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StartseiteWissenschaft im BrennpunktMassenexperiment mit offenem Ausgang29.08.2021

Soziale Medien und JugendlicheMassenexperiment mit offenem Ausgang

Die Wissenschaft sagt: keine Panik! Viele Eltern haben eine andere Wahrnehmung. Unserer Autorin bereiten die Smartphones und der Medienkonsum ihrer Kinder Bauchschmerzen. Was muss sich ändern? Und welche Rolle könnten Technologieunternehmen in der Forschung und beim Jugendschutz künftig spielen?

Von Wibke Bergemann

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Ein Mädchen schaut im Bett auf sein Smartphone (imago/Ute Grabowsky/photothek.net)
Smartphones und Soziale Medien gehören wie selbstverständlich zum Alltag von Jugendlichen - ein soziokulturelles Experiment mit offenem Ausgang (imago/Ute Grabowsky/photothek.net)
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"Ich persönlich finde es ziemlich erschreckend, wenn ich da sehe, wie lange ich am Handy war." "Was steht denn da bei Dir?" "An einem schlechten Tag sind es auf dem Handy generell 5 bis 6 Stunden. Und ich versuche immer so einen Wochendurchschnitt von 3 Stunden zu schaffen."

Meine Tochter und ihre Freundin stehen ein Jahr vor dem Abitur. Diszipliniert lernen sie für ihre Klausuren, doch über ihren Social-Media-Konsum haben sie wenig Kontrolle. Mein 13-jähriger Sohn sitzt währenddessen an der Playstation in seinem Zimmer: Er, der sonst eher zurückhaltend und schüchtern ist, grölt und lacht, während er mit seinen Freunden auf Fortnite spielt. Es gibt nichts, was ihm so viel Spaß bringt, wie dieses Computerspiel. Mein Bauch sagt mir, das ist nicht gesund. Was sagt eigentlich die Wissenschaft?

"Ja, jeder erschreckt sich, oh, 14 Stunden! Aber dann lacht man und macht einfach weiter." "14 Stunden?" "Ja, die gibt’s auch auf’m Gymnasium." "Wie geht das?" "Die schlafen halt nicht so viel, die spielen bis 2 oder 3 Uhr nachts. Also, das hört man öfter mal von den Leuten."

Cybermobbing und Dauer-Vergleichsdruck

Allein von den Freunden der beiden werden täglich rund 40 sogenannte Stories, also aktuelle Foto-Slideshows, gezeigt. Dazu kommen die Posts der Influencer, denen sie folgen.

"Ich finde es krass , wie viel über jemanden geredet wird. Früher wurde vielleicht auch so viel über jemanden geredet, aber da hatte man nicht ein Bild und konnte nicht sagen, haha, guck mal, wie das Bild aussieht. Jetzt wird die ganze Zeit, oh guck mal, wie er da aussieht und wie er da aussieht, und guck mal, was er da gepostet hat. Und selbst Sachen, die nur für 24 Stunden da sind, dann wird das gescreenshottet und dann bleibt das für immer." "Egal, ob es eine Nachricht ist oder ein Foto oder ein Video, alles wird gegen dich verwendet."

Laut der aktuellen JIM-Studie sind 8 Prozent der Jugendlichen schon einmal Opfer von Cybermobbing geworden. Dass jemand gezielt fertiggemacht wird, haben meine Tochter und ihre Freundin noch nicht erlebt – aber die Grenzen sind fließend. Und dann ist da natürlich noch das Problem mit dem sozialen Vergleich. Es sieht immer so aus, als seien die anderen hübscher, hätten mehr Freunde und erlebten tollere Sachen.

"Gestern war ich mit Freunden, wir haben uns den Sonnenuntergang angeguckt und ich habe ein Foto gemacht, wie wir da waren. Und dann habe ich das auch auf Instagram gepostet. Und dann habe ich gemerkt, dann denken die so, ah, ich bin jeden Tag draußen mit 10 Freunden. Nein, bin ich nicht. Am nächsten Tag sehe ich 10 Freunde, die am See chillen. Und dann bin ich so: Oh, warum bin ich nicht mit meinen Freunden am See."

Ein Mädchen sitzt in ihrem Zimmer auf dem Boden und macht "Selfies"  (Imago | Felix Jason)Der Vergleichsdruck in sozialen Medien um die äußere Attraktivität ist besonders für Mädchen problematisch (Imago | Felix Jason)

Depressionen und Suizidgefahr durch Smartphone-Nutzung?

Die US-Psychologin Jean Twenge warnte 2017 in ihrem alarmierenden Buch "iGen", dass die Verbreitung von Smartphones mit steigenden Zahlen von Depressionen und Suizidalität unter Teenager-Mädchen in den USA einhergehe. Die Botschaft ist in meinem Kopf hängen geblieben, obwohl Twenge für Ihre Methoden stark kritisiert worden ist. Haben Smartphones tatsächlich so schwere Nebenwirkungen? Amy Orben, Psychologin an der Universität Cambridge und ihr Oxforder Kollege Andrew Przybylski sehen in einer großen, 2019 in "Nature" veröffentlichten Studie keine Belege dafür:

"Was wir herausgefunden haben, ist, dass die Korrelation zwischen dem Essen von Kartoffeln, also wie oft ein Kind Kartoffeln isst, so um die gleiche Größe hat. Die Korrelation von Essen von Kartoffeln und ihrer geistigen Gesundheit hat dieselbe Größe wie die Korrelation von digitaler Mediennutzung mit der geistigen Gesundheit."

Eine ziemlich provokante These. Doch Orben und Przybylski haben es sich nicht leicht gemacht und eine große Datenmenge ausgewertet: drei Umfragen unter insgesamt mehr als 350.000 britischen und US-amerikanischen Jugendlichen. Die 12- bis 18-Jährigen sollten angeben, wie viel Zeit sie mit digitalen Medien verbringen. Zudem wurden sie nach ihrem Wohlbefinden gefragt, auch nach suizidalen Gedanken und Depressionssymptomen.

Und tatsächlich, bei ihrer Analyse der Daten konnten Orben und Przybylski einen Zusammenhang zwischen hoher Bildschirmzeit und geringerem Wohlbefinden finden. Aber: "Diese Korrelation ist sehr, sehr klein. In großen Datensätzen werden diese Korrelationen natürlich signifikant und nachweisbar, aber sie sind klein. Und in einem Teil der Arbeit habe ich versucht, verschiedene Herangehensweisen zu nutzen, um dem Leser zu kommunizieren, wie klein diese Korrelationen sind."

Studien zeigen Korrelationen, aber keine Kausalitäten

So ging ein geringeres Wohlbefinden der Jugendlichen weitaus häufiger beispielsweise mit Mobbing, Schlafmangel oder Cannabiskonsum einher. Und eben auch mit Kartoffeln essen. Amy Orben:

"Es zeigt uns eigentlich gar nichts über die Effekte der digitalen Mediennutzung, denn es sind alles Korrelationen. Es zeigt keine Kausalitäten. Es könnte jetzt zeigen, dass wenn Kinder in reicheren Haushalten groß werden, dass da weniger Kartoffeln gegessen werden. Oder in besseren Schulen, wo die Kantinen mehr auf gesunde Ernährung achten, die Kinder dann weniger Kartoffeln zu sich nehmen. Wir sehen immer, dass Kinder, die in Haushalten großwerden, wo Eltern mehr Geld haben oder höheren sozialen Standpunkt, dass die Kinder ein besseres Wohlbefinden haben überhaupt. Und deswegen könnte die Korrelation zwischen Kartoffeln essen und negativem Wohlbefinden durch eine ganz andere kausale Beziehung herkommen."

Ein weiteres Problem der Studie: keine statistische Auswertung ohne eine Vielzahl an subjektiven Entscheidungen. Welche Daten fließen ein, wie werden sie gewichtet? Diese Entscheidungen sind zwar sachlich begründet, haben aber immer auch Auswirkungen auf die Ergebnisse.

Ein Jugendlicher betrachtet Inhalte auf seinem Smartphone. (picture alliance / dpa / Tobias Hase)Wie Individuen Medien nutzen, lässt sich kaum quantifizieren - zumal die Plattformen ihre Inhalte wiederum individuell anpassen (picture alliance / dpa / Tobias Hase)

Mediennutzung lässt sich kaum einheitlich quantifizieren

Ein Beispiel: Ein Team um die Epidemiologin Yvonne Kelly an der Londoner College University wertete ebenfalls die britische Millenium Cohort Study aus - einen der drei von Orben und Przybylski untersuchten Datensätze – und kam zu einem ganz anderen Ergebnis. Demnach zeigen Teenager, die nach eigenen Angaben mehr als 5 Stunden online verbracht haben, zu 50 Prozent häufiger depressive Symptome als Gleichaltrige, die weniger als 3 Stunden digital unterwegs waren. Wie kann das sein? Kelly und Kollegen differenzieren: Die klare Korrelation zeigt sich nämlich besonders für Mädchen und besonders bei der übermäßigen Nutzung von sozialen Medien. Amy Orben:

"Wie quantifiziert man diese ganz verschiedenen Arten und Motivationen von Teenagern und Kindern, Technologie individuell zu nutzen? Und die Plattformen passen sich ja auch algorithmisch den Individuen an und das macht das alles sehr kompliziert. Aber deswegen ist es sehr wichtig, dass wir anfangen, auf verschiedene Arten von Teenagern zu schauen. Und wie die verschiedenen Arten der Mediennutzung sich auf sie auswirken."

Seit rund 15 Jahren versuchen Psychologinnen und Psychologen die Auswirkungen von digitalen Medien zu vermessen. Seitdem sind zahlreiche Studien veröffentlicht worden: weniger Langzeit-, sondern vor allem Querschnittsanalysen, die Korrelationen zeigen, keine Kausalitäten. Geht es Teenagern nicht gut, weil sie zu viel Zeit in sozialen Medien verbringen? Oder sind sie umgekehrt deswegen zu viel Zeit online, weil es ihnen nicht gut geht? Oder noch anders: Gibt es eine ganz andere Ursache für beides? Die Frage bleibt offen.

Reine Mediennutzungsdauer ist wenig aussagekräftig

Ein anderer Ansatz: In Experimenten werden Versuchsteilnehmer angehalten, ihren Social-Media-Konsum deutlich zu verringern bzw. zu erhöhen, um dann die Effekte auf ihr Wohlbefinden zu messen. Tatsächlich geht es denjenigen, die nicht vorzeitig abbrechen, mit weniger Konsum meistens besser. Fraglich ist jedoch, wie realistisch solche Experimente sind.

Lag der Fokus der Forschung zunächst bei Internetspielen und Social Media, geht es immer häufiger inzwischen auch um Smartphones und digitale Medien insgesamt. Das macht die Vergleichbarkeit nicht einfacher. Zudem sind die Ergebnisse widersprüchlich: Während manche Studien deutlich negative Auswirkungen finden, zeigen andere keine oder sogar positive Effekte. Meta-Analysen und Übersichtsarbeiten kommen zu ähnlichen Ergebnissen wie Orben und Przybylski: Im Mittel gibt es einen schwachen Zusammenhang zwischen übermäßiger Medienzeit und einem geringeren Wohlbefinden. Amy Orben:

"Wenn ich 20 Minuten als Mädchen auf Seiten schaue, die vielleicht Essstörungen glorifizieren oder sehr dünne Körper zeigen, ist das was anderes, als wenn ich mich 20 Minuten mit meinen Freunden austausche, weil wir im Lockdown keinen Präsenzunterricht haben. Das ist natürlich komplett verschieden."

Problemfälle gehen in großen Datensätzen unter

Was die Forschung so schwierig macht: Eine enorme Anzahl an Nutzerinnen und Nutzern, mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen und sehr unterschiedlichem Verhalten. Ein Team um die Kommunikationswissenschaftlerin Ine Beyens an der Universität Amsterdam stellte beispielsweise fest, dass die Nutzung sozialer Medien sich individuell ganz unterschiedlich auf die Stimmung auswirken kann: Während sich fast die Hälfte der befragten Teenager danach besser fühlte, ging es 10 Prozent eher schlechter. Was für die einen ein schönes Erlebnis war, drückte bei anderen die Laune.

Das Beispiel zeigt: In großen Datensätzen wie bei Orben und Przybylski gehen die einzelnen Fälle unter, selbst wenn sie mit viel Leid für den Betroffenen verbunden sind. Man muss also genauer hinschauen: Wer nutzt warum welche digitalen Medien? Und wer ist gefährdet? Orben:

"Wenn über ADHS gesprochen wird, ist es sehr viel, wie können wir Plattformen designen, die es Kindern erlauben sich darauf zu engagieren, aber dann auch wieder davon wegzukommen. Dagegen wenn man mit Psychiatern spricht, die sich mit Kindern mit Depressionen auseinandersetzen, da hört man viel mehr über dieses quantifizierte Selbst. Dass durch die sozialen Medien wir alle Profile von uns selbst haben und die Leute uns soundso viele Likes gegeben haben."

Ein kleiner Junge spielt Fortnite am Computer. (imago/Ritzau Scanpix)Computerspiele sind speziell für männliche Jugendliche extrem attraktiv (imago/Ritzau Scanpix)

Typische Risikofaktoren für problematische Mediennutzung

In der Forschung zeichnen sich bestimmte Risikofaktoren für einen problematischen Gebrauch ab. Rainer Thomasius, Leiter des Suchtbereichs der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Eppendorf in Hamburg:

"Es geht um Jugendliche mit einer erhöhten Stressempfindlichkeit, mit einer Neigung zur Depressivität und Ängstlichkeit, Unsicherheit, einem negativen Selbstkonzept. All dies sind Risikofaktoren, die in einen pathologischen Medienmissbrauch führen können. Die Jugendlichen versuchen dann, über das Computerspielen oder die sozialen Medien ihr persönliches Handicap gewissermaßen zu kompensieren. Auf der anderen Seite, wenn sich eine Mediensucht gebildet hat, dann ist das auch ein Problem, das sich chronifizieren kann, verselbstständigen kann."

Rainer Thomasius erlebt in seiner beruflichen Praxis die Jugendlichen, die eine richtige Sucht entwickelt haben: Das sind schätzungsweise 3 bis 5 Prozent der Jugendlichen in Deutschland. Korrekter Weise muss man sagen: Eine offizielle Diagnose etwa in der WHO-Klassifikation der Krankheiten gibt es bislang nur für die Computerspiel-Sucht.

Schule, Aktivitäten und Realkontakte werden vernachlässigt 

Doch die Kriterien lassen sich auch auf andere digitale Medien übertragen. Wie bei anderen Sucht-Erkrankungen erleben Betroffene einen Kontrollverlust, ihnen wird einfach alles andere egal. Viele seiner Patienten sind seit einem Jahr oder länger nicht mehr in der Schule gewesen. Häufig haben sie weitere psychische Probleme, so genannte Komorbiditäten, wie etwa Aufmerksamkeitsstörungen und Depressionen.

Zusätzlich schätzt Thomasius, dass 10 Prozent der Jugendlichen zwar nicht süchtig sind, aber eine problematische Mediennutzung zeigen:

"Es gibt Warnsignale. Wenn Jugendliche bis dahin wichtige Aktivitäten vernachlässigen. Das kann die Schule sein, das können Freizeitaktivitäten sein, das Treffen mit Freunden im Realkontakt. Wenn Jugendliche geneigt sind, immer mehr Zeit für Computerspiele zu verwenden. Wenn Konflikte eskalieren über den Nutzungsumfang, bei Begrenzungsversuchen der Eltern. Dann ist aus meiner Sicht eine Schwelle überschritten."

KiGGs-Studien sehen keinen negativen Effekt - zurecht?

Sind die "digital natives" also eine zerstörte Generation, wie die US-Amerikanerin Jean Twenge meint? Wohl kaum. In Deutschland führt das Robert-Koch-Institut seit 2003 im Rahmen der sogenannten KiGGs-Studien große Umfragen unter Jugendlichen durch. Dabei hat sich die psychische Gesundheit von Teenagern in Deutschland zwischen 2003 und 2017 nicht verschlechtert, sondern sogar leicht verbessert. Auch die Selbstmordrate bei den unter 20-Jährigen ist hierzulande eher leicht gesunken. Rainer Thomasius:

"Ich denke nun auch nicht, dass die exzessive Mediennutzung zu einer Zunahme psychischer Störungen führt. Die Störungspotentiale liegen auf einer anderen Ebene, die beispielsweise in der KiGGs-Studie gar nicht erfasst werden. Es geht hier um Entwicklungsbeeinträchtigungen. Beeinträchtigungen der altersgemäßen Entwicklung im Bereich der kognitiven Funktionen, der Hirnentwicklung. Es geht um Beeinträchtigungen im Bereich der motorischen Entwicklung, der Wahrnehmungsfunktionen und auch der persönlichen Bindungsstile."

Noch ist die Studienlage zu diesen indirekten Effekten nicht eindeutig. Einig sind sich die Forscher darüber, dass ein hoher Medienkonsum zu Schlafmangel und Schlafstörungen führt. Das klingt erst mal harmlos, ist aber über längere Zeit für Jugendliche mit vielen negativen Folgen verbunden.

