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StartseiteInterview"Sport ist ein soziales, kulturelles Klebemittel"23.12.2018

Soziologe über Sport und Identität "Sport ist ein soziales, kulturelles Klebemittel"

Sport sei ein Motor von Gemeinschaftsgefühlen, nach denen sich moderne Gesellschaften sehnten, sagte Thomas Alkemeyer, Professor für Sportsoziologie an der Uni Oldenburg im Dlf. Sport, zum Beispiel Fußball, könne aber auch einen starken Nationalismus befördern, vor allem in Zeiten von Unsicherheiten.

Thomas Alkemeyer im Gespräch mit Manfred Götzke

Fußballfans verfolgen beim "Public Viewing" ein Spiel (dpa / Daniel Bockwoldt)
Große Sportveranstaltungen und alles was dazugehört, wie Public Viewing oder Fanmeilen zu Fußballweltmeisterschaften, lassen etwas erleben, was man im Alltag nicht erlebt, sagte Thomas Alkemeyer (dpa / Daniel Bockwoldt)
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"Sport berührt offenkundig sehr viele Menschen, längst nicht mehr nur Männer, wie es lange der Fall war, sondern auch viele Frauen", sagte Thomas Alkemeyer im Dlf. "Sport ist ein soziales, kulturelles Klebemittel." Mit Sport könnten sich viele Menschen identifizieren. Sport sei ein Motor von Gemeinschaftsgefühlen, ein Mittel, das Gemeinschaftsgefühle auf besonders starke, gute und breitwirksame Weise hervorrufe.

Sport fixt viele an

"Fußball lebt ja - medial verstärkt durch die Bilder des Fernsehens - von der Präsenz von Körpern, von einem Moment der Spannungserzeugung; davon, dass jede einzelne Aktion eigentlich ungewiss ist. Und darin liegt ein ganz besonderer emotionaler Reiz", sagte Alkemeyer. Es fixe offenbar ganz viele Leute in modernen Gesellschaften an und sei vielleicht vergleichbar mit Rockkonzerten oder anderen Events, die den Körper und die Gefühlswelt direkt involvieren aufgrund der Präsenz anderer Körper und des Spannungsreichtums des Geschehens.  

Große Sportveranstaltungen und alles was seit einigen Jahrzehnten dazugehöre wie Public Viewing, gemeinsames Fernsehen in Kneipen, Fanmeilen zu Fußballweltmeisterschaften ließen etwas erleben, was man im Alltag nicht erlebe. "Da wird gewissermaßen eine Lücke zwischen den privaten Lebenswelten, in denen man doch sehr individualisiert lebt, und der großen Öffentlichkeit fühlbar und spürbar geschlossen." Und das schaffe ein Zugehörigkeitsgefühl, sagte der Sportsoziologe.

Bedürfnis nach Nähe von anderen

"Man kann durchaus sagen, dass moderne Gesellschaften dieses Bedürfnis, dieses Begehren, die Sehnsucht nach fühlbaren Gemeinschaftlichkeit regelrecht hervortreibt. Das sind hoch individualisierte Gesellschaften, in denen jeder für sich selbst sorgen muss, jedenfalls werden wir permanent dazu aufgerufen, auch zu Unternehmer und Unternehmerinnen unserer Selbst zu werden. Und dann entsteht von Zeit zu Zeit das Bedürfnis, Nähe von anderen zu erleben, Gemeinschaftlichkeit zu erleben und in dem Zusammenhang gehören zweifellos Fußballspiele dazu, aber auch lange Nächte der Museen beispielsweise, also Veranstaltungen, in denen viele, viele Menschen auf möglichst engem Raum zusammen kommen und sich als eine Gemeinschaft spüren und erleben."

Kompensation des eigenen Verlusts an Selbstwertgefühl

Das könne aber auch sehr leicht kippen, wenn sich Leute orientierungslos fühlten, sagte Alkemeyer. "Wenn Arbeitsplätze unsicher geworden sind, und wenn das eigene Selbstwertgefühl wieder aufgebaut wird dadurch, dass man sich gegenüber Anderen, die dann als minderwertig etikettiert werden, als nicht zu uns gehörig, wenn man sich von denen abgrenzen kann – das ist dann gewissermaßen eine Kompensation des eigenen Verlusts an Selbstwertgefühl und das kann dann durch die Identifikation mit einer Nation, von der man dann behauptet, sie würde höher stehen, mehr wert sein, besser sein als andere, kompensiert werden."

Insofern könne Fußball etwa in solchen Zeiten, in denen die Unsicherheit groß sei, in denen man sich – ob aus realen oder imaginären Gründen – bedroht fühle, in solchen Zeiten könne Fußball einen starken Nationalismus hervortreiben, der darauf aufbaue, dass man sich über andere erhebt, sich von anderen abgrenzt, andere ausgrenzt, sagte der Sportsoziologe.

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