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StartseiteKommentare und Themen der WocheJohn Bercow: Populist, Despot und Glücksgriff19.03.2019

Speaker des britischen UnterhausesJohn Bercow: Populist, Despot und Glücksgriff

John Bercow ist der Mann der Stunde in Großbritannien, kommentiert Friedbert Meurer. Um den Brexit aufzuhalten, nutze der Sprecher des britischen Unterhauses jedes mögliche Mittel. Wie die britische Würzpaste Marmite werde Bercow entweder gehasst oder geliebt. Trotzdem sei er ein Glücksgriff für Westminster.

Von Friedbert Meurer

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Der Speaker des britischen Unterhauses John Bercow während einer Debatte. Wegen seiner theatralischen Auftritte ist er inzwischen in ganz Europa bekannt.  (AP/Jessica Taylor)
Geliebt oder gehasst: Wegen seiner theatralischen Auftritte ist John Bercow, Speaker des britischen Unterhauses, inzwischen in ganz Europa bekannt. (AP/Jessica Taylor)
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John Bercow, der Speaker des Unterhauses, ist der Mann der Stunde in Großbritannien. Und er genießt es sichtlich. Seine Gegner mögen nicht ganz unrecht haben, wenn sie John Bercow alles Mögliche an den Kopfe werfen. Er sei ein Selbstdarsteller, Windbeutel, ein Despot – jedenfalls jemand, der den Brexit aufhalten will mit allen nur möglichen Tricks.

Wenn die Opposition einen Antrag stellt, der entsprechend aller Konventionen nicht erlaubt ist, dann sagt Bercow "ja". Wenn die Regierung May ihren Vertrag mit der EU wieder zur Abstimmung stellen will, dann aber wird auf einmal so lange in alten Kisten im ehrwürdigen Palace of Westminster gewühlt, bis man Schriftstücke von 1604 oder 1844 gefunden hat.

Populist und Hassfigur

Bercow ist einerseits durchaus ein Populist. Er liebt den dramatischen Auftritt, so wie damals, als er mit großer Geste US-Präsident Donald Trump aus dem Unterhaus auslud, ohne dass überhaupt jemals geplant war, dass Trump ins Parlament kommen wollte. Bercow ist aber auch bereit, sich zur Hassfigur im Land zu machen.

Mikrokosmos - Die Kulturreportage (AFP / Tolga Akmen) (AFP / Tolga Akmen)

Die Briten nennen Personen wie den Speaker eine "Marmite"-Figur. Entweder man liebt die bittere Würzpaste als Brotaufstrich oder man hasst sie. Bercow ist inzwischen fast in ganz Europa bekannt wie ein bunter Hund. Viele lieben seine theatralischen Auftritte. Dass er im Unterhaus umstritten ist wie Marmite, liegt aber auch genau daran. Weibliche Abgeordnete beschwerten sich, er putze vor allem sie herunter und entziehe ihnen das Wort. Mitarbeiter klagen über Mobbing. Bercow bestreitet das.

May sollte alles tun, um Mehrheit zu gewinnen

Und trotzdem ist dieser John Bercow ein Glücksgriff für das Unterhaus. Premierministerin Theresa May soll im Kabinett heute geklagt haben, Bercows Intervention sei Ausdruck dessen, dass Regierung und Parlament im Kampf miteinander liegen. Genau das ist der große Konflikt: mit dem Referendum hatte das Parlament sich selbst entmachtet. Dass die Regierung jetzt alleine interpretieren will, welcher Brexit es denn sein soll: dagegen stimmt sich das Parlament mit immer größerer Wucht. Bercow hat in seiner gesamten Amtszeit immer darauf geachtet, die Rechte des Parlaments gegen die Regierung zu verteidigen. Das hat ihn von seiner Partei, den regierenden Tories, entfremdet.

Theresa May sollte aber nicht auf das Parlament schimpfen. Sie sollte alles tun, eine Mehrheit zu gewinnen. Das hat sie nie wirklich getan: sie hat immer nur darauf gesetzt, die Brexiteers umzustimmen. Nächste Woche könnte High Noon in Westminster herrschen. Sollte es übrigens beim zu erwartenden Votum zu einem Patt kommen, dann entscheidet: der Speaker. Gut also, dass dieser Mann ein riesengroßes Ego hat.

Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Friedbert Meurer, Jahrgang 1959, studierte Germanistik und Geschichte in Mainz und Bielefeld mit dem Abschluss Lehramt für Gymnasien. 1986/87 gehörte er zum Gründungsteam des Privatradios RPR in Koblenz und volontierte dann 1988/89 beim Deutschlandfunk. 1995 bis 1999 arbeitete Meurer als Parlamentsreporter in Bonn mit dem Schwerpunkt Außenpolitik. Bis 2015 war er Ressortleiter Zeitfunk und moderierte u. a. "Informationen am Morgen". Seit August 2015 ist er Korrespondent von Deutschlandradio in London.

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