Montag, 10.12.2018
 
Seit 08:10 Uhr Interview
StartseiteEuropa heute"Stolz darauf, ein Frankist zu sein“20.11.2018

Spanische Identitäten (2/5)"Stolz darauf, ein Frankist zu sein“

Mit dem Tod Francisco Francos am 20. November 1975 wurde das Ende der Diktatur in Spanien eingeläutet. Besiegelt wurde es durch die Unterzeichnung der Verfassung drei Jahre später. Er bekenne sich zu dieser Verfassung, sagt Juan Chicharro. Trotzdem will der General a.D. das Erbe Francos bewahren.

Von Hans-Günter Kellner

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Juan Chicharro im Park El Retiro in Madrid (AFP/ Oscar del Pozo)
Juan Chicharro ist Präsident der spanischen Stiftung Francisco Franco, sich dem Andenken an den Diktator verschrieben hat (AFP/ Oscar del Pozo)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Spanien, Portugal, Griechenland Europas vergessene Diktaturen

Spaniens Diktatur Mausoleum für Franco statt Opfer-Exhumierung

Debatte um Gebeine des spanischen Diktators Wohin mit Francos Knochen?

Eine Lange Nacht über Spaniens geraubte Kinder Mauern des Schweigens

68 - Europa auf den Barrikaden (5/5) Spanien - Aufstand in der Diktatur

Spanien Das "Gesetz des historischen Andenkens"

Linke und Rechte Wie der spanische Bürgerkrieg das politische Klima bis heute prägt

Baltasar Garzón Streitbarer spanischer Richter legt Lebensbilanz vor

Es ist ein Tag für die ganze Familie. Am "Día de la Hispanidad", dem Tag der Hispanität, knipsen stolze Eltern Erinnerungsfotos von ihren Kindern in Uniform, die bei der Militärparade über den zentralen "Paseo de la Castellana" in Madrid marschieren werden. Straßenhändler verkaufen Churros, ein spanisches Ölgebäck, mit heißer Schokolade oder bieten Spanien-Flaggen an. Eine Mutter sagt: 

"Es sind schwierige Zeiten für Spanien, in denen wir besonders stolz darauf sind, Spanier zu sein. Spanien muss stark und groß sein. Und es ist natürlich auch ein wichtiger Tag für die Streitkräfte, die für unsere Sicherheit sorgen." 

Der Tag soll an die sogenannte "Entdeckung" Amerikas durch Christoph Kolumbus am 12. Oktober 1492 erinnern und ist von der militärischen Tradition Spaniens geprägt. Doch inzwischen marschieren neben den Soldaten auch Feuerwehrleute, Polizisten und sogar der zivile Rettungsdienst. Ein Versuch, die Feier in das moderne, das demokratische Spanien hinüberzuretten. 

Der Einfluss der umstrittenen Franco-Stiftung

Die Nationale Stiftung Francisco Franco hat sich hingegen ganz dem Andenken an den Diktator verschrieben. Hier empfängt General a.D. Juan Chicharro die Besucher. 
 
"Ich bin sehr stolz darauf, ein Frankist zu sein. Als Franco 1975 starb, waren 70 Prozent der Spanier Franco-Anhänger. Heute gibt es anscheinend keine mehr. Dabei hatte Franco damals keine nennenswerte Opposition. Die Kommunistische Partei, ja, aber sonst? Ein paar Splittergruppen."

Wie sollte sich eine Opposition auch formieren, unabhängige Parteien und Gewerkschaften waren ja verboten, ihre Mitglieder waren inhaftiert. 

Chicharro sitzt ein wenig steif hinter seinem kleinen Schreibtisch voller Franco-Andenken, trägt ein blaues Hemd und eine grüne Krawatte, auf die kleine Hunde aufgedruckt sind.   

