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StartseiteSport am WochenendeSpiegel einer Gesellschaft?21.06.2010

Spiegel einer Gesellschaft?

Zur Rebellion der französischen Nationalmannschaft

Der Sturm auf die Bastille, die Pflastersteine des Mai '68: Das waren Stürme im Wasserglas. Die Rebellion von Frankreichs Nationalspieler erschüttert die Nation. Diese Mannschaft hält uns einen schrecklichen Spiegel vor, wir müssen uns darin erkennen, argwöhnt der Philosoph Alain Finkielkraut.

Von Burkhard Birke

Frankreichs Ribery nach der Niederlage gegen Mexiko. (AP)
Frankreichs Ribery nach der Niederlage gegen Mexiko. (AP)
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Kein Wunder, dass sich jetzt sogar die Politik in diese staatstragende Angelegenheit einmischt, die die Medien beherrscht. Präsident Sarkozy hat seine Sportministerin Bachelot angewiesen, länger in Südafrika zu bleiben und heute ein vermittelndes Gespräch zwischen Fußballverband, Trainer und Mannschaft zu führen. Roselyne Bachelot soll's also richten - hatte sie doch auch ihre afrikanisch stämmige Staatssekretärin kritisiert, die wiederum die Hotelpreise des Luxusbunkers kritisiert hatte, in dem sich die Bleus für mehr als 500 Euro pro Spieler und Nacht verbarrikadiert hatten.

Auch das war natürlich symptomatisch für eine Mannschaft von hoch bezahlten Stars, die sich systematisch aus den Herzen der Fans gespielt hatten.

Den Kampfesmut, den man auf dem Platz bei den Spielen gegen Uruguay und Mexiko vermisst hatte, demonstrierten die Spieler nun mit dem Trainingsboykott. Wie kann denn mit Nicolas Anelka einer der ihren nach Hause geschickt werden, nur weil er dem Trainer das gesagt hat, was das Gros der Franzosen über Raymond Domenech denkt, wohl aber etwas milder ausdrücken würde als das Schimpfwort, das in ähnlicher Form bei der letzten WM Superstar Zinedine Zidane schon hat zum Stier gegen Matarazzi werden lassen.

Die Nerven liegen blank, die Ursachen der Misere tiefer. Da schleudert der Konditionstrainer wütend die Stoppuhr auf den Platz, der für die WM abgeordnete Verbandsdirektor schmeißt das Handtuch und der ungeliebte Trainer Raymond Domenech lässt sich endgültig demütigen, indem er die Boykott- und Solidarerklärung der Spieler mit dem verbannten Anelka noch der Presse vorliest. Auf dem "Field of Dreams", zu deutsch dem Feld der Träume, sollte der neue blaue Traum gemeinsam Wirklichkeit werden - so der Slogan auf dem Mannschaftsbus - statt eines neuen Titels wird dieses Turnier für den Vizeweltmeister zum Alptraum. Es ist die Chronik eines angekündigten Alptraums.

Schon die Qualifikationsrunde für diese WM war eine Farce. Nur Dank des handgesteuerten Tores von Stürmerstar Thierry Henrys im letzten Spiel gegen Irland hatte sich die Equipe Tricolore qualifiziert. Spätestens nach der letzten Europameisterschaft und dem dortigen Ausscheiden in der Vorrunde war klar: Zwischen Trainer Domenech und der Mannschaft harmoniert es nicht. Trotzdem wurde ihm nicht gekündigt. Es wäre den Verband angeblich teuer zu stehen gekommen. Trotzdem wurde mit Laurent Blanc von Bordeaux schon der Nachfolger im Amt des Nationaltrainers vor der WM berufen. So kann ein Verband seinen Trainer auch desavouieren! Der lässt natürlich keine Gelegenheit aus, seinen sturen Kopf durchzusetzen, exzellente Spieler wie Benzema zu Hause zu lassen und sich dem Diktat einiger Stars wie Ribéry zu unterwerfen. Deshalb blieb Mittelfeldregisseur Gourcuff gegen Mexiko auf der Bank wie übrigens auch der begabte Handballer Henry.

Diese Mannschaft hält nicht zusammen. Es sind Individualisten gesteuert von einem Coach, den niemand akzeptiert. Das wussten die Verbandsverantwortlichen vor der WM - und sie hätten noch kurzfristig reagieren können. Der Traum "black, blanc, beur" - der Weltmeistermannschaft von '98 mit schwarzen, weißen und maghrebinischen Spielern eines multiethnisch vereinten Frankreichs bleibt eine schöne Erinnerung. Idole von damals wie Zidane hatten schon bei der letzten WM ihre Vorbildrolle für die Jugend eingebüsst. Diese Mannschaft ist jetzt alles nur kein Vorbild: Sie steht, und da hat der Philosoph Finkielkraut recht, für Frankreichs Gesellschaft: Individualistisch, zerstritten, gettoisiert.

Jeder ist auf seinen eigenen Vorteil bedacht, sucht seinen Besitzstand zu wahren. Gemeinwohl zählt nicht mehr: Werte wie Gleichheit und Brüderlichkeit werden zur Farce. Bleibt allein die Freiheit - die der Spieler, sich zu verweigern. Retten kann diese Mannschaft nur noch ein Wunder - bei der WM und überhaupt.

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