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StartseiteKommentare und Themen der WocheGefahr einer Zwei-Klassen-Medizin 09.11.2019

Spahns Gesundheits-AppsGefahr einer Zwei-Klassen-Medizin

Gesundheits-Apps können hilfreich sein, vorausgesetzt, die Patienten bedienen sie richtig, kommentiert Carsten Schroeder die Pläne von Gesundheitsminister Jens Spahn. Ansonsten könnten sich Menschen abgehängt fühlen, für die ein Smartphone in erster Linie ein Telefon sei.

Von Carsten Schroeder

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Eine Seniorin hält ein Smartphone in der Hand.  (imago/Mint Images)
Digitalisierung im Gesundheitswesen: an app a day keeps the doctor away - so oder ähnlich scheint es gemeint zu sein, wenn der Gesundheitsminister von "Weltneuheit" spricht, meint Carsten Schroeder (imago/Mint Images)
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Eine Weltneuheit sei es, meint Gesundheitsminister Jens Spahn, die Gesundheits-App auf Rezept. Das klingt fortschrittlich, ähnlich wie "Medizin 2.0" und hört sich fast so an, als könnten Smartphones uns gesund machen. Ärztepräsident Klaus Reinhardt ist deutlich zurückhaltender. Unter den Gesundheits-Apps gäbe es sinnvolle und hilfreiche Anwendungen, aber auch viel Schnickschnack.

Hilfreich ist es sicherlich, wenn solche Apps Patienten daran erinnern, ihre Medikamente regelmäßig einzunehmen oder wenn sie die für viele Krankheiten wichtigen Patiententagebücher führen. Solche Statistiken mussten Patienten bislang selbst mit Bleistift und Papier ausfüllen, und ihr Hauptproblem bestand darin, die Disziplin aufrecht zu erhalten, die dafür notwendig ist.

Mit einer App ist diese Disziplin zwar immer noch nötig, aber sie erleichtert die Eintragungen und dem Arzt später die Auswertung.

Es sind gesundheitsrelevante und auch sensible Daten, die auf diese Weise gesammelt werden. Wie bedenklich das sein kann, zeigen Diskussionen um die Berliner Gesundheits-App Ada, die unter den Verdacht geraten ist, sensible Daten ohne Wissen des Nutzers an Facebook oder Analysefirmen in den USA übermittelt zu haben. Diese App basiert auf Verfahren der Künstlichen Intelligenz und versteht sich als Gesundheitshelferin. Sie befragt den Nutzer nach aktuellen Symptomen und persönlichen Daten und liefert daraus eine Analyse für den Grund der körperlichen Beschwerden.

Datenschützer sehen große Risiken

Ada gehört zu den beliebtesten Gesundheits-Apps auf den Plattformen von Google und Apple. Etwa 15 Millionen Mal haben Nutzer sie seit ihrer Einführung vor drei Jahren aufgerufen und sie haben ihr dabei freimütig ihre persönlichen und sensiblen Daten anvertraut. 

Dabei sind sie davon ausgegangen, dass mit diesen Daten verantwortungsvoll umgegangen wird.

Doch solch eine große Zahl von sensiblen Gesundheits- und Patientendaten ruft zwangsläufig datenhungrige Interessenten auf den Plan, zum Beispiel Pharmafirmen auf der Suche nach neuen Marktlücken für ihre Medikamente, Krankenversicherungen bei der Optimierung ihrer Leistungen oder Marketingstrategen auf der Suche nach neuen Absatzmärkten für ihre Medizinprodukte.

Datenschützer sehen hier denn auch große Risiken. Insbesondere wenn Daten an Dritte weitergegeben werden, ist einem Missbrauch Tür und Tor geöffnet.

Apps auf Rezept?

Zuständig für die Prüfung der Produkte ist das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, das darüber wachen soll, ob die Apps einen medizinischen Mehrwert bieten. Doch hier ist für die Hersteller eine Hintertür eingebaut, denn sie müssen den Nachweis erst nach einer einjährigen Erprobungsphase erbringen. Sie können ihre App also ein Jahr lang auf dem Markt anbieten, ohne ihren Nutzen nachzuweisen.

Schlimmer noch, sollten sie nach einem Jahr keinen Nachweis für einen medizinischen Mehrwert erbracht haben und darum keine Zulassung erhalten, könnte die App in veränderter und überarbeiteter Form wieder ein Jahr lang als neues Produkt auf den Markt gebracht werden.

Der Gesundheits- und Arzneimittel-Experte Gerd Glaeske von der Universität Bremen fordert deshalb, dass Gesundheits-Apps genauso zugelassen werden sollten wie Arzneimittel.

Bleibt zum Schluss die Frage, wem nützen die Gesundheits-Apps? Sicherlich den jungen Start-up-Unternehmen, die sie auf den Markt bringen, ebenso den Krankenkassen und Ärzten, die daraus für sie relevante Informationen beziehen können. Schließlich nutzen sie auch vielen Patienten, vorausgesetzt sie können sie richtig bedienen. Aber genau darin sieht Ärztepräsident Klaus Reinhardt die Gefahr einer neuen Form von Zwei-Klassen-Medizin, nämlich diejenigen, die als Digital-Natives mit den neuen Medien groß geworden sind, und diejenigen, für die auch ein Smartphone in erster Linie ein Telefon ist, und dazu gehören vor allem Senioren. Doch die stellen den größten Teil der Patienten. Die jungen, Smartphone-gestählten Nutzer von Gesundheits-Apps werden sehr viel seltener krank.

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