Spaniens Ex-Diktator Francisco Franco während einer Militärparade (imago/United Archives International)Spaniens Ex-Diktator Francisco Franco während einer Militärparade (imago/United Archives International)

"Franco war nicht für den Bürgerkrieg verantwortlich"

In der Welt des Franco-Anhängers war zu Zeiten des Diktators alles in bester Ordnung. Dass das Regime eine brutale Diktatur war, der ein blutiger Bürgerkrieg vorausgegangen war, erwähnt er nicht. Und wenn, sind daran andere schuld: 

"Franco war nicht für den Bürgerkrieg verantwortlich. Es waren die Linken, vor allem die Sozialisten. Der Bürgerkrieg begann nicht 1936, wie heute gesagt wird, er begann zwei Jahre zuvor. Die Sozialisten riefen 1934 eine Revolution aus, weil sie den Wahlsieg der Rechten nicht anerkennen wollten. Es gab 3.000 bis 4.000 Tote. Das Gesetz galt nichts mehr." 

Diese leidenschaftliche Verteidigung des Franco-Erbes und sogar des Bürgerkrieges ist selten in Spanien. Schließlich haben der Militärputsch gegen die demokratische Republik Spanien 1936, der anschließende dreijährige Bürgerkrieg und die Jahrzehnte der Diktatur viel Leid über das Land gebracht. Doch das kleine Büro Chicharros steckt voller Franco-Souvenirs, Büsten, Gemälden. In Deutschland wäre eine ähnliche Stiftung undenkbar, wie eine Adolf-Hitler-Stiftung, argumentieren diejenigen, die ein Verbot der Francisco Franco Stiftung fordern. Den General a.D. empört der Vergleich:

"Hitler verlor den Krieg und zerstörte Deutschland. Franco gewann seinen Krieg und baute Spanien auf. Das ist ein wichtiger Unterschied. Hitler war Atheist, Franco war ein gläubiger Katholik. Hitler tötete sechs Millionen Juden, Franco rettete Juden. Der Vergleich mit Nazi-Deutschland gilt nicht. Vergleichen wir Spanien nicht mit Deutschland."

Streit um die Umbettung der Gebeine des Diktators

Dass die umstrittene Franco-Stiftung strikt gegen eine Umbettung des Diktators aus seinem Mausoleum in der Basilika im Tal der Gefallenen ist, versteht sich von selbst. Sollte er exhumiert werden, müsse er in der Almudena-Kathedrale bestattet werden, wo es ein weiteres Familiengrab des Diktators gebe. Auch das will die spanische Regierung per Dekret verhindern, schließlich soll es in Spanien keine Pilgerstätte für Franco-Nostalgiker mehr geben. Chicharro kommentiert das mit einem steilen Vergleich:

"Man könnte viel über dieses Tal sagen. Aber was soll man noch sagen, wenn der Linken schon klar ist, dass sie das Tal entweihen und das Kreuz sprengen möchte? Wie die Taliban in Afghanistan. Das Tal wurde als Monument der Versöhnung gegründet. Aber das wollen die nicht so sehen, weil ein Kreuz darauf thront und weil es Franco erreichtet hat. Ganz klar." 
                                                                                                                             
Opferverbände sehen im Tal der Gefallenen hingegen eine Triumphstätte des Regimes. 

Das "Tal der Gefallenen" der Franco-Diktatur mit dem Grab Francos und des Gründers der faschistischen Bewegung Falange, José Antonio Primo de Rivera. (imago/ZUMA Press)Das "Tal der Gefallenen" der Franco-Diktatur mit dem Grab Francos befindet sich ca. 50 km nördlich von Madrid. (imago/ZUMA Press)

"Es gibt kein Zurück"

Aber auch in Chicharros Biografie finden sich Hinweise darauf, warum Spanien die gemeinsame Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit so schwer fällt. Linke Gruppierungen hätten während des Bürgerkriegs drei seiner Onkel und seinen Großvater ermordet, die Gebeine seien nie gefunden worden, sagt er. Täter gab es eben auf beiden Seiten. Trotzdem steht für ihn außer Frage:

"Niemals würde ich zum Franco-Regime zurückkehren wollen. Die Vergangenheit gehört in die Vergangenheit. Natürlich stehe ich auf Seiten der Verfassung. Noch nie war in der spanischen Geschichte eine Verfassung so lange in Kraft wie diese."

Eine Verfassung, bei der das deutsche Grundgesetz Pate stand, auf die sich die Vertreter der Opposition zusammen mit denen des Franco-Regimes geeinigt hatten. Ein gemeinsamer Blick auf die Geschichte ihres Landes ist den Spaniern trotzdem bis heute nicht möglich.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk