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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Politik sollte besser jetzt selbst aktiv werden22.07.2021

Spahns Warnung vor 800er-InzidenzDie Politik sollte besser jetzt selbst aktiv werden

Eine Inzidenz von 800 ist heute nicht mehr so gefährlich wie noch 2020, kommentiert Kathrin Kühn. Deutschland hat den Impfstoff und das Wissen, um Infektionsketten zu stoppen. Was fehlt, sind Konzepte, wie man damit umgeht - um unnötige Beschränkungen im Herbst zu vermeiden und vulnerable Gruppen zu schützen.

Ein Kommentar von Kathrin Kühn

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Menschenmasse von hinten (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Hesther Ng)
Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn warnt vor einer Inzidenz von 800 im Herbst - in England liegt sie schon jetzt bei fast 500 (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Hesther Ng)

Inzidenz 800. Die Zahl klingt wie ein Schock, ein ziemlicher sogar. Und das wäre sie auch –  wenn wir jetzt nicht im Sommer 2021 wären, sondern im Sommer 2020, ohne Impfstoff. Wäre Delta da aufgetaucht, es wäre fatal gewesen. Denn dass wir im Herbst in Deutschland eine Inzidenz von 800 haben könnten, ist nicht aus der Luft gegriffen. Großbritannien ist aktuell schon fast bei 500. Zypern hat die 800 fast erreicht.

Aber weil wir eben im Sommer 2021 sind, können wir die Zahl nicht so bewerten wie noch vor einem Jahr. Die bisherige Verbindung zwischen Infektion – schwere Erkrankung – Tod ist gekappt. Und: Wir haben inzwischen viel Wissen, was wirklich hilft und was nicht, um Infektionsketten zu stoppen – ohne Lockdown.

Nicht die Zeit für Beratungen, sondern für Umsetzung

Und da kommt der Knackpunkt: Setzen wir all das Wissen um? Oder schauen wir wie das Kaninchen auf die Schlange, äh, 800er-Inzidenz? Hier fehlen mir bei Bundesgesundheitsminister Spahn die Antworten. Er ruft uns Bürgerinnen und Bürger zu mehr Verantwortung auf – und sagt gleichzeitig, ja, auch die Politik muss ran.

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Mit den Bundesländern müsse beraten werden, ab wann neue Beschränkungen gelten – und was die zugrundeliegenden Werte sein sollten. Da sage ich – mit Verlaub – es muss nicht beraten werden, sondern es hätte schon längst beraten worden sein müssen. Damit nämlich jetzt – genau jetzt – die Zeit genutzt werden kann, um die Konzepte anzupassen. In den Bundesländern, den Kommunen, den Schulen, den Betrieben und vielen mehr. Um zu vermeiden, dass es im Herbst unnötige Beschränkungen gibt.

Digitalisierung der Gesundheitsämter - eher ein Traum

Und da fühle ich mich dann doch wie im Sommer 2020. Also wenn die zuständige Runde dann jetzt endlich einmal berät, hier direkt ein paar Punkte für die Tagesordnung: Noch mehr niedrigschwellige Impfangebote. Zum Beispiel in Betrieben, wo besonders viele Menschen arbeiten, die bisher nicht erreicht werden. Dann: Überprüfen der Schutzkonzepte überall da, wo Menschen trotz Impfungen nach wie vor gefährdet sind. In Pflegeeinrichtungen zum Beispiel.

Außerdem: Flächendeckende PCR-Tests zum Ferienende an den Schulen und in Kitas, um symptomlose Infektionen schneller zu erkennen. Dann die Gültigkeitsdauer von Schnelltests einschränken – nur 24 statt 48 Stunden. Wegen der ansteckendere Delta-Variante. Digitalisierung Gesundheitsämter - ja, das ist wohl eher ein Traum.

Eigentlich haben wir so viele Möglichkeiten in der Hand, aber: Wir müssen sie auch nutzen. Und ein Nachtrag, ein wichtiger: Andere Länder würden wer weiß was geben für eine solche Chance. Sie werden nicht in ein paar Wochen allen Erwachsenen ein Impfangebot machen können. Da, in diesen Ländern, ist eine Inzidenz von 800 auch heute noch so gefährlich wie bei uns im Sommer 2020.

Kathrin Kühn, geboren Ende der 1970er in Paderborn, aufgewachsen in Dortmund an nicht-akademischem Küchentisch. Studium Journalistik und Volkswirtschaftslehre, mit Auslandszeit in Katowice / Polen. Volontariat im nordrhein-westfälischen Lokalfunk. Promotion in Kulturwissenschaften, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Dortmunder Erich-Brost-Institut, parallel freiberufliche Nachrichtenmoderatorin im WDR. Später crossmediale Redakteurin und Volontärsausbilderin im WDR-Newsroom. 2021 dann Rückkehr in die Wissenschaft - zum Deutschlandfunk.

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