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Mittwoch, 23.09.2020
 
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Spanische Grippe Schlimmer als Corona

Leere Straßen, leere Züge. Kneipen, Restaurants, Theater und Kinos – alles geschlossen. Ein Virus hält Europa und die ganze Welt im Griff. Die Rede ist nicht von heute, sondern vom Herbst 1918. Vor 102 Jahren, nach dem ersten Weltkrieg wütete weltweit die sogenannte Spanische Grippe.

Von Michael Lange

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Schwarzweiß-Aufnahme um 1918: Frauen mit Mundschutz stehen mit Tragen neben Krankenwagen des Roten Kreuz in St. Louis. (imago / United Archives International)
Wie die Stadt St. Louis auf die Spanische Grippe reagierte, ist für den Historiker Nicolai Hannig ein positives Beispiel von Krisenmanagement. (imago / United Archives International)
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Von 1918 bis1920 forderte die sogenannte Spanische Grippe rund 50 Millionen Menschenleben - was die Zahl der Toten angeht die schlimmste Seuche aller Zeiten.

Rückblickend ein dramatisches Ereignis, das die Welt erschütterte. Und doch war vieles anders als heute. Den meisten Menschen, die damals lebten, war die Bedrohung durch das Virus nicht bewusst.

Der Berliner Arzt und Historiker Wilfried Witte arbeitet als Oberarzt an der Berliner Charité. Er hat für seine Doktorarbeit zahlreiche Quellen zur spanischen Grippe ausgewertet.

"Es kam überraschend. Sie kam als rätselhaftes Ereignis. Kurz gefasst kam die Spanische Grippe in eine Gesellschaft, die auf diese Grippe in keiner Weise vorbereitet war", sagt Witte.

2008 hat Wilfried Witte ein Buch geschrieben. Titel: "Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe". Es befasst sich vor allem mit den gesellschaftlichen Konsequenzen der Seuche.

Witte: "Es gab einen Diskurs über Seuchen, die traditionell im Zusammenhang mit Krieg auftraten, wie Ruhr oder Typhus. Aber die Grippe hatte keiner auf dem Plan. Man kann es beispielsweise betrachten bei der Stadt Pforzheim im Jahr 1918, wo es in schneller Folge sowohl zu einer Typhusepidemie kam und dann zu einer Spanischen Grippe, wie sonst überall auch. Es ist da gut zu beobachten, wie zum Typhus multiple Maßnahmen ergriffen wurden und zur Grippe eigentlich gar nichts."

Der zu Ende gehende Krieg beherrschte das Denken der Menschen. In Deutschland brach das alte System der Kaiserzeit zusammen. Der Krieg schien verloren. Niemand warnte vor den Folgen der Epidemie. Nur eine Grippe, das kennt man ja. 

"Die Modekrankheit in Berlin, der Residenza, auch in Wien und in Florenza. In Neapel, Piacenza, überall herrscht Influenza."

So spöttelte ein Lokalblatt im emsländischen Papenburg. Die Krankheit wurde im Frühjahr 1918 zwar wahrgenommen, aber in den meisten Zeitungen augenzwinkernd heruntergespielt, auch in der Tageszeitung Berliner Tag:

"Die fiebrigen Beschwerden keimten fern im schönen Süd, Wo die Mandeln dicker werden und die Rübe plötzlich glüht."

Noch im Mai vermeldete die Nachrichtenagentur Reuters: "Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten. Die Epidemie ist von milder Natur, Todesfälle werden bislang keine gemeldet."

Der Beginn bleibt im Unklaren

Wilfried Witte schüttelt den Kopf. Heute weiß jeder, dass die Krankheit alles andere als harmlos war – und aus Spanien kam sie auch nicht. 

"Bekannt ist, dass Spanien eines der nichtkriegführenden Länder war. Dementsprechend waren die Pressezensurmaßnahmen wesentlich geringer als in den kriegführenden Ländern. Und es gab eine Pressekonferenz im Frühjahr 1918, auf der kundgetan wurde, dass es die rätselhafte Krankheit jetzt auch in Spanien gäbe, und sogar der König sei daran erkrankt."

Wann und wie es wirklich losging mit der Spanischen Grippe, weiß niemand so genau. Der erste Patient könnte ein Koch namens Albert Gitchell gewesen sein, in einem Militärlager in Kansas. Dieser Fall ist dokumentiert, schreibt der Arzt Harald Salfellner in seinem Buch "Die spanische Grippe."

HANDOUT - Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918). Die Spanische Grippe entwickelte sich ab 1918 in drei Wellen bis 1920 zur schlimmsten Grippe-Pandemie der Geschichte mit 27 bis 50 Millionen, manchen Quellen zufolge sogar bis zu 100 Millionen Toten. (zu dpa "Blaue Haut, schneller Tod - Spanische Grippe jährt sich zum 100. Mal" vom 04.01.2018) ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung und nur mit Nennung "Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa" Foto: National Museum of Health and Medicine | (Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa) Patienten, die an der Spanischen Grippe erkrankt sind, liegen in Betten eines Notfallkrankenhauses im Camp Funston der Militärbasis Fort Riley in Kansas (USA) (Aufnahme von 1918) (Foto: National Museum of Health and Medicine/dpa)

"Am 4. März 1918 meldet sich Albert Gitchell mit Halsentzündung, Kopfschmerzen und 40 Grad Fieber krank, bald folgen weitere Rekruten mit ähnlichen Beschwerden, so dass schließlich Hunderte in das Camp-Hospital überstellt werden müssen."

Die Seuche könnte aber auch aus China gekommen sein – genau wie das neue Corona-Virus. Denn dort grassierte kurz zuvor eine ähnliche Krankheit, damals fälschlicherweise als Pest bezeichnet.

Eine wichtige Rolle bei der schnellen Verbreitung der "Spanischen Grippe" spielten in jedem Fall überfüllte Militärlager und Lazarette an der Westfront in Frankreich. Dort lagen Verwundete dicht nebeneinander und steckten sich gegenseitig an.

Möglicherweise entstand so aus einer gewöhnlichen Grippe eine Krankheit, die in einer zweiten Welle im Herbst 1918 Millionen hinwegraffte. Wegsehen war nicht mehr möglich, schreibt Harald Salfellner: 

"Es sei nur eine Grippe, sagten die Zeitungen, freilich eine recht gefährliche. Die Leichen wurden blauschwarz – davon schrieben die Zeitungen nichts. Aber jeder wusste es, und die Menschen starben. Und die Totengräber hatten zu tun."

In Deutschland infizierte sich in wenigen Wochen ein Drittel der Bevölkerung. Die Zahl der Toten im Deutschen Reich stieg im Herbst 1918 auf über 300.000. Bis Ende 1918 wurde die Influenza zur weltweiten Pandemie. Salfellner zitiert aus einem Brief des Malers Egon Schiele an seine Mutter:

"Liebe Mutter Schiele! Edith erkrankte gestern vor acht Tagen an spanischer Grippe und bekam Lungenentzündung dazu. Auch ist sie im sechsten Monat der Schwangerschaft. Die Krankheit ist äußerst schwer und lebensgefährlich. Ich bereite mich auf das Schlimmste vor, da sie fortwährend Atemnot hat."

Bisher heute kein Überblick über Totenzahlen

Auch nach der Epidemie konnten längst nicht alle Fragen rund um die Spanische Grippe beantwortet werden. Die verbreitete Not und die schlechte Versorgung zum  Ende des ersten Weltkrieges spielten zwar eine Rolle, alleinverantwortlich für die Seuche waren sie aber nicht. Auch viele Länder, die nicht unter den Kriegsfolgen litten, waren betroffen - wie die Schweiz, erläutert Wilfried Witte.

"Eine soziale Krankheit war es nicht, eine Kriegsfolgekrankheit war es offensichtlich auch nicht. Was war es denn eigentlich und warum wurde es so tödlich? Denn das ist ja der entscheidende Punkt. Die erste Welle im Sommer 1918, da erkrankten sehr viele vereinfacht gesagt, aber relativ gesehen sterben noch nicht so viele, so dass es für offizielle Stellen im deutschen Gesundheitswesen noch möglich war, darüber zu berichten, Zahlen zusammenzustellen, denn es ist ja nicht so schlimm. Das brach alles zusammen, als die zweite Welle auftrat. Denn das ist ja die eigentlich tödliche.