Ein weiblicher Teenager schaut auf das Smartphone (imago | westend61)Dass Bildschirmzeit tatsächlich "wertvollere" Tätigkeiten verdrängt, ist nicht erwiesen (imago | westend61)

Bildschirm-Zeit ist nicht zwangsläufig weniger wertvoll

Und sonst? Kommen nicht andere wichtige Dinge zu kurz, wenn man die ganze Zeit am Smartphone verbringt? Die Pädagogin Susan Neuman formulierte schon 1988 die "Displacement Hypothese" und warnte davor, dass Fernsehgucken das Bücherlesen verdränge. Studien, die diesen Verdrängungseffekt auch für digitale Medien überprüfen, kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Amy Orben warnt vor falschen Kategorien:

"Oft denkt man, eine Stunde am Bildschirm gegenüber einer Stunde mit Freunden im Feld spielen, oder einer Stunde Klavier spielen oder einer Stunde den Eltern beim Kochen helfen. Wenn man sich anschaut, was die Bausteine der Hypothese sind, hat man eine ziemlich privilegierte Sicht auf Kindheit. Und das muss man auch hinterfragen. Wenn für manche Kinder diese Zeit am Bildschirm mehr pädagogischen Wert hat, weil sie vielleicht nicht rausgehen können, weil es nicht sehr viele Parks in der Umgebung gibt. Oder weil sie nach der Schule nicht Aktivitäten haben, die sehr bildungsfördernd sind."

Die meisten Jugendlichen werden also weder süchtig noch psychisch krank durch digitale Medien. Vielmehr scheinen Jugendliche in Deutschland heute psychisch gesünder zu sein als noch vor 15 Jahren. Und auch für die andere Frage, nämlich ob sie langfristig in ihrer kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung beeinträchtigt werden, gibt es bislang keine eindeutigen Belege. Der bisherige Stand der Forschung steht in einem merkwürdigen Gegensatz zum Alarmismus mancher Schlagzeilen und dem Bauchgefühl vieler Eltern. Amy Orben:

"Wenn wir uns wirklich an die wissenschaftlichen Fakten halten, dann wissen wir wirklich sehr wenig. Es ist fast ein Disconnect zwischen den gesellschaftlichen Fragen und den wissenschaftlichen Fragen, wie wir uns gesellschaftlich mit dem Verhalten unserer Kinder in den digitalen Medien auseinandersetzen und dem, was wir wirklich erforscht haben."

Corona-Pandemie könnte Problematik verschärft haben

Die Forschung hinkt der technologischen Entwicklung hinterher und bietet aktuell nur wenig Orientierung bei der Frage, wie viel Mediennutzung Jugendliche wirklich vertragen. So wurden beispielsweise die Daten der Studie von Orben und Przybylski vor 2017 erhoben. Und schließlich hat die Corona-Pandemie die Online-Nutzung von Jugendlichen noch einmal deutlich verstärkt. Die Erforschung dieser Entwicklung fängt gerade erst an.

"Wissenschaft ist wie auf Schatzsuche zu gehen auf einer Insel. Wäre die Effektstärke groß, wäre die Schatztruhe, die ich auf der Insel finden kann, extrem groß. Das heißt, wenn die Schatztruhe extrem groß ist, dann brauche ich weniger Leute, die mitmachen. Dann würde ich diese Effekte sehr, sehr schnell finden."

So beschreibt Christian Montag, Molekularpsychologe an der Universität Ulm, die Situation. Dabei gibt es – zumindest in Hinblick auf die Nutzung von sozialen Medien – sogar Schatzkarten, die anzeigen, wo auf der Insel man fündig werden könnte.

"Bei Facebook haben die jetzt auf allen Plattformen zusammen fast 3 Milliarden Nutzer, also annähernd die Hälfte der Menschheit nutzt einen Facebook-Service. Da haben die natürlich unglaublich viele Daten, die sie über einen sehr, sehr langen Zeitraum gesammelt haben. Die haben natürlich eine Menge Einsichten darüber und wissen, welche Kombination von Dingen sich wie auswirkt auf Wohlbefinden oder eben auch auf die Onlinezeit."

Online-Plattformen sollten stärker mit Wissenschaft kooperieren

Wie viele seiner Kollegen beklagt Montag, dass auf der einen Seite die großen Technologie-Unternehmen viel für Forschung ausgeben, um das Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer besser zu verstehen und die Plattformen zu optimieren. Auf der anderen Seite stehen unabhängige Wissenschaftler wie er, denen die Daten fehlen und die der Entwicklung immer hinterherlaufen. Die Tech-Unternehmen müssten Nutzerdaten zur Verfügung stellen und mit der Wissenschaft kooperieren, meint auch Amy Orben.

