Soziale Ungleichheit beim BoosternEs braucht mehr niederschwellige Impfangebote

Der gebildetere, reiche Teil der Gesellschaft werde die Corona-Pandemie nicht vom Homeoffice aus besiegen können, kommentiert Luise Sammann. Die Dritt- und auch Kinderimpfungen müsse den Bürgern jetzt vor die Füße fallen – samt niedrigschwelligem und konsequent mehrsprachigem Infomaterial.

Ein Kommentar von Luise Sammann | 21.12.2021

Ein Impfwagen steht auf einem Parkplatz in der Nähe des Bremer Weserstadions. Dort kann man sich gegen das Coronavirus impfen lassen.
Ein Impfwagen steht auf einem Parkplatz in der Nähe des Bremer Weserstadions. Dort kann man sich gegen das Coronavirus impfen lassen. (picture alliance / dpa / Carmen Jaspersen)
Seit einer Woche ist in Berlin die Jagd auf Impfmöglichkeiten für Fünf- bis Elfjährige eröffnet. Jeder kann sehen: Meist sind es privilegierte Familien, deren Kinder schon jetzt – bevor die Stiko es überhaupt flächendeckend empfiehlt – gegen Corona geschützt sind.
Denn wer die Impfung wirklich will, der muss sich kümmern. Muss Hotline-Nummern recherchieren, viel Zeit für Warteschleifen mitbringen, zur richtigen Uhrzeit am Computer sitzen oder ganz einfach die richtigen Connections haben. Akademiker, Besserverdiener und deutsche Muttersprachler sind klar im Vorteil.

Herkunft und Kultur nicht entscheidend für Impfquote

Unsere Gesellschaft aber besteht nicht nur aus Pädagogen, IT-Spezialisten und Journalistinnen. Viele Menschen in diesem Land haben weder die Sprachkenntnisse, noch die Zeit, noch das Netzwerk, um tagelang Impfmöglichkeiten für sich selbst oder ihre Kinder zu recherchieren. Um sich neben Kinderbetreuung oder Schichtdienst drei Stunden in der Kälte anzustellen oder ihre Namen auf Wartelisten an allen Enden der Stadt zu setzen.

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Aber wenn genau sie jetzt nicht mitgenommen werden, fragen sich Medien und Politik in drei, vier Wochen wieder scheinbar überrascht: Warum bloß sind in ärmeren Stadtvierteln weniger Kinder und Jugendliche geimpft als in reicheren? Oder noch schlimmer: Warum liegen auf den Intensivstationen so viele Erkrankte mit Migrationshintergrund?
Zahlreiche Studien haben in den letzten Monaten Vermutungen widerlegt, nach denen Herkunft und Kultur entscheidend zur Impfquote beitragen sollen. Tatsächlich relevant sind dagegen die sozioökonomischen Verhältnisse von Patienten: die Wohnsituation, die Arbeitsbedingungen, der Zugang zum Gesundheitssystem.

Wo sind die niedrigschwelligen Impfangebote?

All das im Hinterkopf müsste inzwischen allen klar sein: Der gebildetere, reiche Teil der Gesellschaft wird diese Pandemie nicht vom Homeoffice aus besiegen können.
Aber wenn das so ist, wo bitteschön sind dann die Impfmobile, die jetzt gezielt in dichter besiedelte Bezirke fahren und dort unkompliziert Booster- und auch Kinderimpfungen anbieten? Wo sind die flächendeckenden Boosteraktionen in Flüchtlings- und Obdachlosenunterkünften? Wo die aufsuchenden, niedrigschwelligen, mehrsprachigen Impfangebote kurz vor Weihnachten?
Impfwillige stehen Schlange und warten auf ihrer Impfung.
Impfwillige stehen Schlange und warten auf ihrer Impfung. Impfstarts von Schuelerinnen und Schuelern der Abschlussklasse (IMAGO / Sven Simon)
Im Spätsommer schien das Verständnis für solche Notwendigkeiten vorübergehend zu wachsen: Städte wie Berlin und Köln schickten medienwirksam Impfmobile in ihre ärmsten Bezirke. Und zahlreiche Beteiligte – unter anderem aus Bremen, dem Bundesland mit der höchsten Impfquote in Deutschland – bestätigen: Die Angebote wurden angenommen. Menschen, die sich selbst nicht aktiv um Termine kümmern können oder auch wollen, sind nicht zwangsläufig Impfgegner.
Heißt im Umkehrschluss: Die dritte Impfung – und auch die Kinderimpfung – muss den Bürgern jetzt im wahrsten Sinne des Wortes vor die Füße fallen. Samt niedrigschwelligem und bitteschön endlich konsequent mehrsprachigem Infomaterial.