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StartseiteForschung aktuellSpanner für den Sockenbund02.11.2006

Spanner für den Sockenbund

Freie Erfinder liefern wichtige Innovationen

Messen. Rund 48.000 Patente werden pro Jahr in Deutschland angemeldet. Die kuriosesten Ideen stammen oft nicht aus etablierten Unternehmen, sondern von freien Erfindern. In Nürnberg treffen sie sich zur <papaya:link href="http://www.iena.de" text="Internationalen Fachmesse &quot;Ideen - Erfindungen - Neuheiten&quot; (IENA 2006)" title="Erfindermesse IENA" target="_blank" /> und präsentieren ihre Entwicklungen.

Von Björn Schwentker

Rollenkoffer wurden anfangs belächelt, heute sind sie allgegenwärtig. (AP)
Rollenkoffer wurden anfangs belächelt, heute sind sie allgegenwärtig. (AP)
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Erfindermesse IENA

Die neue Erfindung von Bruno Gruber ist kaum zu erkennen. Nur ein paar rote Fransen schauen aus einem Mamorblock heraus, an der Stelle, wo ein dicker Metallhaken hineingeschraubt ist. Bruno Gruber aus Olchingen bei München hat den Dübel neu erfunden. Seine Dübel haben zwar die gewohnte Form, bestehen aber nur noch aus einem dünnen Netz biegsamer Nylon-Fasern. Der Vorteil dabei: Das Bohrloch muss nicht mehr breiter sein als die Schraube. Bisher brauchte man für eine Fünf-Millimeter-Schraube etwa ein Acht-Millimeter-Loch. Die paar Extra-Millimeter sind zuweilen entscheidend, sagt Erfinder Bruno Gruber:

" Zwischen den Fliesen in Bad und Küche kann man bisher keine großen Schrauben reinmachen, weil ja der Dübel auch noch rein muss, und dadurch muss man bisher die Fliesen anbohren. Und das braucht man jetzt nicht, weil: Dieser fünf Millimeter dicke Dübel passt in die Fugen der Fliesen rein. Und ich kann trotzdem noch dicke, fette Schrauben reinschrauben."

Die Nylon-Fasern des neuen Dübels pressen sich zwischen Schraubengewinde und Wand. So nehmen sie praktisch keinen Platz weg. Trotzdem halten die Dübel so fest wie herkömmliche Modelle. Bruno Gruber ist überzeugt, dass seine Erfindung marktfähig ist. Das hoffen die meisten der freien Erfinder, mit ihrer Idee einmal reich zu werden. Fast immer bleibt es bei der Hoffnung. Die meisten der Tüftler auf der Nürnberger Erfindermesse erfinden nur nebenberuflich - mit viel Spaß, aber ohne je Geld damit zuverdienen. Doch es gibt Ausnahmen - wie Bruno Gruber. Seit 31 Jahren kann er vom Erfinden leben. Dass seine Kollegen das nicht schaffen, sagt der 65-Jährige, liege daran, dass sie nicht über ihre Ideen hinausdächten.

"Es nützt nichts, eine Idee zu haben, ja mit der Idee allein ist es nicht getan. Dann geht das Problem erst los. Dann muss ich überlegen: Ja, wie kann ich die Idee in ein Produkt umsetzen, aus welchem Material kann ich es machen, wie kann ich das machen, dass es sicher ist, wie kann ich es machen, dass es verkaufbar wird, dass es preisgünstiger ist, als etwas, das bisher schon auf dem Markt ist?"

Ideen gibt es auf der Erfindermesse genug zu sehen: Über 680 Neuheiten aus 32 Ländern. Zu ihrem Glück müssten die Tüftler jetzt nur noch einen investitionsfreudigen Unternehmer finden, der Geld für ihr Patent zahlt. Und eben da hapert es, sagt Beate Treu vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

"Es ist schon nicht so einfach, Unternehmen und Erfinder zusammenzubringen. Die sprechen unterschiedliche Sprachen. Ist ja auch verständlich. Der Erfinder erfindet, und er ist ja kein Unternehmer. Und der Unternehmer ist natürlich auch überfordert, wenn er dann jeden Monat 10 bis 50 Erfindungseinreichungen bekommt von freien Erfindern, da hat er ja gar keine Zeit, um das alles zu prüfen. Und die Erfinder sind noch nicht ganz so professionell, dass sie mit dem Unternehmen auf gleicher Augenhöhe reden, und das muss man erst mal alles überwinden."

Beate Treu koordiniert das Projekt Innovations-Stimulierung – kurz INSTI - das auch vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützt wird. In Schulungen erklären INSTI-Referenten den Erfindern die wichtigen Schritte nach dem Erfinden, wie man ein Patent anmeldet, wie man Unternehmer anspricht oder die eigene Idee auf einer Messe präsentiert - wie hier auf der Nürnberger Messe. Da ist die Handseife mit eingebauter Bürste, der Besteck-Rostschutz für die Spülmaschine, ein Sockenbundspanner, ein elektrischer Regenschirm oder die Erfindung der beleuchteten Zeltschnur. Aber taugen solche Kuriositäten überhaupt für den Markt, also dazu, zur echten Innovation zu werden?

"Das kann sein. Beim ersten Koffer, der mit Rollen vorgestellt worden ist, hat auch jeder gelacht, und heute hat es jeder drin. Gerade die Sachen, die sehr schnell umgesetzt werden können, die sind für Unternehmen interessant. Nicht: Was passiert in zehn Jahren? Sondern: Was kann ich morgen, nächsten Monat und nächstes Jahr realisieren und damit auch Umsatz machen."

Für Karl Bauch, den Vorsitzenden des deutschen Erfinderverbandes, sind Innovationen ohne freie Erfinder sogar fast undenkbar. Denn mit wirklich neuen Ideen täten sich die hochqualifizierten Entwickler in den Unternehmen schwer. Schließlich hätten sie zu viele Weisungen von oben zu befolgen. Und damit schon die Schere im Kopf.

"Für die Praxis ist es sehr wichtig, Leute zu haben, die nicht weisungsgebunden sind, die frei denken, die neue Wege, neue Spalten öffnen, aus denen dann oft riesen Bäume hervorwachsen."

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