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StartseiteKalenderblatt"Sozialistischer Frühling auf dem Lande"14.04.2005

"Sozialistischer Frühling auf dem Lande"

Vor 45 Jahren gab die SED den Abschluss der Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft bekannt

"Junkerland in Bauernhand" - unter dieser Parole hatte im Sommer 1945 in der sowjetisch besetzten Zone die Verteilung von mehr als zwei Millionen Hektar Land an Kleinpächter, Flüchtlinge und Landarbeiter begonnen. Sieben Jahre später änderte sich die Politik der SED. Sie drängte die Bauern, sich in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften zusammenzuschließen. Am 14. April 1960 war die Kollektivierung der DDR-Landwirtschaft abgeschlossen.

Von Kirsten Heckmann-Janz

LPGs sollten die Lebensmittelproduktion in der Bundesrepublik übertreffen. (AP)
LPGs sollten die Lebensmittelproduktion in der Bundesrepublik übertreffen. (AP)

"Es waren viele Bauern,
die kamen überein,
beschlossen ohne Zaudern,
Genossenschaft zu sein.

Unsere Bäuerinnen und Bauern ging es in der Deutschen Demokratischen Republik auch bisher nicht schlecht, "

erklärt Walter Ulbricht, Erster Sekretär des ZK der SED, den Abgeordneten der Volkskammer im April 1960.

"Aber indem sie jetzt den Zusammenschluß in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, der vor acht Jahren begann, beendet haben, eröffnen sich vor der Bauernschaft der Deutschen Demokratischen Republik die großen Perspektiven des stetig wachsenden materiellen und kulturellen Wohlstandes."

Am 14. April 1960, ist der Abschluß der Kollektivierung der Landwirtschaft und damit der "Sieg der Genossenschaftsbewegung" bekannt gegeben worden. Begonnen hatte die sozialistische Umgestaltung auf dem Lande im Sommer 1952. Auf ihrer 2. Parteikonferenz hatte die SED beschlossen, in der DDR den Sozialismus aufzubauen. Noch im selben Jahr gründete in Thüringen die Gemeinde Merxleben die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, kurz LPG. Jeder LPG-Beitritt - so der Historiker Jens Schöne - brachte viele Vorteile.

"Also, da gibt es Beispiele, wo Genossenschaften immer und immer wieder ans Ministerium herantreten, oder auch Bauern, die sagen, wir gründen eine LPG, wenn A, B, C, D passiert. Und dann passieren diese Dinge und in der Gründungsversammlung, die dann angesetzt wird, da sagen die Bauern aber: Ja, E und F, um im Bild zu bleiben, hätten wir gerne auch noch. Und gerade in der Anfangszeit brachte diese Gründung einer LPG oder der Beitritt zu einer LPG massive Vergünstigungen, die eben gerade für die doch eher ärmlichen Kleinbauern durchaus Lockmittel waren."

Trotz aller Vergünstigungen für die Produktionsgenossenschaften, trotz Urlaubsregelung, Rentenversicherung und Krankengeld für die Mitglieder, geht die Kollektivierung in der Landwirtschaft nur schleppend voran. Als 1958 immer noch zwei Drittel der landwirtschaftlichen Nutzflächen von privaten Betrieben bewirtschaftet werden, beschließt die SED auf dem V. Parteitag, dass die "sozialistische Entwicklung auf dem Lande" beschleunigt werden muss. Erklärtes Ziel ist es, die Lebensmittelproduktion der Bundesrepublik zu übertreffen. Im Sommer 1959 verabschiedet die Volkskammer ein Gesetz, das die Landwirte verpflichtet, in die LPG einzutreten. Agitationstrupps werden in die Dörfer geschickt, um Überzeugungsarbeit zu leisten, erinnert sich der Facharbeiter Werner Kreiseler.

"Nun haben wir also gesagt, als wir mit den Leuten diskutiert hatten, Bildmaterial in der Hand, Sowjetunion, diese Großraumwirtschaft, welche Vorteile die hätte. Diese ganzen Argumentationen der gemeinsamen Viehhaltung und, und, und die größeren Erträge in der größeren Flächenwirtschaft, das waren so unsere Argumentationen.

Noch ein Argument damals, Gegenargument zu den ganzen Geschichten, das war erst mal bei den Bauern, die sagten, wenn wir nun alle in der Gemeinschaft sind, wir sind jetzt 12 Bauern oder 20, die sich zusammenschließen, und dann wird dort eine gewisse Gleichheit in der Entlohnung, ... dann haben die gesagt, ich bin dann der Fleißige und du also der Faule, der soll dann genau dasselbe kriegen als ich, nicht. Diese Gleichmacherei, das waren die großen Schwierigkeiten damals, wo es Diskrepanzen gab, nicht."

Der "Klassenkampf auf dem Lande" verschärft sich im Frühjahr 1960. Zahlreiche Bauern verlassen ihre Höfe und fliehen in den Westen. Und so fallen innerhalb von nur drei Monaten 2,5 Millionen Hektar Land an die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, fast soviel wie in den sieben Jahren zuvor. Anfang März wird die letzte Phase der Kollektivierung eingeleitet. Und wieder ziehen Agitatoren über die Dörfer, erinnert sich ein Bauer aus Brandenburg :

"Die haben die dann eben so weit getriezt, bis die dann eingetreten sind. Anschließend hieß es, die sind freiwillig eingetreten. Mein Vater war dann einer von den letzten mit, die sie dann überzeugt haben, freiwillig einzutreten. Wenn wir morgens aufgestanden sind, dann standen die schon auf dem Hof überall und haben dann die Leute bearbeitet, beim Melken waren die dabei, die haben den Leuten keine Ruhe gelassen. "

Während des sogenannten "sozialistischen Frühlings auf dem Lande" wächst die Zahl der LPG-Mitglieder innerhalb weniger Wochen um rund eine halbe Million. Seit dem Sommer 1952 sind knapp 20.000 Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften gegründet worden, in nur acht Jahren wurden aus einer Million Bauern und Landarbeitern Genossenschaftsbauern.

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