Bis heute gibt es keinen Überblick über die Zahl der Toten in China oder in Indien. Aus Afrika ist kaum etwas bekannt. Fest steht nur: Weltweit traf es viele Millionen Menschen.

Laura Spinney, Autorin des Buches "1918 – Die Welt im Fieber" zitiert die Erinnerungen eines Bewohners von Rio de Janeiro.

"Die Leute betteten die Füße der Toten auf dem Fenstersims, damit die staatlichen Hilfsorganisationen sie mitnehmen konnten. Da die Hilfskräfte aber nur langsam vorankamen, breitete sich nach einiger Zeit Gestank aus. Die Leichen begannen sich aufzublähen und zu verwesen, und so ging man allgemein dazu über, die Toten einfach auf die Straße zu werfen."

Auch in Berlin nahm im Herbst 1918 die Zahl der Toten dramatisch zu. Straßenbahnen wurden umfunktioniert – zum Transport der Särge. 

"Man sprach davon, dass besonders viele Kräftige und Robuste gestorben sind. Und im Lichte dessen war es umso rätselhafter, dass so viele in dem Alter betroffen waren."

Die meisten Toten waren im Alter zwischen 20 und 40. Erklären konnte das damals niemand. Heute weiß man: Möglicherweise waren ältere Menschen besser geschützt. Sie hatten Jahrzehnte zuvor Epidemien mit ähnlichen Viren überstanden. Ihr Immunsystem erkannte den neuen Erreger besser und konnte den Organismus schützen. Im Körper der Jungen fehlte dieser Immunschutz. Nicht selten nahm bei ihnen die Infektion einen dramatischen Verlauf. Harald Salfellner zitiert aus einem Krankenblatt:

"Eintritt in die Klinik am 17. Oktober. Zunge und Lippen trocken. In den Nasenöffnungen blutiges Sekret. Im linken Unter- und Oberlappen Dämpfung und Knisterrasseln. Puls 140. Am 19. Oktober moribund. Exitus am 20. Oktober nachmittags 3 Uhr, also am 9. Krankheitstage."

Koryphäen lagen falsch

Zwar gibt es auch heute keine wirksamen Medikamente gegen den neuen Erreger von COVID-19. Aber die Situation in den Krankenhäusern hat sich seit 1918 erheblich verbessert. Durch die moderne Intensivmedizin kann die Zahl der Todesfälle deutlich gesenkt werden. Beatmungsgeräte helfen der Lunge und überbrücken lebensgefährliche Situationen.

Wichtig ist auch, dass wir heute den Erreger kennen. Schnell konnten Experten, darunter Virologen an der Berliner Charité, das verantwortliche Virus isolieren, das Erbmaterial entziffern, einen Test entwickeln und Schutzmaßnahmen empfehlen. 1918 war kaum etwas über den Erreger bekannt.

"Es hatte sich in der Medizin eine Lehrmeinung herausgebildet, die ging aus vom Robert Koch-Schüler Richard Pfeiffer, der im zeitlichen Zusammenhang ein Bakterium entdeckt hatte, das in der damaligen Zeit das kleinste nachgewiesene war. Heute bezeichnet man es als Haemophilus influenzae. Und Haemophilus galt als Verursacher der Grippe. Das heißt: Man ging davon aus, dass die Grippe eine bakteriologische Krankheit ist.

Damit lagen die großen Koryphäen falsch. Einige Außenseiter hingegen vermuteten: Irgendetwas winzig Kleines, noch kleiner als Bakterien, war am Werk. Dass es sich bei den Erregern um Viren handelte, wurde erst Jahrzehnte später entdeckt.

Heute hilft neues Wissen, uns besser zu schützen und die Infektionen einzudämmen. Noch sind die Folgen der aktuellen Pandemie nicht mit der Spanischen Grippe vergleichbar, mit damals 50 Millionen Toten. 

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