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StartseiteSport am WochenendeSystem gegen System22.04.2019

Spielanalyse im FußballSystem gegen System

Welches Spielsystem entwickelt eigentlich welche Wirkung? Darüber diskutieren im Profi-Fußball Trainer, Spieler, Taktikexperten und auch so manche Fans. Die Deutsche Sporthochschule Köln forscht jetzt zu 4-2-3-1, 3-5-2 und anderen Systemen.

Von Thorsten Poppe

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13.03.2019, Bayern, MŸnchen: Fu§ball Champions League Achtelfinale FC Bayern MŸnchen - FC Liverpool am 13.03.2019 in der Allianz Arena in MŸnchen Tor zum 1:2 durch Virgil van Dijk ( Liverpool ) DFL / DFB regulations prohibit any use of photographs as image sequences and/or quasi-video. Foto: Revierfoto Foto: Revierfoto/Revierfoto/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Revierfoto / Revierfoto / dpa)
Die schmerzliche 1:3-Niederlage der Bayern im Achtelfinale der Champions-League gegen den FC Liverpool löste Kritik am gewählten Spielsystem und der taktischen Ausrichtung von Trainer Niko Kovac aus (picture alliance / Revierfoto / Revierfoto / dpa)
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Ob 4-2-3-1, 4-4-2, oder 3-5-2: Fußball-Fans können mit diesen Zahlenfolgen etwas anfangen. Allerdings weiß bisher niemand, welches Spielsystem was für eine Wirkung auf dem Platz erzielt? Denn darüber gibt es kaum valide Erkenntnisse. Die Deutsche Sporthochschule in Köln will das nun ändern, und unterzieht die Spielsysteme einer groß angelegten wissenschaftlichen Analyse.

Der Blick zurück zum Champions-League Spiel des FC Bayern München zu Hause gegen Liverpool im Achtelfinale, das bekanntlich am Ende 1:3 ausging. Kommentator: "Es war schwer gegen eine gut organisierte Liverpooler Defensive. Und dann fehlte doch am Ende wirklich das Tempo und die Wucht bei den Bayern!"

Niko Kovac, Trainer des FC Bayern, senkt nach der Niederlage gegen Borussia Mönchengladbach den Blick.  (Foto: Tobias Hase/dpa)Niko Kovac, Trainer des FC Bayern (Foto: Tobias Hase/dpa)

Die schmerzliche 1:3-Niederlage der Bayern im Achtelfinale der Champions-League gegen den FC Liverpool löste Kritik am gewählten Spielsystem und der taktischen Ausrichtung von Trainer Niko Kovac aus. Er hatte auf das bewährte 4-2-3-1 der Bayern gesetzt, das jedoch zu wenig offensive Durchschlagskraft entfaltete. Kovac rechtfertigte sich danach vehement:

"Also ich muss das jetzt mal versuchen klarzustellen. Die Herangehensweise in dem Spiel jetzt war genau dieselbe wie gegen Gladbach und gegen Wolfsburg. Da haben wir elf Tore geschossen. Die Anlaufhöhe war genau dieselbe, nur mit dem Unterschied, dass wir jetzt gegen Liverpool gespielt haben, die dann schon noch eine höhere Qualität haben."

Ob diese Kritik zumindest am Spielsystem letztendlich berechtigt war, kann keiner so wirklich sagen, weil es dazu bisher keine wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt. Das will die Deutsche Sporthochschule nun ändern, und erforscht zurzeit solche Fragen wie: Welches System bietet sich eigentlich an, wenn der Gegner 4-4-3 oder 4-4-2 praktiziert?

"Sehr viele Fragestellungen"

Auch um eine solche Diskussion wie um das Spiel FC Bayern gegen Liverpool auf valide Füße zu stellen, wie der Leiter des Forschungsprojekts Professor Daniel Memmert an einem Praxisbeispiel erklärt:

"Es zeigt tatsächlich zum einen, dass natürlich das gegnerische System einen Einfluss hat auf das System, was ich spiele. Zum anderen zeigt es natürlich sehr eindeutig Ihr Beispiel, dass auch ein Spielsystem erst einmal gelebt werden muss, tatsächlich mit den Spielern. Also ein System ist nur ein System, aber die taktischen Prinzipien, die die Spieler einsetzen, die können ganz anders sein. Und das ist natürlich das Schöne für einen Wissenschaftler, es bleiben noch sehr, sehr viele Fragestellungen übrig!"

Raumkontrolle, Druck-Effizienz, Länge-Breite-Verhältnis

Um herausfinden zu können, welches Spielsystem welche Wirkung entfaltet, musste Memmert Leistungsindikatoren identifizieren, die nachweislich Einfluss auf das Spielergebnis besitzen. Zum Beispiel die Raumkontrolle, die besagt: Welche Mannschaft mehr Raum vor dem Tor des Gegners kontrolliert, hat höhere Chancen, das Spiel zu gewinnen. Bei der Druckeffizienz wird gemessen, wie viele Gegenspieler überspielt werden, und wie viel Druck ein Spieler beim Abspielen oder Annehmen des Balles erfährt.

Dann gibt es noch das Länge-Breite-Verhältnis: Je mehr Tiefe eine Mannschaft im Spiel entwickelt, desto besser kann sie Gegenspieler überspielen, und desto näher kann sie an das Tor des Gegners heranrücken. Um diese Werte zu ermitteln, nutzt Memmert ein eigenes Datentool der Sporthochschule, für die Datenerfassung eine Fremdfirma:

"Mit deren System werden die Daten aufgezeichnet. Die liegen dann direkt nach dem Spiel vor. Wir können sie dann direkt in unser Analysetool einspielen, und wiederum ein paar Sekunden später haben wir die Ergebnisse für unsere taktischen Leistungsindikatoren. Und die können wir dann vergleichen."

Welches System gegen 4-4-2?

Für solch einen Vergleich ging Memmert dann der konkreten Frage nach, welche Taktik sich besser gegen eine Mannschaft mit 4-4-2-Ausrichtung eignet. Dafür hat er im Feldversuch zwei Mannschaften im elf gegen elf gegeneinander antreten lassen. Das angreifende Team spielte entweder in 4-2-3-1 oder 3-5-2-Formation, die andere Mannschaft verteidigte eben im 4-4-2.

Sie hatte nur die Aufgabe, der angreifenden Mannschaft den Ball wegzunehmen. Sobald dies der Fall war, startete ein neuer Angriff vom Torwart aus. Alle Fußballer hatten gehobenes Amateurniveau und kannten Position und das Spielsystem aus ihren jeweiligen Heimatvereinen. Die Trainer verfügten jeweils über eine A-Lizenz für den Profibereich. Mit Hilfe der Datenerhebung konnten die Wissenschaftler dann erste Erkenntnisse gewinnen.

"Weniger Druck beim annehmenden Spieler"

"3-5-2 war tatsächlich dem 4-2-3-1 überlegen. Wir konnten tatsächlich zeigen, dass es in der 3-5-2 Formation bessere Druckeffizienzwerte gab, d.h. es wurden mehr Gegenspieler überspielt bei viel Druck bei dem passabgebenden Spieler, und weniger Druck bei dem passannehmenden Spieler", sagt Memmert. "Und wir konnten ein größeres Länge-Breite-Verhältnis feststellen. Das bedeutet tatsächlich, dass in dem 3-5-2-System, weil sich dieses Fünfer-Mittelfeld noch ein bisschen vertikal gezogen hat, konnte man quasi mehr Tiefe gewinnen."

Und damit eben auch besser an das Tor des Gegners heranrücken, auch weil mehr Gegenspieler überspielt werden können. Doch mit welchem Spielsystem man dagegen wiederum am besten antritt, wird Memmert in den kommenden Jahren noch erforschen müssen.

Abseits davon bleibt der Fußball jedoch auch in der Analyse weiter ein simples Spiel - Niko Kovac hat dies nach der Niederlage gegen Liverpool und der damit verbundenen Kritik an seinem Spielsystem gut auf den Punkt gebracht: "Ich kann nur sagen, dass wir gegen einen richtig guten Gegner gespielt haben, der im Gesamtpaket besser war!"

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