Freitag, 20.09.2019
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteKommentare und Themen der WocheStandort Deutschland irrelevant20.08.2019

Spielemesse GamescomStandort Deutschland irrelevant

Bei der offiziellen Eröffnung der Spielemesse Gamescom gab es Zusagen für eine weitere finanzielle Förderung der Gaming-Branche. Nachhaltig sei die Rechnung allerdings nicht, kommentiert Maximilian Schönherr. Wer eine starke deutsche Entwickler-Szene möchte, müsse das zarte Pflänzchen schon einige Zeit gießen.

Von Maximilian Schönherr

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Figuren aus verschiedenen Computerspielen werden von Darstellern auf der Gamescom am Eingang der Messe in Köln gezeigt. (Oliver Berg/dpa)
Gamescom in Köln wurde eröffnet (Oliver Berg/dpa)
Mehr zum Thema

Tankred Schipanski (CDU) "Digitale Spiele sind Treiber für Innovation"

Verschwinden der Games-Zeitschriften Die Suche nach einem neuen, digitalen Games-Journalismus

Ruhr Games "Optimale Bedingungen im Ruhrgebiet"

Heute morgen klopften sich die Gamescom-Veranstalter samt Kölner Oberbürgermeisterin und stellvertretendem NRW-Ministerpräsident gegenseitig auf die Schultern: Weltgrößte Messe für Computerspiele. Die Messe ist großartig, 1000 Aussteller, davon 70 Prozent nicht aus Deutschland. Der Standort Deutschland ist für die Gamescom irrelevant. Eines der großartigsten Games – es erscheint im November – wurde in Göteborg produziert. Denn in Deutschland fehlt es an Förderung, und die Honorare für Fachkräfte sind wegen des Fachkräftemangels relativ hoch. Von einer Förderung in Höhe von 50 Millionen Euro sprach auf der Gamescom der Bundesverkehrsminister und bekam großen Applaus. Gesichert ist dieser Betrag überhaupt nicht, und vor allem gibt es keine Nachhaltigkeit in der Rechnung: Wer eine starke deutsche Game-Entwickler-Szene möchte, muss das zarte Pflänzchen schon einige Zeit gießen.

Männliche Fantasien dominieren

Wobei man sich fragen darf, was da gegossen wird. Bei der Eröffnungsveranstaltung gestern Abend bestätigte sich das, was seit langem Trend ist: männliche Fantasien besetzen die Branche. Schnelle, individuell getunete Rennwagen, archaische Helden mit Riesen-Bizeps und achtläufigen Raketenwerfern. Ein prominenter japanischer Spieleentwickler ist zurzeit Gast auf der Gamescom: Hideo Kojima. Sein noch nicht ganz fertiges Spiel zeigt einen männlichen Helden, der vor seinem Bauch einen Embryo trägt, ihn quasi in einem Plexiglasbehälter mit Nabelschnur austrägt. Das Spiel wurde schon vorab so sehr als etwas ganz Besonderes mit einer ganz besonderen Story gehypet, ein Held, der ohne Gewalt auskommt. Aber auch Kojima verfällt dem Klischee und führt als Mutter des Embryos eine Frau ein, die aus dem Gender-Bilderbuch einer Lara Croft stammt: bildhübsch, blasshäutig, mit großem Busen und engem Oberteil.

Neue Spielideen sind teuer

Britische Gender-Wächter verboten jüngst eine Werbung für Streichkäse, weil sie ein Männerklischee unterstrich. Junge Väter passen auf ihre Kleinkinder nicht auf und bringen sie in Gefahr. Und sie verboten eine Werbung für Elektroautos, weil sie ein Frauenklischee unterstrich: Die schöne junge Frau auf einer Bank, neben sich der Kinderwagen, am Staunen, weil ein Elektroauto fast geräuschlos an ihr vorbeifuhr. Wenn die Briten bei den Games das Sagen hätten, bliebe nur ein Bruchteil von vielleicht 10 Prozent aller Computerspiele übrig. Ein weiteres, wie auch immer EU- oder NRW-finanziertes Heldendrama braucht niemand. Eine Genderpolizei aber ebenso wenig. Neue Spielideen wären gefragt – und die sind teuer, und unbezahlbar.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk