Montag, 16.09.2019
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteKommentare und Themen der WocheEin Himmelfahrtskommando06.08.2019

SPD-ParteivorsitzEin Himmelfahrtskommando

Es werde taktiert ohne Ende, kommentiert Frank Capellan die Kandidatensuche der SPD. Geeignete Bewerber wie Franziska Giffey oder Stephan Weil wagten sich nicht aus der Deckung. Niemand könne voraussagen, ob es wirklich mal wieder schön sein werde, das Erbe von August Bebel anzutreten.

Von Frank Capellan

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Das Foto zeigt die Skulptur vor dem Willy-Brandt-Haus in Kreuzberg. (imago-images / Steinach)
Im Willy-Brandt-Haus in Berlin geht die Suche nach einem neuen SPD-Vorsitzenden weiter (imago-images / Steinach)
Mehr zum Thema

Kandidat für SPD-Parteivorsitz Ahrens: Beabsichtige nicht, auf dem Raumschiff Berlin anzuheuern

SPD-Vorsitz NRW will mitmischen

Ministerpräsident Woidke (SPD) „Klimaschutz braucht eine soziale Komponente“

SPD-Parteivorsitz Wallow will kandidieren - und notfalls klagen

Was von Franz Müntefering einmal als das schönste Amt neben dem des Papstes bezeichnet wurde, ist zu einem Himmelfahrtskommando geworden. So richtig reißt sich niemand darum, die traditionsreiche, mehr als 150 Jahre alte SPD führen zu dürfen. Die großen Namen fehlen, es wird taktiert ohne Ende. Lars Klingbeil, der 41-jährige Generalsekretär aus Niedersachsen, würde ja gern, aber er wartet ab, bis sich andere potentielle Anwärter aus seinem Landesverband erklären, Innenminister Boris Pistorius und vor allem Ministerpräsident Stephan Weil. Eigentlich zieht den nichts nach Berlin. Zugleich aber wird immer wieder betont, man müsse ihn nur lange genug bitten. Weil gilt als erfolgreicher Regierungschef, er hat eine Wahl gewonnen, als die SPD im Bund nach dem Schulz-Desaster schon am Boden lag, doch gerade deshalb scheut er sich anzutreten – die sterbende Bundespartei könnte ihn im Land mit nach unten ziehen. Mit einer verräterischen Formulierung wiederholt er nun, keinerlei Ambitionen zu haben: "Ich gehe davon aus, dass ich nicht kandidieren werde." Versichert er wörtlich. "Das erwarte ich nicht!" Erwartet er also doch noch die Bewerbung starker Kandidaten, damit der Kelch an ihm vorübergeht?

Jung, ostdeutsch, weiblich

Franziska Giffey wäre da eine geeignete Persönlichkeit. Jung, ostdeutsch, weiblich – eine Frau, die mit ihrer burschikosen Art einen Draht zu den Menschen findet, was bräuchte die Partei mehr für einen Neuanfang? Plagiatsvorwürfe machen ihr Schwierigkeiten, auch die Tatsache, dass sie als Familienministerin im Kabinett sitzt. Es dürfte schwer fallen, die SPD-Mitglieder beim Schaulaufen der Kandidaten vom Verbleib in der Großen Koalition zu überzeugen. Beim Klimaschutz werden sie die Latte sehr hoch legen müssen – die Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung oder auch das Aus für Hartz IV gelten als Themen, mit denen sich der Koalitionsbruch erklären ließe. Franziska Giffey jedoch steht wie keine andere für den Fortbestand der Regierung, das gilt auch für Arbeitsminister Hubertus Heil, der bereits abgesagt hat oder für Außenminister Heiko Maas, der noch über eine Kandidatur nachdenken soll.

SPD-Stammland

Und sollte am 1. September das SPD-Stammland Brandenburg verloren gehen, werden sich wohl alle Bewerber dazu bekennen müssen, Deutschlands Sozialdemokraten in die Opposition zu führen. Das könnte am Ende tatsächlich zu Gunsten der Außenseiter gehen – des Oberbürgermeister-Duos Simone Lange und Alexander Ahrens etwa, das sich klar für das Groko-Ende stark macht. Ob es allerdings wirklich mal wieder schön sein kann, das Erbe von August Bebel, Otto Wels, Willy Brandt und anderen ehrwürdigen Sozialdemokraten anzutreten, vermag heute niemand vorher zu sagen. 

Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub  )Frank Capellan, Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Bettina Straub )Frank Capellan, geboren 1965 im Rheinland, studierte Publizistik, Neuere Geschichte und Politikwissenschaften, Promotion an der Universität Münster. Nach einer Ausbildung bei der Westdeutschen Zeitung folgte ein Volontariat beim Deutschlandfunk, dem er bis heute treu geblieben ist. Zunächst Moderator der Zeitfunk-Sendungen, unter anderem der Informationen am Morgen; seit vielen Jahren als Korrespondent im Hauptstadtstudio tätig, dort u. a. zuständig für die SPD und Familienpolitik.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk