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StartseiteKommentare und Themen der WocheKein beherzter Schritt05.10.2020

Spahns PflegereformKein beherzter Schritt

Der Eigenanteil an der Pflege bei 700 Euro pro Monat zu deckeln, sei gut, kommentiert Sandra Pfister. Doch seien das längst nicht alle Kosten. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) müsse dafür sorgen, dass sich die Länder endlich mehr an den Infrastrukturkosten der Heime beteiligen.

Von Sandra Pfister

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Eine Therapeutin übt in der Geriatrie-Abteilung im Evangelischen Amalie Sieveking-Krankenhaus in Hamburg mit einer Patientin das Treppensteigen.  (picture alliance / dpa Themendienst/Markus Scholz)
Die 700 Euro ans Heim decken nur die Kosten für die reine Pflege. Unterkunft und Verpflegung kosten extra, im bundesweiten Schnitt mehr als 1.200 Euro aus, kommentiert Sandra Pfister. (picture alliance / dpa Themendienst/Markus Scholz)

Erst mal Lob: Dass Pflegekräfte besser bezahlt werden sollen, ist gut. Das ist der Dreh- und Angelpunkt einer besseren Pflege. Gesundheitsminister Jens Spahn hat zudem offenbar vor, die Pflege aus Steuermitteln zu bezuschussen. Das ist dringend nötig und richtig, aber man sollte zumindest erwähnen, dass es diejenigen belastet, die später tendenziell ohnehin weniger Rente haben werden: die Jungen. Trotzdem: Für die aktuell Pflegebedürftigen ist es wichtig, dass ein paar Milliarden mehr für die Pflege locker gemacht werden.

  (dpa/Tom Weller) (dpa/Tom Weller)Kosten für Platz im Pflegeheim - "Nicht die junge Generation gegen die ältere ausspielen" Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will Pflegebedürftige und ihre Angehörigen entlasten und den Eigenanteil für einen Platz im Pflegeheim deckeln. Stattdessen sollen Steuermittel eingesetzt werden. Die FDP-Politikerin Nicole Westig hält das mit Blick auf die junge Generation für den falschen Weg.

Oft müssen Verwandte einspringen

Doch nun zu dem Punkt, den Spahn als den eigentlichen Durchbruch verkauft: dass die Pflegebedürftigen selbst finanziell entlastet werden sollen. Denn es ist schon seit Jahren offenkundig: Viele Pflegebedürftige haben nicht genug Geld, um das zu stemmen, was sie privat zu dem hinzubezahlen müssen, was die Pflegekasse nicht abdeckt. Oft müssen Verwandte einspringen, doch auch die sind überfordert. 

Packt Spahn es richtig an? Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber gewiss kein beherzter Sprung. Es hört sich gut an, dass der Eigenanteil, den ein Heimbewohner oder eine Heimbewohnerin für ihre Pflege bezahlen sollen, bei 700 Euro pro Monat gedeckelt werden sollen. Doch im Schnitt würden Bewohner damit nur 86 Euro weniger bezahlen als jetzt schon. Denn die 700 Euro ans Pflegeheim decken nur die Kosten für die reine Pflege. Unterkunft und Verpflegung kosten extra, die machen im bundesweiten Schnitt mehr als 1200 Euro aus. 1200 für Kost und Logis, 700 Euro für die Pflege – so wird ein Schuh draus, und der kostet dann im Schnitt schon 1900 Euro. Das ist schon eine andere Hausnummer, und es erklärt, warum viele Menschen sich ein Heim trotzdem nicht leisten oder Verwandte einspringen müssen: Die Durchschnittsrente liegt derzeit bei 1500 Euro. Da fehlen also, im Durchschnittsfall, immer noch 400 Euro. Und das ist nur der Durchschnitt: Natürlich kosten viele Heime, besonders in Ballungsgebieten, deutlich mehr.

Heimbewohner tragen auch Investitionskosten

Neben der reinen Unterbringung, Kost und Logis, müssen die Heimbewohner auch Investitionskosten tragen. Die werden quasi auf die Pflegebedürftigen oder ihre Angehörigen umgelegt, weil die Länder sich vor ihnen drücken. Es sind am Ende die Länder, die nicht genug in die Infrastruktur für Heime investieren. Obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist. Aber bislang lassen die Bundesländer viele Pflegebedürftige da einfach im Stich. Wollte Spahn wirklich etwas tun, muss er dafür sorgen, dass sich die Länder so an den Investitionskosten beteiligen, wie es eigentlich vorgeschrieben ist.

Sandra Pfister (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré) (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Sandra Pfister, geboren 1975 im Saarland, ist Redakteurin in der Abteilung Wirtschaft und Gesellschaft. Nach einem Geschichtsstudium in Freiburg, Düsseldorf, Aix-en-Provence und Brüssel hat sie in Düsseldorf die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten absolviert. Im Anschluss an ihr Volontariat beim Deutschlandfunk hat sie regelmäßig Sendungen in Deutschlandfunk und WDR moderiert und zuletzt fünf Jahre als freie Autorin und Moderatorin in London gelebt.  

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