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StartseiteAus Religion und Gesellschaft"Ich muss jetzt sterben, aber ich habe gelebt"06.03.2019

Spiritual Care"Ich muss jetzt sterben, aber ich habe gelebt"

Hat das Leiden einen Sinn? Wie komme ich durch diese Nacht? Was kommt nach dem Tod? Um als Schwerkranker solche Fragen zu stellen, muss man nicht religiös sein. Krankenhäuser sind auf diese Gespräch nicht vorbereitet. Palliativ Care, Pflege mit spiritueller Ausrichtung, soll das ändern.

Von Irene Dänzer-Vanotti

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15.07.2010, Nordrhein-Westfalen, Deutschland - Hospiz. Die Hand einer Pflegerin haelt die Hand eines sterbenden Mannes. (QF, ältere, älterer, berühren, Berührung, bettlägerig, europäisch, Fürsorge, fürsorglich, Hände, häusliche Pflege, Menschenwürde, menschenwürdiges Sterben, Nähe, trösten) 00X110715D001.JPG MODEL RELEASE: YES,RELEASE:  (imago stock&people)
Gespräche am Bett, eine Hand halten, trösten, vielleicht gemeinsam beten (imago stock&people)
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"Wir begleiten die Patienten hier in den Abend mit Abendbrot und den Schmerzmedikamenten und bereiten sie dann für die Nacht vor. Dazu gehört dann auch, seine Probleme nachzufragen. Ist er vielleicht ängstlich, braucht er ein bisschen mehr Zuwendung. Braucht er ein Medikament, wenn ein Gespräch nicht ausreicht, um seine Ängste zu nehmen, oder reicht es, eine Lavendelwaschung oder eine Massage in Ruhe zu machen."

Schwester Ute Nicolin geht noch einmal durch alle Zimmer der Palliativ-Station der Uni-Klinik in Düsseldorf. Die acht Patientinnen und Patienten sind schwer krank, nach menschlichem Ermessen und ärztlicher Diagnose werden sie nicht mehr lange leben. Umso mehr sollen sie hier, wie inzwischen auf vielen Krankenhausstationen für diese letzte Lebensphase, umfassend versorgt werden. Jetzt sind sie nicht mehr die Niere von Zimmer sieben. Auf der Palliativstation bekommen Pflege und Behandlung eine Ausrichtung.

Palliativmedizin. Das Wort kommt von "Pallium" lateinisch Mantel, also die Medizin, die ummanteln, beschützen will.

Zeit für Gespräch, Zeit für ein Ritual

Körper und Seele als Einheit zu sehen, ist das Ziel von Stationsarzt Martin Neukirchen: "In der Palliativmedizin ist das möglich, weil wir die Patienten immer auf den vier Ebenen versuchen zu betrachten. Wir schauen die körperliche Ebene an, die mit Symptomen vielleicht belastet sein kann, wir schauen die psychische Ebene an, die soziale Ebene, wie geht’s den Angehörigen, aber auch die spirituelle Ebene."

Spiritual Care. Nach den Grundsätzen dieser Methode werden Patientinnen, Patienten und auch ihre Angehörigen auf Martin Neukirchens Station betreut. Es gibt dafür auch ein – allerdings weniger gebräuchliches – deutsches Wort: Pflege mit spiritueller Ausrichtung.

Spiritual Care ist seit etwa 10 Jahren eine Methode für die Pflege von Patientinnen und Patienten am Lebensende. Kranke und ihre Angehörigen werden – wenn sie das wünschen – geistlich begleitet. Dafür ist das ganze Team einer Palliativstation zuständig: Krankenschwestern und Pfleger, Physiotherapeutinnen, Ergotherapeuten sowie Ärztinnen und Ärzte arbeiten zusammen.

Verlegung eines schwerstkranken Patienten auf eine Palliativstation in einem deutschen Krankenhaus am 22.01.2014. Palliativstationen sind spezialisierte Einrichtungen zur Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen. Palliativstation im Krankenhaus epd  Laying a  Patients on a Palliativstation in a German Hospital at 22 01 2014 Palliative care units are specialized Facilities to Supply  and Dying People Palliativstation in Hospital epd (imago stock&people)Spiritual Care auf der Palliativstation: Pflege mit spiritueller Ausrichtung (imago stock&people)

Dienstpläne sind so gestaltet, dass für Gespräche, für Berührungen, für ein Ritual, ein besonderes Essen oder eine Massage, die nicht eigens per Rezept verordnet wurde, genügend Zeit ist. Und Zeit heißt in der modernen Krankenpflege, Geld. Schlichter ausgedrückt: Viele Krankenkassen bezahlen die aufmerksame und nicht auf Heilung ausgerichtete Behandlung am Lebensende.

Spiritual Care soll nicht unbedingt die Religion, schon gar keinen speziellen, verfassten Glauben in die Betreuung einbeziehen. Sie will vielmehr Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Krankheit, des Todes in die Behandlung einbeziehen, will Angst vor dem Tod zu nehmen, vielleicht sogar Hoffnung machen auf eine Existenz danach.

Sorge über den Tod hinaus

Zwei Theologen haben in ökumenischer Zusammenarbeit Spiritual Care in Deutschland eingeführt: der Jesuitenpater Professor Eckard Frick aus München und der evangelische Theologe und Professor an der Universität Münster, Traugott Roser.

"Das Wichtigste an Spiritual Care ist für mich, dass es um eine gemeinsame Sorge geht. Dass ein Mensch oder eine Familie betroffen ist durch eine Erkrankungssituation und sich deswegen Sorgen machen muss, weil das Leben jetzt in seiner gewohnten Weise beeinträchtigt ist und ja, weil es vielleicht auch zu Ende geht, und Spiritual Care heißt im Grunde, dass man sich gemeinsam damit auseinandersetzt."

Für Traugott Roser, praktischer Theologe und Religionspädagoge, ist besonders wichtig, dass alle, die eine Frau oder einen Mann in ihrer letzten Lebensphase begleiten, eine persönliche Verbindung zu ihnen aufnehmen: "Weil der Tod – und das ist auch biblisch – eigentlich das Ende von Beziehungen ist. Also arbeiten wir mit Beziehungen gegen den Tod, als ein Protest gegen den Tod und vielleicht auch in einer Sorge, was trägt auch über den Tod hinaus."

Der Bezug zum Großen und Ganzen, zu Gott – oder der Vorstellung, die jeder Mensch von der Schöpfung und dem Leben hat –, wird Element der Betreuung. Roser hat eine so weite wie zugleich einfache Vorstellung von Spiritualität: "Wir versuchen wirklich nach der Spiritualität des Einzelnen zu fragen. Deswegen sage ich immer: Spiritualität ist das, was der Mensch dafür hält."

Eine Patientin sitzt im Rollstuhl. Am Tisch im geräumigen Wohnzimmer der Station. Hier können Familien gemeinsam essen, auf dem Sofa daneben ausruhen oder in der angrenzenden Küche kochen. Manche bereiten einen Pfannkuchen zu, den die Patientin immer so gern gegessen hat, einen Vanillepudding, der seit den Mahlzeiten ihrer Kindheit zu ihrem Leben gehört. Wenn es schwierig wurde, aß sie Vanillepudding. Noch schmeckt er ihr.

Warum ich? Warum jetzt?

Die Patientin ist 62 Jahre alt. Sie leidet an Brustkrebs. Keine Chemotherapie hatte geholfen. Zwei Jahre liegen hinter ihr, in denen auf jede Hoffnung Enttäuschung folgte. Jetzt auf der Palliativstation bezieht sich Hoffnung fast nur noch auf das Lebensende. Möge der Tod schmerzfrei sein, ist sie gut betreut. Aber wenn es dunkel wird, erwacht ihre Angst, ihre Wut und die Frage: Warum ich? Warum jetzt?

"Nachts kommen eben die Gedanken und dann kommen die Ängste und Sorgen raus. Dann kommen auch viele Sinnfragen, die irgendwie dann so dringlich, dass man dann dabei sein muss und einfach zuhören muss und dem Patienten Unterstützung zu geben", sagt Schwester Ute Nicolin.

Sie und das Team sind darauf vorbereitet. Sie versuchen, die notwendigen Aufgaben mit ruhiger Aufmerksamkeit zu vollziehen: Betten machen, Essen ausgeben, Medikamente dosieren. Der Ansatz von Spiritual Care bedeutet, dass sie bei diesen Kontakten wahrnehmen sollen, was in ihren Patientinnen und Patienten vorgeht, was diese vielleicht noch mehr brauchen, als ein frisch bezogenes Bett, als eine warme Suppe.

"Es geht nicht darum, dass man Antworten geben muss. Das ist nicht wirklich unsere Aufgabe, sondern es geht darum zu zeigen, hier ist jemand, ich nehme wahr, was Dich sorgt, was Dich belastet, um einfach da zu sein und Dir zuzuhören. Das ist manchmal eigentlich das größte, was sie von uns brauchen. Wenn Verzweiflung kommt, wenn Wut kommt, wenn die Emotionen dann so einfach ausbrechen, wirklich dann einfach dabei zu sein und zu signalisieren, ich kann dir nicht helfen, aber ich kann bei Dir sein in diesen Stunden, in diesen schweren Stunden."

Gespräche am Bett, eine Hand halten, gemeinsam beten, vielleicht Hilfe erflehen, trösten, segnen: Das ist seit jeher die Aufgabe von Seelsorgern in Krankenhäusern. Mehr noch: Sie stehen am Anfang der Krankenhaus-Medizin, wurden doch sogenannte Siechenhäuser zunächst von Nonnen und Geistlichen betrieben. Die christliche Tradition ist hier im Namen erkennbar.

Vom 14. Jahrhundert an wurden viele Spitäler für Pest-Kranke eingerichtet und Lazarette. Ihr Namenspatron ist der Heilige Lazarus, den Jesus von den Toten auferweckt hatte. Der Bezug zu Lazarus und Jesus Christus gilt heute als zu einseitig. In den 1990er Jahren tauchte dafür das Wort "spirituell" auf. Es bezeichnet eine absichtslose, zum Teil auf Wohlfühlen ausgerichtete Suche nach Sinn und Quellen des Lebens. Unerklärliche Erfahrungen wie Fügungen werden darin einbezogen und meist auf ihren Gewinn für das eigene Leben hin gedeutet.

Die Suche danach, was trägt

Spiritualität. Von lateinisch spiritus. Das bedeutet Geist oder Hauch. ‚Spiro‘ heißt: Ich atme. Spiritualität bezeichnet eine auf Geistliches ausgerichtete Haltung.

"Manchmal ist vielleicht auch so ´ne Krankheitskrise eine Gelegenheit, zu fragen, ‚Was will ich eigentlich verstärken? Nicht nur, was ist mir wirklich wichtig im Leben, sondern woraus schöpf ich Kraft?‘ Und wenn Seelsorge da einen Beitrag leisten kann, dass Menschen sich überlegen, was schenkt mir wirklich Kraft, was trägt mich, was hilft mir auch, Stand zu halten und zu wissen, wer ich eigentlich bin in diesem großen Universum. Wenn Seelsorge dazu einen Beitrag leisten kann, dann ist das genug", so Traugott Roser.

In seinem Berufsweg fügten sich verschiedene Aufgaben zusammen. Er verbindet sie und findet darin den Sinn seines eigenen Lebens. Der Pfarrer und Professor begleitete hochbetagte Menschen, Demenz-Patienten und diejenigen, die Ärzte – nicht selten unsensibel – als "austherapiert" bezeichnen, also als todkrank. Immer wieder, findet Roser, geht es in dieser existenziellen Phase um die Frage:

"Was ist eigentlich der rote Faden in deinem Leben? Was ist der rote Faden, der dich auch zusammenhält und wie können wir diesen roten Faden, was deine eigene Spiritualität ist, auch wieder auffinden? Was dich auch wirklich trägt. Manchmal ist es der Kinderglaube, zu dem man auch wieder zurückfinden kann, manchmal sind es auch Momente, in denen Menschen sagen ‚Das hat mir wirklich geholfen.‘ Und das ist dann eine ganz feste Erfahrung, die erinnert werden kann und die jetzt fruchtbar gemacht werden kann."

In dieser Überzeugung haben Roser und Eckhard Frick Spiritual Care für Palliativstationen entwickelt. Bis zum letzten Atemzug soll Lebensqualität möglich sein, zumindest, wenn es der Zustand der Patientinnen und Patienten zulässt und sie es wünschen. Deshalb, so das Konzept, sollen Fragen nach dem Sinn besprochen werden. Wenn Patienten nicht mehr reden können, sollte ihnen ohne Worte Sicherheit vermittelt und Angst genommen werden.

Weise Sätze aufsaugen

Dafür sind nicht mehr allein Pfarrerinnen und Pfarrer zuständig – sondern das gesamte  Stationsteam. Der Stationsarzt der Palliativstation der Universitätsklinik in Düsseldorf Martin Neukirchen: "Gerade in der Palliativmedizin ist es so, dass viele Menschen, die Fragen nach dem Sinn des Lebens und nach der verbleibenden Zeit stellen und wenn man dann darüber miteinander ins Gespräch kommt, dann wird man ganz schnell spirituell."

Das ist nicht zuletzt für den Arzt selbst ein Gewinn: "Wir haben natürlich die einmalige Möglichkeit, Patienten in dieser Phase zu begleiten. Und auch diese weisen Sätze, die die Patienten dann auch oft zu uns sagen, in uns aufzusaugen und auch für unser eigenes Leben mitzunehmen."

Ärztinnen und Ärzte, vor allem aber Krankenschwestern, Pfleger oder Physiotherapeuten kommen Patienten besonders nah: körperlich zunächst. Sie versorgen Wunden, cremen die Haut ein, säubern bettlägerige Patienten – und das sind die meisten auf einer Palliativstation – wechseln Windeln. In den intimen Momenten entsteht Vertrauen, kann Unausgesprochenes gesagt werden, fließen Tränen. Entscheidende Augenblicke für Schwester Ute Nicolin:

"Ich habe es hier auch gelernt, in meiner Arbeit im Moment zu bleiben, dem Gegenüber, dem ich begegne, wirklich meine ganze Aufmerksamkeit zu schenken. Darin wird dem Patienten ja auch deutlich: Ich hab‘ gelebt! Ich habe bestimmte Dinge erlebt. Ich glaube, das ist auch eine sehr große Ressource, dass der Mensch begreift, dass er ein Leben gelebt hat, dass er etwas geleistet hat. Das ist auch etwas, worauf wir hinzielen, dem Patienten deutlich zu machen, ich habe gelebt, ich werde früh sterben oder ich muss jetzt sterben, aber mein Leben hatte einen Sinn."

So für eine Patientin da zu sein, braucht – neben menschlicher Kraft – vor allem Zeit. Und die hat in einem Klinikbetrieb einen sehr schnöden Hintergrund: Sie kostet Geld. Auf Palliativstationen sind die Dienstpläne so getaktet, dass jeder aus dem Team sich, wenn nötig, einzelnen Patienten zuwenden kann. Viele Krankenkassen finanzieren das. Sie bezahlen zusätzliche Stunden des Pflegeteams, weil Patienten am Ende des Lebens andere Bedürfnisse hätten als Patienten, die geheilt werden können. Die Krankenkasse verlangt Zusatzqualifikationen für alle, die auf einer Palliativstation mit Spiritual Care Angebot arbeiten.

