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StartseiteEuropa heuteMausoleum für Franco statt Opfer-Exhumierung20.11.2015

Spaniens DiktaturMausoleum für Franco statt Opfer-Exhumierung

Heute vor 40 Jahren, am 20. November 1975, starb Spaniens Diktator Francisco Franco. Bis zu seinem Tod hatte er das Land mit willkürlicher Brutalität geführt. Mehr als 100.000 Spanier wurden ermordet und liegen noch heute in Massengräbern. Für ihre Exhumierung gibt es keine Zuschüsse von der Regierung, für Francos Gedenken hingegen schon.

Von Hans-Günter Kellner

Spaniens Ex-Diktator Francisco Franco während einer Militärparade (imago/United Archives International)
Spaniens Ex-Diktator Francisco Franco während einer Militärparade (imago/United Archives International)
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Es ist ein verregneter Herbstmorgen in Vadecondes, einem 400-Seelen-Dorf in der Provinz Burgos, knapp 250 Kilometer nördlich von Madrid. Luis Gonzálo Martínez Arranz füttert die Hühner, Gänse und Enten. Sein Freund Fernando García ist zu Besuch. Die beiden haben sich vor mehr als zehn Jahren kennengelernt, als sie nach den Gebeinen ihrer Angehörigen gesucht haben.

"Ich bin der Enkel von Juan García Puesta. Mein Onkel hieß Cristobal García Martínez."

Sagt Fernando am großen Küchentisch und erzählt:

"Er war Lehrer. Sie verschleppten ihn nach Burgos. Auch mein zweiter Onkel wurde ermordet, er war Tierarzt. Aber niemand weiß, wo er verscharrt worden ist. Es sind also meine beiden Onkel ermordet worden und mein Großvater. Er war Landwirt.

Bis zu Francos Putsch im Sommer 1936 war Spanien eine demokratische Republik. In den Gebieten, die die Militärs nach dem Staatsstreich unter Kontrolle bringen konnten, setzten ideologische Säuberungsaktionen ein, so eben auch in Burgos. Dieser Repression fiel auch der Onkel von Luis Gonzálo zum Opfer.

100.000 Opfer unter Francos Repressionen

"Niemand wusste genau, wo die Leute verscharrt waren. Aber der Sohn eines Waldarbeiters kannte die Stelle. Schon beim ersten Spatenstich stießen wir auf einen Stiefel. Es dauerte noch ein Jahr, bis wir offiziell mit der Exhumierung beginnen konnten. Der Bürgermeister, damals von der Volkspartei, wolle uns nicht unterstützen. Aber es gab Kommunalwahlen und sein Nachfolger bezahlte die Miete für den Bagger. Am 15. und 16. August 2003 war es dann soweit. Mit einem Grabungsteam exhumierten wir meinen Onkel."

Luis nippt an seinem Milchkaffee. Er hilft jetzt anderen Hinterbliebenen, nach den Repressionsopfern zu suchen. Mehr als 100.000 Menschen sollen der Repression zum Opfer gefallen sein, schätzt der ehemalige Untersuchungsrichter Baltasar Garzón in seinem Ermittlungsbericht von 2010. Bis heute haben die Angehörigen davon nur 6.300 davon bergen können. Die Suche nach den Gebeinen ist oft sehr schwer, sagt Luis, viele Zeitzeugen leben nicht mehr, andere wollen nicht reden:

"Die Leute haben immer Angst, bei allen Exhumierungen. Als wir die Gebeine meines Onkels bargen, war zu spüren, dass wir hier ein Tabu brechen. Nach und nach trauen sich die Menschen, zu sprechen. Aber damals war die Spannung in der Atmosphäre mit den Händen zu greifen. Und die Kirche hat den Pfarrer, der meinen Vater und weitere Repressionsopfer dann schließlich beerdigt hat, versetzt. Damit er das nicht noch mal macht."

Immer wieder klopft der Landwirt mit seinen von der Arbeit zerfurchten Händen auf den Tisch. Während die sozialistische Regierung Zapatero 2007 die Suche nach den Gebeinen noch subventioniert hatte, hat die seit vier Jahren regierende Volkspartei sämtliche Hilfen für die Angehörigen der Opfer gestrichen. Man solle die Toten ruhen lassen, die Vergangenheit vergessen, sagen konservative Politiker. Luis hält dagegen:

Geld für Franco-Mausoleum statt Zuschüsse für Opfer-Aufklärung

"Man kann die Leute noch nicht in den Straßengräben liegen lassen. Und dann wird eine Autobahn gebaut und die Gebeine von 100 Menschen werden auf den Müll geworfen. Wie es auch hier passiert ist. Sie wussten, dass dort Menschen liegen. Das ist sehr schwerwiegend. Der Staat müsste die Gebeine selbst bergen und identifizieren. Stattdessen bezahlen wir das alles. Bei fast allen Exhumierungen."

Was der Staat dagegen finanziert, ist das Mausoleum im Tal der Gefallenen, in dem der ehemalige Diktator Francisco Franco gemeinsam mit mehr als 30.000 Opfern seines eigenen Regimes liegt. Besonders bitter für deren Angehörigen: Zum Todestag werden ihm dort wieder seine Anhänger die Ehre erweisen: mit dem ausgestreckten Arm zum faschistischen Gruß. Alle Initiativen, aus dem Mausoleum eine Gedenkstätte zu machen, sind bislang gescheitert. Viele Angehörige der Opfer haben darum bis heute Probleme, sich mit Spaniens Demokratie zu identifizieren. So auch Fernando.

"Für mich ist das immer noch eine Diktatur. Wir sind Bürger zweiter Klasse. In der ersten Klasse sitzen immer noch die Kinder der Faschisten, die damals getötet haben. Ich fühle mich entwürdigt. Noch immer müssen wir den Mund halten. So wie wir hier reden, kann ich in der Dorfkneipe nicht sprechen. Ich kann nirgends sprechen."

Auf dem Dorfplatz von Vadecondes ruft unterdessen die Kirchglocke zur Sonntagsmesse. Zu Francos Todestag soll spanienweit in 15 Kirchen für seine Seele gebetet werden. Ein offizielles Gedenken an die Repressionsopfer vermissen ihre Hinterbliebenen dagegen schmerzlich.

 

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