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StartseiteEuropa heuteWenn die Kollegen gehen22.03.2019

Spanischer Arzt in LondonWenn die Kollegen gehen

Seit 22 Jahren hilft der spanische Arzt Eduardo Cortes, britische Kinder gesund zur Welt zu bringen. Übers Weggehen aus England denkt er nicht nach. Aber er beobachtet mit Sorge einen Verfall des Gesundheitswesens - und eine zunehmende Abwehrhaltung gegenüber allem Fremden.

Von Sandra Pfister

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Viele Neugeborene in Bettchen auf einer Neugeborenenstation (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
Britische Krankenhäuser sind oft überbelegt und unterbesetzt - ein Brexit könnte das noch verschärfen (picture alliance / dpa / Waltraud Grubitzsch)
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Im Warteraum der nagelneuen Entbindungsstation des Kingston Hospital im Südwesten Londons sitzt ein gutes Dutzend hochschwangere Frauen. Die werdenden Mütter warten in roten Sitzschalen auf ihren Untersuchungstermin. An der Rezeption werden Anrufe entgegengenommen und neue Termine vereinbart.

Dr. Eduardo Cortes leitet die gynäkologische Abteilung des Krankenhauses. Cortes ist "busy", aber:

"Ausgerechnet bei der Geburtshilfe ist seit dem Brexit die Nachfrage zurückgegangen. Es werden weniger Babys geboren."

Cortes lacht. Ob der leichte Geburtenrückgang in England wirklich am Brexit liegt, das bezweifelt er. Eher liege es daran, dass die Regierung seit Jahren überall bei den Sozialleistungen und Ausgaben spart und sich deswegen junge Paare schwer mit der Entscheidung tun würden, ein Kind in die Welt zu setzen.

Sparen im Gesundheitssystem

Nach dem Mittagessen werden die Tabletts aus den Krankenzimmern geholt und auf Rollcontainern weggebracht. Auf einer roten Tür steht "Ultrasound", Ultraschall. Jede Mutter hat im britischen staatlichen Gesundheitssystem NHS Anspruch auf zwei Ultraschalluntersuchungen pro Schwangerschaft. Dr. Cortes hält das für einen guten Kompromiss zwischen Sicherheit und Sparsamkeit. Trotzdem findet er, dass die Regierung insgesamt einfach zu wenig in das Gesundheitswesen investiert.

"Es sind Krankenschwestern und -pfleger aus den EU-Ländern weggegangen. Das kann ja jeder auch in den Nachrichten hören. Aber das System stand schon vorher unter Druck. Die Sparpolitik der Regierung hat dafür gesorgt - und die geht auf die Zeit vor dem Brexit zurück."

Dieser Beitrag gehört zur Reportagereihe "Lost in Brexit – Französisch-britische Trennungsgeschichten" in der Sendung "Gesichter Europas".

Auf dem Weg zu seinem Büro kommt er an der Notaufnahme vorbei. Dort sitzen heute nicht allzu viele Patienten. Cortes lobt den "Trust", die Stiftung, die das Kingston Hospital finanziert. Es sei besser ausgestattet als andere Kliniken in London. Gerade fährt ein Krankenwagen vor und parkt rückwärts ein; die Sanitäter reißen die Tür auf. Es komme hier in London gar nicht so selten vor, dass Frauen mit dem Krankenwagen zur Entbindung gebracht werden. Viele haben kein Auto; andere lassen es bis auf die letzte Minute ankommen, damit sie nicht im Flur warten müssen, denn britische Krankenhäuser und auch die Kreißsäle sind oft überbelegt.

1997 kam Cortes nach Großbritannien - ohne Rückfahrschein

Eduardo Cortes ist Mitte 40 und hat bis 1997 in Barcelona als Hausarzt gearbeitet. Dann kaufte er ein Zugticket nach Großbritannien, ohne Rückfahrtschein.

"Es war ein wenig Lust auf Abenteuer. Ich war neugierig darauf, etwas Neues zu lernen. Ich interessiere mich in der Gynäkologie sehr für die Forschung, und die wird weltweit auf Englisch gelehrt."

Er öffnet die Tür zu seinem spärlich eingerichteten Büro, das eher an eine Uni erinnert; im Vorraum geben zwei Krankenschwestern Daten in den Computer ein. Cortes forscht als Uro-Gynäkologe viel zu Inkontinenz und Scheidenvorfällen. Die Forschungsbedingungen seien großartig in Großbritannien – noch.

"Wir bekommen aus der EU Material für die Radiologie. Das ist für die Forschung wichtig. Dann wird das Geld der EU fehlen, auch wenn die britische Regierung verspricht, das ausgleichen zu wollen."

Brexit (AFP / Tolga Akmen) (AFP / Tolga Akmen)

Dem NHS-Arzt macht seine Arbeit viel Spaß, nie hat er es bereut, aus Spanien hierhergekommen zu sein. Seine Frau ist Österreicherin und auch Geburtsmedizinerin. Zusammen haben sie vier Kinder und leben gerne in Kingston, diesem vergleichsweise ruhigen Vorort Londons. Aber es verändere sich etwas.

"Leider verlassen uns Krankenschwestern aus der EU. Aber noch schlimmer: Es werden auch keine neuen kommen. Das kann auch ein Problem werden für die, die den Brexit wollten und fremdenfeindlich sind."

Damit will er sagen, die Brexit-Anhänger könnten es noch bereuen, wenn Personal im Krankenhaus fehle.

Sorge über einen Wertewandel im Zuge des Brexit

Im Krankenhaus selbst erfahre er sehr viel Solidarität. Der Trust tue alles, um das Personal zu halten. Er selbst denke vorerst nicht daran zu gehen. Cortes bewundert das Land, in dem er seit mehr als 20 Jahren lebt. England sei ökonomisch stark und stelle sich dem Wettbewerb. Er glaubt, die Briten werden vieles in den Griff bekommen. Manche Meldungen über die Folgen des Brexit findet er übertrieben. Es sei etwas Prinzipielles, das ihm Sorgen macht.

"Es gibt eine Panik, die nicht angebracht ist. Ich meine zum Beispiel das mit dem Horten von Lebensmitteln oder die Angst vor Staus auf der M25. Es ist eher dieser Wandel bei den Werten, der durch das Brexit-Referendum in Gang gesetzt wurde. Das kann mich hier mehr treffen, als dass ich vielleicht vorübergehend keinen Serrano-Schinken mehr kaufen kann."

Fremdenfeindliche Sprüche, eine Abwehrhaltung gegenüber allem Fremden, weniger Toleranz – das ist es, was den Gynäkologen umtreibt. Doch er hat keine Zeit für Larmoyanz. Cortes entschuldigt sich; er muss jetzt wieder zur Geburtsstation und als gebürtiger Spanier mithelfen, britische Kinder gesund zur Welt zu bringen.

"Im Verlauf der 22 Jahre hier habe ich bei der Geburt von ein paar tausend Kindern geholfen. Wer weiß, wie viele von ihnen dann wohl als Erwachsene für den Brexit gestimmt haben?"

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