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StartseiteEuropa heuteSpäte Gerechtigkeit für Lumumbas Mörder17.01.2011

Späte Gerechtigkeit für Lumumbas Mörder

Familie des getöteten kongolesischen Präsidenten verklagt zwölf Belgier

Vor 50 Jahren beteiligten sich belgische Militärs und Beamte an der Ermordung des ersten Premierministers des unabhängigen Kongo, Patrice Lumumba - folgenlos. Lumumbas Angehörige wollen das ändern.

Von Katrin Matthaei

Patrice Lumumba, erster Premierminister nach der Unabhängigkeit des Kongos, 1960 (AP)
Patrice Lumumba, erster Premierminister nach der Unabhängigkeit des Kongos, 1960 (AP)

"Das ist doch normal, wenn ein großer Politiker ermordet wird, dass man dann den Schuldigen finden muss. Aber die Belgier wollen nicht zugeben, dass sie schuld sind. Da wird nach wie vor ein großes Geheimnis draus gemacht."

Der flämische Passant in Brüssel ist empört. Mit seiner Meinung ist er allerdings ziemlich allein: Die meisten Belgier – vor allem der älteren Generation - halten nicht viel davon, dass die Familie des ersten kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba zwölf Belgier wegen Kriegsverbrechen vor Gericht bringen will - ein halbes Jahrhundert nach dessen Ermordung.

"Ich frage mich, was das nach all diesen Jahren bringen soll", findet etwa diese Brüsselerin. "Ich kann zwar nachvollziehen, dass die Angehörigen von Lumumba wissen wollen, was damals wirklich passiert ist. Aber die Politik sollte man dabei aus dem Spiel lassen."

Viele jüngere Belgier wissen erst gar nicht, dass ihr Land in einen der folgenreichsten politischen Morde des 20. Jahrhunderts verstrickt war.

"Lumumba – ja doch, der Name sagt mir was, den habe ich mal in den Nachrichten gehört, nee, in der Schule nicht."

Belgien tut sich schwer mit der Aufarbeitung dieses Kapitels seiner Kolonialgeschichte im Kongo - nicht zuletzt, weil die jahrzehntelange Gewaltherrschaft über das zentralafrikanische Land dem kleinen Königreich zu Einfluss und Wohlstand verhalfen. Daran sollte sich nach Meinung der damaligen belgischen Regierung auch nach der Unabhängigkeit des Kongo 1960 möglichst wenig ändern; schnell aber war klar: mit dem frisch gewählten scharfsinnigen und charismatischen Premierminister Lumumba war das nicht zu machen.

"In Belgien war man sich einig, dass Lumumba irgendwie unschädlich gemacht werden muss", sagt Christophe Marchand, der Anwalt der Familie des Ermordeten. "Lumumba war der Teufel, die Zeitungen dämonisierten ihn, weil er den Kongolesen den Reichtum ihres Landes zurückgeben wollte. Das hätte den Ministaat Belgien natürlich geschwächt. Und das wussten die Belgier."
Was dann passierte, ist schnell erzählt: Lumumba wurde abgesetzt, verhaftet und nach Katanga gebracht, einer Region unter belgischem Einfluss – das passierte vor den Augen von Blauhelmsoldaten der UNO. Dann wurde Lumumba gefoltert, schließlich erschossen, zerstückelt und in Säure aufgelöst – das alles vor den Augen und zum Teil unter Mitwirkung von belgischen Soldaten und Beamten. Einer bewahrte sogar zwei Zähne als Andenken auf. Das alles kam erst Mitte der 90er-Jahre ans Licht, als der flämische Soziologe Ludo de Witte die Archive der UNO durchforstete.

"Bevor ich mein Buch veröffentlichte, bedrohten mich belgische Militärangehörige" erzählt der Soziologe. "Dann wurde ich etwas bekannter, und die Einschüchterungsversuche hörten auf. Aber bis heute löst ein kritischer Blick auf die Vergangenheit Unbehagen aus; so ignoriert mich etwa das akademische Milieu in Belgien. Überall in Europa laden mich Universitäten zu dem Thema ein - aber in Belgien nicht."

Sein Buch setzte die belgische Regierung unter Druck, eine parlamentarische Untersuchungskommission wurde eingerichtet und kam 2001 zu dem Schluss: Die belgische Regierung trage eine moralische Verantwortung für den Mord an Lumumba, doch habe sie ihn weder selbst ausgeführt noch ausführen lassen. Die bei der Folter und Ermordung anwesenden Belgier hätten unter Befehl der Kongolesen gestanden. Eine Anklage gab es daher nie. Bis jetzt. Doch längst betrachtet die Regierung die Angelegenheit als erledigt, ein Interview mit dem Deutschlandfunk zur bevorstehenden Klage lehnte sie ab. Sie will die alten Geschichten ein für alle Mal ruhen lassen - und vielen Belgiern geht es ähnlich.

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