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StartseiteInformationen am MorgenSchaulaufen mit Stoppuhr04.09.2019

SPD-Regionalkonferenzen startenSchaulaufen mit Stoppuhr

In Saarbrücken fällt der Startschuss für das Rennen um den SPD-Vorsitz: Auf 23 Konferenzen werben acht Zweierteams und ein Einzelkandidat um die Stimmen der Parteibasis. Eine große Tour, für die man einen langen Atem braucht.

Von Frank Capellan

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Parteimitglieder der SPD gehen an einem beleuchteten Parteilogo vorbei (dpa-Zentralbild / Jan Woitas)
Parteimitglieder der SPD gehen an einem beleuchteten Parteilogo vorbei (dpa-Zentralbild / Jan Woitas)
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Es soll eine Show werden, die sich gewaschen hat. SPD-Vorsitz-Casting überall in der Republik.

"Ich, Jan Böhmermann, möchte Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands werden!"

Er ist schon mal gescheitert. Die SPD hat er durch den Kakao gezogen, mancher fand es witzig.

"Die SPD und ich sind uns nicht einmal sicher, ob ich den letzten drei Tagen wenigstens Parteimitglied geworden bin."

Ohne Klamauk geht kaum noch was, Twitter und Instagram dürfen eh nicht fehlen. Mit Videos stellen sich die Bewerber vor, Regieanweisungen aus dem Willy-Brandt-Haus inklusive: "Wenn möglich ungeschminkt kommen", so eine Empfehlung für den Dreh.

Kevin Kühnert sagt ab

"Moin, ich bin Kevin, das ist mein neuer Weekly, und es ist wahrscheinlich der schwierigste, denn heute soll es um die V-Frage, die Vorsitzendenfrage gehen."

Der 30-jährige Juso-Chef Kevin Kühnert sieht das etwas lockerer. Mit kurzer Hose und einer Tasse in der Hand schlurft er in den gläsernen Aufzug der Parteizentrale. "Auf einen Kaffee mit Kevin Kühnert" nennt sich seine Soap. Ein Bewerbungsvideo ist es nicht geworden, in Folge 17 hat er klargestellt, warum er kein SPD-Superstar werden möchte.

Die Suche nach den Parteichefs läuft nun genau so, wie sich der Nachwuchs das vorgestellt hatte. Wer sich für qualifiziert genug hält, kann sich melden, hatte sich Sebastian Plensky, Juso aus Düren, schon gewünscht, als Andrea Nahles noch gar nicht zurückgetreten war:

"Wir machen das Gleiche, was die CDU damals mal gemacht hat, wo ich sagen muss, das war doch sehr demokratisch. Wir stellen einfach mehrere zur Wahl und gucken, wer gewinnt."

Auftakt in Saarbrücken

Die Union allerdings begnügte sich mit acht Konferenzen, bei der SPD sind es 23. Und während die Schwarzen drei zur Wahl stellten, sind es bei den Roten 17. Auftakt heute Abend, 18 Uhr, in Saarbrücken, Lafontaine-Land. Ein Schelm wer sich jetzt daran erinnert, dass hier einst ein SPD-Chef und ein Kanzler in spe demonstrierten, dass kein Blatt zwischen sie passt. Die Zeiten der Lafontaines und Schröders sind endgültig vorbei. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil:

"Es werden nicht mehr die zwei, drei Leute im Hinterzimmer entscheiden, sondern die Mitglieder der Partei haben das Sagen."

Klingbeil gibt den Startschuss in der Congresshalle. Dann beginnt das, was sie die "Große Tour" nennen.

"Ich auch schon angesprochen worden, ob die SPD einen Tourbus organisiert hat", erzählt Saskia Esken, eine der Bewerberinnen. Nein, An - und Abreise auf eigene Rechnung. Esken kommt per Bahn.

"23 Konferenzen an gefühlt 22 Tagen, das ist schon eine heiße Tour!"

300 SPD-Mitglieder haben sich angemeldet, um ihre Kandidaten live zu erleben. Zweieinhalb Stunden, länger soll es nicht dauern. Auch das Publikum darf Fragen stellen, auf die, so Lars Klingbeil, "dann auch in kurzer Zeit, ich glaube wir haben 60 Sekunden vereinbart, geantwortet wird."

Ein Schaulaufen mit der Stoppuhr. Bühne frei für die Aspiranten, hier ein Überblick:

Klara Geywitz und Olaf Scholz

Er, Vizekanzler, wollte eigentlich nicht, jetzt aber doch, weil es an ganz großen Namen auf der Liste fehlte. Olaf Scholz 61, hat Kanzlerambitionen und dürfte zugleich Lieblingskandidat der Kanzlerin sein. Merkels Finanzminister steht für den Fortbestand der Groko:

"Wir haben alle Chancen, erfolgreich zu sein bei Wahlen!"

Dass es ihm an Selbstbewusstsein nicht mangelt, hat er Sonntagabend erst bewiesen. Klara Geywitz aber, 43, seine Partnerin, ist gerade aus dem brandenburgischen Landtag geflogen

Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

Er, 66, holte als NRW-Finanzminister Geld von Steuerhinterziehern in die Kassen, über eine Steuer-CD voller Namen.

"Eine? - Es waren elf, die 19 Millionen gekostet und 7,2 Milliarden eingebracht haben!"

Für Verteilungsgerechtigkeit will er sorgen, das Steuersystem umkrempeln, die Gegensätze zwischen Arm und Reich anpacken, ein ursozialdemokratischer Aufschlag gemeinsam mit der baden-württembergischen Bundestagsabgeordneten Esken, 58 Jahre alt

Petra Köpping und Boris Pistorius

Er 59, sie 61. Er Innenminister in Niedersachsen, sie Integrationsministerin in Sachsen.

Christina Kampmann und Michael Roth

Die 39-jährige Ex-Ministerin aus NRW und der 49-jährige Noch-Staatsminister im Auswärtigen Amt, bewarben sich zuerst. Sie wollen die Parteistrukturen reformieren, stehen links, sind Groko-skeptisch.

Gesine Schwan und Ralf Stegner

Schwan, 76, wollte gern mit Kühnert. Alt und jung, das hätte der intellektuellen Vordenkerin, zweimalige Bundespräsidentschaftskandidatin der SPD, gut gefallen. Jetzt steht der 59-jährige Parteivize Stegner an ihrer Seite. Beide suchen nach linken Mehrheiten: Rot-rot-Grün

Nina Scheer und Karl Lauterbach

Vehemente Groko-Gegner. Beim Klimapaket erwarten wir nichts mehr von der Bundesregierung, haben sie gestern erklärt. Sie, 47, ist Umweltpolitikerin, er 56, Gesundheitsexperte.

Hilde Mattheis und Dierk Hirschel

64 und 48 Jahre alt. Sie steht ganz links in der SPD, er ist Verdi-Funktionär. "Mehr demokratischen Sozialismus wagen" - ihre Devise.

Simone Lange und Alexander Ahrens

Lange trat im letzten Jahr gegen Nahles an, die 42-Jährige schaffte mit knapp 28 Prozent einen Achtungserfolg. Sie ist Oberbürgermeisterin in Flensburg, ihr 53-jähriger Partner in Bautzen. Auch sie wollen die Groko verlassen.

Karl-Heinz Brunner

Ein fröhlicher Bayer, 66 Jahre alt, Bundestagsabgeordneter, von der Doppelspitze will er nichts wissen. Daher dürfte für ihn wohl eher gelten: Dabeisein ist alles.

Delegierte der SPD stimmen ab (dpa / Sebastian Gollnow) (dpa / Sebastian Gollnow)Neue Parteichefs für die SPD - Viele Bewerber - kein Favorit 
Kaum prominente Köpfe, viele Bewerber aus den hinteren Reihen: Die SPD tut sich schwer damit, die Parteispitze neu zu besetzen. Das Bewerbungsverfahren ruft parteiintern viel Kritik hervor. Und die Basis verlangt eine klare Haltung zur Groko – das macht die Wahl nicht leichter.

"Dass wir nicht die ganze Zeit darüber reden, wie es mit der Koalition weitergeht", dieser Wunsch des Generalsekretärs dürfte wohl eher unerfüllt bleiben.

"Dem können wir natürlich nicht Folge leisten. Das wäre dann eine inhaltsleere Spaßveranstaltung", meint Nina Scheer, und ihr Ko-Kandidat Karl Lauterbach, will von Vorgaben ohnehin nichts wissen: "Ja, die Regieanweisungen, was der optimale Gesichtsausdruck ist und so weiter und so fort, dazu möchte ich mich nicht äußern!"

Für eine gute Figur werde er schon zu sorgen wissen, vermittelt der Herr mit der Fliege. Seit an Seit werden sie nun durch Deutschland reisen und sich präsentieren. Im Oktober haben die Mitglieder in der Hand, wer die SPD aus dem Schlamassel führen soll. Lauterbach hat schon nachgerechnet, wie viel Zeit einem Duo bei den Regionalkonferenzen bleiben könnte.

"Also ich bin da, wenn man so will, ein leidenschaftlicher Zahlendreher. Der jetzige Stand könnte bei ungefähr knapp neun Minuten, vielleicht neun Minuten und 20 Sekunden liegen."

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