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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Sozialverhalten heute und Wohlstand morgen10.11.2003

Sozialverhalten heute und Wohlstand morgen

Horst Siebert: Wirtschaftspolitik für alternde Gesellschaften. Springer-Verlag, Berlin - Erik Händeler: Die Geschichte der Zukunft. Brendow-Verlag, Moers

<strong>Mit seiner Agenda 2010 hat Bundeskanzler Schröder im März dem Land einen Ruck verpasst. Sämtliche Parteien bemühen sich um Reformen. Es wird höchste Zeit, denn Schröder selbst war durch die leeren Kassen oder den Zusammenbruch der Sozialsysteme in Zeitlupe bewegt worden, über andere Reformkonzepte nachzudenken und sich endlich um die Alterung der Gesellschaft zu kümmern. Der frühere Wirtschaftsweise Horst Siebert hat diese Entwicklung schon länger vorausgesehen und jetzt in einem Buch zusammengefasst. Über die Folgen der alternden Gesellschaft hinaus sieht der Wirtschaftsjournalist Erik Händeler. Er zeigt in seinem Buch Zusammenhänge auf zwischen individuellem Sozialverhalten und gesellschaftlichem Wohlstand. Das verbindende Schlüsselwort heißt Humanvermögen. Das ist die Ressource, von der die Wirtschaft lebt, die sie aber nicht geschaffen hat, sondern die vor allem in der Familie gebildet wird.</strong>

Gerhard Schröder, Reformkanzler (AP)
Gerhard Schröder, Reformkanzler (AP)

Dass unsere Gesellschaft unaufhaltsam altert und dies dramatische Folgen haben wird, ist mittlerweile in der breiten Öffentlichkeit und damit auch bei der Politik angekommen. Allerdings beschränkt sich die Debatte bislang im Wesentlichen nur auf die Folgen für die sozialen Sicherungssysteme wie die Renten- oder Krankenversicherung. Der Kieler Wirtschaftswissenschaftler Horst Siebert macht jedoch klar, dass dies nur die Spitze des demographischen Eisberges ist. Nachzulesen ist dies in der jetzt auf Englisch erschienen Aufsatz-Sammlung "Economic Policy for Aging Societies", also "Wirtschaftspolitik für alternde Gesellschaften". Zusammen mit Kollegen aus dem In- und Ausland skizziert der ehemalige 'Wirtschaftsweise' darin die Rückwirkungen der Alterung und Schrumpfung der meisten westlichen Industriegesellschaften auf die Kapitalmärkte, die öffentlichen Haushalte und die Volkswirtschaften. So stellt er beispielsweise mit Blick auf die Kapitalmärkte ganz nüchtern fest:

Für den Faktor Kapital bringen ältere Gesellschaften tendenziell eine geringere Rendite mit sich. Zum einen ist der bestehende Kapitalstock für die geringere Zahl von Menschen überdimensioniert. (...) Zum anderen werden in einer alternden Gesellschaft wegen der schwächeren Entwicklung der Nachfrage die Investitionschancen geringer sein.

Im Klartext: Die großen Versprechungen von einer hohen Rente im Alter durch kapitalgedeckte Anlageformen wie Lebensversicherungen, Aktien- oder Pensionsfonds sind selbst unter optimalen Bedingungen nicht zu halten. Auch die öffentlichen Haushalte können nicht auf weiterhin kräftig sprudelnde Steuereinnahmen hoffen. Wenn die Zahl der Erwerbstätigen - trotz möglicher Einwanderer - schrumpft, gäbe es einfach weniger Steuerzahler. Zudem sei - entgegen den hoffnungsfrohen Prognosen der Reformkommissionen von Bert Rürup und Roman Herzog - vor allem mit einer deutlich abgeschwächten Wirtschaftsdynamik zu rechnen. Weniger Wachstum heißt zwangsläufig weniger Steuereinnahmen.

Das sinkende Wirtschaftswachstum ergäbe sich nicht nur aus der schrumpfenden Zahl von Erwerbstätigen. Die Alterung der Beschäftigten und der Bevölkerung dürfte nämlich auch auf den technischen Fortschritt und die Innovationskraft der Volkwirtschaft durchschlagen:

Ältere Gesellschaften mögen durch eine größere Risikoaversion gekennzeichnet sein; dann würden die Unternehmer mit weniger Wagemut an Innovationen, also an technische Neuerungen, herangehen; die Gesellschaft würde, etwa bei der Genehmigung neuer Produkte und Produktionsverfahren, reservierter verfahren. Produktinnovationen würden sich dann möglicherweise weniger leicht durchsetzen lassen. (...) Auch die Bereitschaft, neue Produkte zu akzeptieren, könnte geschwächt sein, wenn die älteren Menschen (...) mit der neuen Technologie nicht zu Rande kommen. Insgesamt herrscht damit bei der Alterung einer Gesellschaft eine starke Tendenz vor, dass der Prozess des wirtschaftlichen Wachstums von selbst erlahmt.

Dementsprechend reicht es nach Ansicht des Ökonomen Siebert nicht aus, in unserer alternden Gesellschaft die sozialen Sicherungssysteme grundlegend zu reformieren und die öffentlichen Haushalte in Ordnung zu bringen. Zukunft entscheidend seien letztlich Rahmenbedingungen, die die 'Kräfte der Innovation' freisetzen. Daher müssten die Ausbildung der Menschen und die Forschung im Mittelpunkt des politischen Handelns stehen. Ganz konkret müsste es zum Beispiel darum gehen, die 'lebensbegleitende Qualifizierung älterer Arbeitnehmer' systematisch voranzutreiben.

Dieses Konzept der so genannten Bildung von Humankapital ist freilich nicht mehr ganz taufrisch. Vor allem die Vorstellung, es müsse dabei bevorzugt darum gehen, den Menschen stets das neueste technische Wissen zu vermitteln, ist doch sehr eindimensional.

Die Erkenntnis, dass Innovation in Wirtschaft und Gesellschaft viel mehr braucht als die bloße Anhäufung von naturwissenschaftlich-technischem Wissen, ist das große Verdienst von Erik Händeler. In seinem Buch "Die Geschichte der Zukunft - Sozialverhalten heute und Wohlstand morgen." legt der Wirtschaftsjournalist überzeugend dar, dass die Fähigkeit und Bereitschaft zur Kooperation des Einzelnen zur ausschlaggebenden Größe nicht nur für Innovation geworden ist, sondern für die stabile Entwicklung der Gesellschaft und der Volkswirtschaft überhaupt.

Diese These stützt Händeler auf eine ausführliche Analyse der Geschichte von 175o bis in die Gegenwart. Er hat dabei nicht nur die Entwicklung der Wirtschaft im Blick, sondern ihr Zusammenspiel mit den Bereichen Politik, Gesellschaft und Religion. Schon dieser Teil des Buches ist äußerst anregend zu lesen. Beispielsweise, wenn er an das durch den Eisenbahnbau ab 186o ausgelöste Aktienfieber in Europa und den USA erinnert:

Je mehr sich herumspricht, dass man zumindest auf dem Papier mühelos reich werden kann, desto mehr Menschen steigen in das Geschäft ein. Bis selbst die untersten Besitzschichten wie Dienstboten ihren Spargroschen zur Bank tragen. (...) Irgendwann sind die Kurse völlig überbewertet. (...) Am 7. Februar 1873 fliegen Schwindeleien des Eisenbahnkönigs Bethel Henry Strousberg beim Bau der Pommerschen Centralbahn und der Berliner Nordbahn auf (...) Auch in den USA purzeln plötzlich die Eisenbahn-Aktien, was die Unruhe in Europa verstärkt. (...) Die Kurse stürzen ab. (...) Hunderttausende verlieren ihre Ersparnisse, ganze Familien verarmen auf Generationen hinaus. (...) Was kommt, ist die schwerste und längste Wirtschaftskrise des 19. Jahrhunderts.

Dieser Blick in die Wirtschaftsgeschichte ist nur eines von vielen lehrreichen Beispielen, mit denen Erik Händeler den Inhalt der so genannten Kondratieff-Theorie verdeutlicht. Diese Theorie der langen Konjunkturwellen ist vom russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff bereits um 192o entwickelt worden. Er entdeckte regelmäßige Verläufe von Wachstums- und Krisenphasen der Wirtschaft. Diese würden durch Bahn brechende Erfindungen ausgelöst, die weltweit das Tempo und die Richtung des Innovationsprozesses über mehrere Jahr-zehnte bestimmen. Dabei verändern sie das gesellschaftliche Leben von Grund auf, schaffen neue große Märkte und bringen auch andere Sektoren der Wirtschaft in Schwung. Der jeweilige Zyklus ende stets mit einem starken Abschwung, um anschließend dank der nächsten Bahn brechenden Innovation wieder von vorne zu beginnen. Bislang hat es nach dieser Theorie fünf Kondratieff-Wellen gegeben, die mit der Dampfmaschine einsetzten und heute von der Computer- und Informationstechnik getragen werden. Das in dieser Technik steckende Wachstumspotential sei jedoch mittlerweile fast ausgeschöpft, so dass die westlichen Volkswirtschaften weltweit in eine tiefe Krise geraten seien.

Der nächste globale Innovationsschub, so Erik Händeler, sei jetzt nicht mehr vom Einsatz weiterer Technik zu erwarten, zum Beispiel noch leistungsfähigeren Computern oder neuen, durchrationalisierten Organisationskonzepten in den Betrieben. Die ausschlaggebende Produktivitätsbremse sei in der heutigen Informationsgesellschaft der Mensch selbst. Erstmals hänge der Wohlstand nicht vom Umgang des Menschen mit der Maschine ab, sondern, wie er schreibt, "vom effizienten Umgang mit Information zwischen Menschen". Um diese These zu untermauern, listet Erik Händeler eine lange Reihe von zwischenmenschlichen Konfliktfeldern auf, die tagtäglich und weltweit die Effizienz der Wirtschaft erheblich sinken lassen:

Angst - um die eigene berufliche Existenz, die Gesundheit, den Ruf - zehrt an der Motivation und schädigt damit die deutsche Wirtschaft (...) um 75 Milliarden Euro im Jahr - durch Fehlzeiten, Beruhigungsmittel und Leistungseinbußen. (...) Allein die Trinkerei zur Bekämpfung von Angst kostet rund 24 Milliarden Euro. (...) Nach einer Studie des Dresdner Psychologen Dieter Frey hat jeder zweite Arbeitnehmer innerlich gekündigt. (...) Den Schaden schätzt Gallup auf bis zu 220 Milliarden Euro im Jahr - das ist fast der Umfang des deutschen Bundeshaushaltes.

Zur Verblüffung des Publikums und der etablierten Wirtschaftswissenschaft liegt für Erik Händeler der Treibsatz des nächsten Kondratieff-Zyklus in der seelischen und körperlichen Gesundheit der Informationsarbeiter. Deshalb seien künftig...

...Familienqualität, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen wie Kooperationsfähigkeit (...) die entscheidenden Standortfaktoren in der Informationsgesellschaft.

Konsequenterweise bildet der Umgang der fachlich hochqualifizierten Beschäftigten miteinander in den Betrieben eines der größten brachliegenden Produktivitätspotentiale. Die Schlüsselgrößen seien hier Motivation, Kreativität und Zusammenarbeit.

Getreu der Kondratieff-Theorie darf sich der Umgang mit dem neuen Innovationsfaktor 'Gesundheit' nicht nur auf den Bereich der Wirtschaft beschränken; vielmehr hat er alle Sphären der Gesellschaft zu durchdringen, um seine volle Wirkung zu entfalten. Das reicht vom Gesundheitswesen, dem Umwelt- und Energiebereich bis hin zum Bildungswesen. Für einen ökonomisch Denkenden immer noch sehr ungewöhnlich zählt Erik Händeler auch die Familienqualität zu einem der zukunftsentscheidenden Standortfaktoren:

Mehr als jede dritte Ehe (...) wird geschieden. (...) Ursachen: überzogene Glückserwartungen, überlange Arbeitszeiten und bei einer halben Million Familien steht der Gerichtsvollzieher vor der Tür. (...) Bei der Hälfte der Scheidungen waren im Jahr 2oo1 minderjährige Kinder betroffen. (...) Jedes dritte Schulkind in Deutschland leidet (...) unter krankhaften Ängsten, wobei Kinder aus Trennungsfamilien stärker betroffen sind. (...) Nachhaltiges Wirtschaften ist in der Ökologie inzwischen anerkannt, nicht jedoch beim Humankapital.

Bei diesem umfassenden Verständnis der neuen Basisinnovation 'seelische und körperliche Gesundheit' überrascht es nicht, wenn der Wirtschaftsjournalist schließlich das Thema 'Werte, Glauben und Religion' aufgreift. Über die Kooperationsfähigkeit des modernen Informationsarbeiters würde letzten Endes seine persönliche Ethik entscheiden. Und hier sei in Europa lange Zeit das Christentum prägend gewesen. Mittlerweile sei es aber als Sinngeber durch die Werbung, den Glauben an Psychotherapeuten, exotische Religionen oder die Esoterik in den Hintergrund gedrängt worden. Sinn- und Orientierungsverlust in allen westlichen Industriestaaten seien die offensichtliche Folge. Deshalb würde der nächste lange Konjunkturzyklus, also der sechste Kondratieff, zu einer Renaissance des Christentums führen müssen.

Spätestens hier dürfte der Leser skeptisch werden. Zweifellos ist der von Erik Händeler vertretene und im Buch anschaulich dargestellte, ganzheitliche Gesundheitsbegriff faszinierend. Auch für die Einschätzung dieser Größe als zentraler Produktivkraft unserer Gesellschaft und Wirtschaft spricht tatsächlich sehr viel. Allerdings werden ihm wohl viele Leser in einem zentralen Punkt nicht so bereitwillig folgen: Nämlich, wenn er glaubt, eine gesundheitsfördernde, auf Kooperation angelegte Lebens- und Arbeitsweise sei ein Gebot der betriebswirtschaftlichen Vernunft und damit in der Zukunft unausweichlich. Die alltäglichen Beispiele von den Siegen des rücksichtslosen Egoismus oder der hemmungslosen Gier auf Kosten des Gemeinwohls dämpfen diese Zuversicht.

Dennoch: Unterm Strich bleibt das Buch Erik Händelers eine ungewöhnlich anregende Lektüre - gerade in einer Zeit um sich greifender Rat- und Orientierungslosigkeit der politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten.

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