"Was wäre, wenn wir die digitalen Daten von diesen Kindern und Jugendlichen und Erwachsenen mit diesen Fragebogedaten von über 10, 20 Jahren verbinden könnten? Wenn Facebook, Google, Fifa oder TikTok diese Daten freigibt und wir die ethisch und mit Datenschutz kombinieren könnten. Ich denke, dann könnte man wirklich weitergehen als nur zu fragen, wie wirken sich die Minuten auf dem Smartphone auf das Wohlbefinden aus? Sondern könnte viel mehr über die Entwicklung von Kindern Studien schrieben. Alle diese Nuancen könnte man besser auswerten."

Doch wie realistisch ist diese Forderung? Würden Unternehmen, deren Geschäftsgrundlage es ist, Daten über das Verhalten ihrer Nutzer zu sammeln, diese Informationen jemals zur Verfügung stellen? Orben: "Die Europäische Union ist Vorreiter in GDPR, in Datenregulierung. Die Idee, dass Daten den Nutzern gehören oder dass Nutzer ihre Daten kontrollieren könnten, da ist nur noch ein kleiner Sprung zu sagen, vielleicht könnten Nutzer ihre Daten Wissenschaftlern übergeben. Wie können wir die Daten anwenden, damit sie auch sozial etwas Positives bewirken und nicht nur von den großen Facebooks und Googles angewendet werden, um die Produkte besser zu machen?"

Jugendliche fotografieren Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem Smartphone (2014) (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)Politische Meinungsbildung per Social Media statt über "klassische Medien" ist bei Jugendlichen die Regel (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)

Politische Meinungsbildung über soziale Medien heikel

Es gibt noch etwas ganz anderes, was mir Sorgen bereitet: Meine Tochter und ihre Freundin erzählen mir, wie stark sie politisch auf sozialen Medien beeinflusst werden. Auf Instagram und Tiktok erhalten sie zahlreiche politische Posts.

"Genau, es gab so viel zu den Grünen. So viel Negatives, über die ganzen Verbote. Einfamilienhäuser werden verboten, Inlandsflüge werden verboten. Sylvester wird verboten. Manche Ansätze haben ja auch einen Ursprung. Aber wie die rübergebracht werden." "Zum Beispiel eine Freundin von mir hat mir ein Video geschickt, das auch irgendwie über die Grünen geredet hat. Und dann habe ich mir ein bisschen seinen Account angeguckt und da hat er weiter unten irgendwas Frauenfeindliches gesagt. Da habe ich auch gedacht, warte mal, von wem lasse ich mir jetzt das Wahlprogramm der Grünen erklären. Natürlich ist es sehr einfach. Natürlich ist es sehr einfach, sich ein Video anzugucken, das eine Minute dauert, von jemandem in deinem Alter, sehr einfach erklärt. Das ist natürlich einfacher als sich ein Wahlprogramm durchzulesen."

"Selbst wenn man versucht, sich daraus keine Meinung zu bilden, hat das irgendwie eine Wirkung, wenn Du siehst, der und der sagt das und der hat so und so viele Likes. Wo du dann denkst, ok, bin ich komisch, wenn ich das nicht gut finde, was die da sagen? Also, es ist total schwierig, eine eigene Meinung zu bilden, weil du so gebrainwasht wirst von allen Ecken."

In diesem Jahr darf sie zum ersten Mal an politischen Wahlen teilnehmen. So reflektiert sie ist, der Stimmungsmache in den sozialen Medien kann sie sich nicht entziehen.

Influencer, Desinformation und Fake News

Eine Studie des Hamburger Leibniz-Instituts für Medienforschung kommt zu dem Ergebnis, dass knapp der Hälfte der 14- bis 17-jährigen Influencer wichtiger sind für die eigene Meinungsbildung als journalistische Quellen. Bei einer Umfrage der "Vodafone Stiftung" gab ein Drittel der Jugendlichen an, Fake News nicht immer von gesicherten Informationen unterscheiden zu können. Und trotz gegenteiliger Versprechen gehen die Unternehmen weiterhin nur unzureichend gegen die Desinformationskampagnen auf ihren Plattformen vor.

