, ich gehör' dazu, ich bin Teil dieser Gruppe. Und es macht einfach Spaß. InfluencerInnen verkaufen sich ja als die Frau, der Mann von nebenan, als die gute Freundin. Sie kommen auf so einer kommunikativen Ebene, wo sie sagen: Schau mal, ich bin wie du, und ich mag dich."

Was tun, um der Spirale zu entkommen? Nach Ansicht von Eva Wunderer sollten die Eltern und Fachkräfte mit den Jugendlichen viel mehr sprechen – statt mit dem erhobenen Zeigefinger zu kommen.

"Weil das Leben besteht zu einem guten Teil auch aus sozialen Medien bei Jugendlichen und jungen Menschen. Das kann ich nicht wegleugnen, und das kann ich ihnen auch nicht absprechen. Ich muss versuchen, dem wertneutral gegenüber zu stehen und zu schauen, dass ich wirklich mit einsteige ein Stück weit. Also nicht auf den gleichen Sites als Mutter unterwegs bin oder gar kontrolliere, aber sage: Ich interessiere mich dafür."

Medienkompetenz statt erhobener Zeigefinger

Die Jugendlichen wüssten alle, dass die Bilder verfremdet und bearbeitet sind. Dennoch empfänden sie diese häufig als schöner und sogar als natürlicher. Warum ist das so? Und welche Interessen verfolgen die Influencer? Sigrid Borse, Vorsitzende des "Bundes-Fachverbands Essstörungen", fordert, die Medienkompetenz aller Beteiligten zu stärken – und zu fragen:

"Was fasziniert dich eigentlich an den Bildern in den sozialen Medien? Was tust du, um ein perfektes Bild von dir zu inszenieren? Und was befürchtest du auch, wenn du einmal kein perfektes Bild von dir posten würdest? Bleiben Sie im Gespräch und versuchen Sie, die Mädchen von dem Perfektionsdruck zu entlasten. Sorgen sie dafür, dass die Mädchen Erfahrungen machen, wo sie sich in allen Bereichen ihres Wesens, in allen Facetten, wertgeschätzt fühlen und nicht nur über das Aussehen."

Weg von der Selbstoptimierung, so lautet auch die Botschaft von Melodie Michelberger in einem Podcast, den in Kürze das Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen startet. Die Körperbilder in den sozialen Medien sollen diverser werden.

"Wir kreieren eben genau andere Bilder, wir zeigen, dass jeder Körper ein Bikini-Körper ist. Wir zeigen Körper, die nicht dem Schönheits-Ideal entsprechen, also zum Beispiel dick-fette-Körper, die man sonst ja auch nicht sieht. Für mich ist es so dieses Gefühl, ich will da sein, und ich will wie ein Stopper sein in dieser vermeintlich perfekten Social-Media-Welt."

*Anmerkung: Wir haben die Altersangabe aus einer vorherigen Fassung korrigiert.

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