Ich frage mich, ob unsere Sorgen beim Medienkonsum zu kurz gedacht sind. Vielleicht sollten wir uns weniger um die psychische Gesundheit unserer Kinder sorgen, als um die politische Kultur, in der sie künftig leben werden? Für den Psychologen Christian Montag hängt alles miteinander zusammen: ungesunde soziale Medien, Datenschutz und politische Kultur:

"Also das Datengeschäftsmodell ist ein Auslaufmodell, das ist kein gutes Modell. Ich plädiere eher dafür, dass wir mit einem Bezahlmodell unterwegs sind, viele kennen das ja auch von Spotify oder bei Apple Music. Also, dass man einen Monatsbeitrag zahlt für einen monatlichen Service. Ich glaube, das wäre hier deutlich besser. Vielleicht sogar, dass wir mal ganz neu denken. Dass Social Media ein Public good ist. Warum soll ein solches Werkzeug, mit dem wir täglich kommunizieren, warum soll das überhaupt in privater Hand sein? Und warum denken wir nicht mal darüber nach, dass wir ein GEZ-finanziertes Social Media anbieten?"

Fake News-Schriftzug auf einem Smartphone (imago)Die großen Online-Plattformen sind wegen Verbreitung von Fake News unter dauerhaftem Druck (imago)

Wie könnten "gesündere" soziale Medien aussehen?

Eine öffentlich-rechtliche Social-Media-Plattform, die Datenschutz und Jugendschutz ernst nimmt. Die Fake News bekämpft, Algorithmen transparent macht und verhindert, dass Nutzerinnen und Nutzer sich in der eigenen Blase radikalisieren. Und vor allem eine Plattform, die ohne süchtig machende Designelemente auskommt.

"Man müsste jetzt diese Plattform ausrollen und sagen, einmal verstecken wir jetzt die Likes, man kann also Bilder posten, ohne dass es dieses Feedback gibt, und einmal gibt es die Plattform mit den Likes. Und dann würde man schauen, wie verändert sich das Verhalten der Nutzer. Das heißt, was passiert eigentlich mit dem Wohlbefinden der Nutzer und Nutzerinnen, wenn diese Likes nicht mehr stattfinden würden?"

Viele solcher Designelemente gehörten auf den Prüfstand, meint Montag: Gäbe es vielleicht weniger Druck, auf jede Nachricht sofort zu antworten, wenn Whatsapp keine Häkchen hätte, die den Empfang bestätigen? Könnten sich Nutzerinnen und Nutzer besser lösen, wenn der Newsfeed eine natürliche Grenze hätte und sich nicht endlos weiter scrollen ließe? Wie könnte es überhaupt leichter werden, auch wieder aufzuhören? Mit anderen Worten: Wie könnten "gesündere" soziale Medien aussehen?

Ohne Vorgaben der Eltern ist die Verführung zu groß

Und natürlich sind auch viele Computerspiele bewusst so gestaltet, dass es schwer fällt aufzuhören: weil Belohnungen locken oder man sich den Mitspielern gegenüber verpflichtet fühlt, weiterzumachen. Allerdings frage ich mich, ob Teenager überhaupt eine "gesündere" Alternative annehmen würden. Natürlich sind sie in den Sozialen Medien und Online-Spielen unterwegs, in denen auch alle ihre Freunde sind.

"Aber als Teenager will ich lieber die Variante voller Zucker und nicht das Vollkornzeug von der öffentlich-rechtlichen Variante." "Naja, aber das ist doch im Leben immer so. Man muss immer den Gold-Mittelweg finden. Ich kann ja nicht den ganzen Tag Schokolade essen. Es geht ja darum, dass man die Dinge dosiert."

Zweifellos, zu den vielen Dingen, die Heranwachsende lernen müssen, ist eine weitere Herausforderung hinzugekommen: Sie müssen lernen, kompetent und verantwortungsvoll mit digitalen Medien umzugehen. Bislang sind bei der Bewältigung dieser Aufgabe in erster Linie die Eltern gefragt: indem sie beispielsweise den richtigen Zeitpunkt für das erste Handy wählen, sich für die Anwendungen, die den Kindern wichtig sind, interessieren, Inhalte einschränken und, wenn nötig, die Zeit am Bildschirm limitieren. Keine leichte Aufgabe: Immerhin arbeiten sie gegen große Technologie-Unternehmen an, die viel Geld investieren, um ihre digitalen Angebote noch attraktiver zu machen und den Suchtfaktor weiter zu erhöhen. Rainer Thomasius:

"Das erste ist die Elternaufsicht, das Anleiten eigener Kinder zu einem sinnvollen und verantwortungsbewussten Medienkonsum. Unsere eigenen Untersuchungen zeigen, dass wir hier noch viel zu leisten haben. Denn 50 Prozent der bundesdeutschen Eltern setzen keine Zeitlimits, was die Mediennutzung der eigenen Kinder angeht. Und etwa ein Drittel der Eltern machen auch keine Vorgabe, welche Inhalte die Kinder im Netz aufsuchen dürfen. Das ist ein erschreckender Befund."

Das Logo der kanadischen Erotik-Videoplattform Pornhub auf der dmexco 2019 Fachmesse für digitales Marketing und Werbung auf der Kölnmesse (IMAGO / Future Image)Auch Pornografie ist ein Aspekt beim Thema "Jugendschutz im Internet" (IMAGO / Future Image)

Sind gesetzliche Regulierungen notwendig?

Nicht wenige Eltern fühlen sich überfordert, schon deswegen, weil es nicht den richtigen Umgang mit digitalen Medien gibt. Langfristig werden auch gesetzliche Regulierungen nötig sein, um den Jugendschutz in digitalen Medien durchzusetzen.

"Da sehen wir eine ganz ähnliche Entwicklung wie über Jahrzehnte hinweg mit der Tabakindustrie. Nämlich dass Gesundheitspolitik und Industrie schlichtweg gegenläufige Interessen haben." 1964 wurde in einer großen US-Studie die Schädlichkeit von Tabakrauchen eindeutig nachgewiesen. Dennoch dauerte es bis 2007, bis in Deutschland beispielsweise ein Altersnachweis an Zigarettenautomaten verlangt wurde.

Die geringen Effekte, die die Forschung insgesamt bislang zeigt, bedeuten, ganz einfach gesagt: Es gibt gesamtgesellschaftlich keinen Grund zur Panik, aber auch keinen zur Sorglosigkeit. Denn auch wenn das Wohlbefinden von Jugendlichen durch hohe Internetnutzung im Durchschnitt nur gering leidet. Einzelne nehmen sehr wohl Schaden. Die 5 Prozent der Jugendlichen in Deutschland, bei denen Psychiater von einer Internet-Abhängigkeit ausgehen, sind dabei nur die besonders deutlichen Fälle. Weitere könnten durch übermäßige Mediennutzung in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden.

Ein Massenexperiment mit offenem Ausgang

Andererseits warnt etwa der Wiener Medienpsychologe Tobias Dienlin davor, die Wirkung von Medien zu überschätzen, im Positiven wie im Negativen. Viele Probleme von Jugendlichen haben möglicherweise ganz andere Ursachen, weil sie beispielsweise unter Leistungsdruck, Zukunftssorgen oder – mitunter auch – dem Perfektionismus der Eltern leiden. Vielleicht machen wir es uns zu leicht, wenn wir nur den digitalen Medien die Schuld zuschieben.

Amy Orben erinnert daran, dass Neuerungen schon immer Ängste ausgelöst haben: "In Griechenland wurde darüber diskutiert, ob das Schreiben die Aufmerksamkeit und die Qualität des Denkens der Jüngeren negativ beeinflusst. Und in den 1940ern gab es genauso Studien, die gezeigt haben, dass die Mehrheit von Jugendlichen abhängig vom Radio ist. Und deswegen ist es wichtig, das mindestens in Perspektive zu setzen. Natürlich müssen wir uns damit auseinandersetzen, dass die Digitalisierung immer stärker und allumfassender wird."

Es wird dauern, bis die Wissenschaft fundiert sagen kann, unter welchen Umständen digitale Medien Jugendlichen schaden. Und weil die Lobby hinter den Plattformen mächtig ist, wird es noch länger dauern, bis die Politik Maßnahmen umsetzt, mit denen wir sie schützen können. Bis dahin nehmen wir alle an einem Massenexperiment teil – mit offenem Ausgang. Amy Orben:

"Das wird interessant, wenn wir in 20 Jahren zurückschauen auf dieses Gespräch und sagen, na ja, war lustig, weil jetzt sind wir viel besorgter über neue Technologie-Sets, die viel abhängiger machen. Und das Internet, naja, das besorgt uns jetzt nicht mehr besonders. Oder ob wir sagen werden, ja dieser Zeitpunkt war wirklich wichtig, um zu verstehen, was jetzt anders ist und warum wir uns Sorgen machen müssen."

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