Teure Freiräume

Dass die Pflege und Betreuung am Lebensende alle Beteiligten besonders herausfordert, leuchtet ein. Dennoch stellt sich die Frage: Warum gibt es Spiritual Care bisher nur am Ende des Lebens? Ärzte und Pfleger sagen, wenn das Mikrophon ausgeschaltet ist, lapidar: Es sei zu teuer, wenn die Dienstpläne Pflegekräften jederzeit den Freiraum gewähren würden für ein Gespräch, für ein beruhigendes Wort, für einen Moment gemeinsamen Schweigens.

Allerdings: Diesen Beistand geben auf allen Stationen die Krankenhausseelsorger. An der Universitätsklinik in Freiburg leistet das von evangelischer Seite – neben anderen – die Diakonin Dorothee Mayer. Sie schätzt zwar auch eine offene Spiritualität, stützt sich selbst aber auf ihren christlichen Glauben:

"Ich glaube – und das ist sicher was, was über die Zeit gewachsen ist –, dass Gott ein mitgehender Gott ist, der uns wirklich auf diesem Lebensweg begleitet, uns immer wieder Kräfte auch zuwachsen lässt, wo aber trotzdem auch vieles offen bleibt, an Fragen, an Zweifeln, die auch immer wieder auftreten. Es ist nicht leicht, mit Patienten auch immer wieder auszuhalten, dass es keine Antwort gibt auf die Frage ‚Warum passiert mir das? Das ist doch ungerecht‘ Und da hilft mir mein Glaube in diesem ‚Und dennoch halte ich fest an dir‘. Was aber keineswegs im Kontakt mit den Patienten immer Thema ist. Also, da geht’s wirklich um das, was den andere betrifft und was seine Wurzeln letztendlich sind."

Seelsorgerin am Bett eines Bewohners in einem Altenheim am 27.01.2014. Altenheim Copyright: epd-bild/WernerxKrueper  Chaplain at Bed a Occupant in a Old people\u0026#39;s home at 27 01 2014 Old people\u0026#39;s home Copyright epd Picture WernerxKrueper (imago stock&people)Spiritual Care und traditionelle Seelsorge ergänzen einander (imago stock&people)

In den Freiburger Uni-Kliniken wird sowohl mit Spiritual Care als auch mit traditioneller Seelsorge gearbeitet. Nach der Erfahrung der evangelischen Krankenhausseelsorgerin ergänzen die Haltungen einander. Wo die Seelsorge ein größeres Repertoire an Ritualen hat, bietet Spiritual Care mehr Offenheit. Auch Diakonin Ursula Hänni-Grina fühlt sich ermutigt, frei von religiösen Vorannahmen auf Patienten zuzugehen. Gemeinsam finden sie dann oft einen persönlichen Glaubensweg – und sei es am Lebensende:

"Das heißt erst mal, ´ne innere Haltung zu entwickeln, die Raum gibt, für alles das, was sich zeigen will. ‚Heiße alles willkommen, weise nichts zurück‘, und mit dieser Haltung zum Patienten zu gehen, ist ´ne Herausforderung und gleichzeitig aber, glaub ich, auch ´ne Hilfestellung, um wirklich das wahrzunehmen, was beim anderen jetzt ist, und nicht das wahrzunehmen, was ich gerne sehen möchte."

Konkurrenz durch Seelsorger?

Und erst, wenn sie genau hingehört und überlegt hat, was dieser Mensch braucht, bietet Ursula Hänni-Grina das an, was sie als evangelische Theologinnen geben kann: ein Gebet, ein Lied, einen Segen, das gemeinsame Abendmahl.

Nicht alle Geistlichen sind so tolerant. Manche halten spirituelle Begleitung eher für eine Schmalspur-Religion, die sich nicht auf die Unbedingtheit der Existenz Gottes oder, im Christentum, auf die Wahrheit Jesu Christi bezieht. Der Bonner evangelische Theologieprofessor Eberhard Hauschildt schreibt:

Zwar ist richtig: Spirituelle Wahrheit lässt sich nicht an individuell erlebter Wahrhaftigkeit und Intensität vorbei konstruieren, aber bedeutet das, dass Wahrheit durch Wahrhaftigkeit ersetzt werden kann? Religionen – jedenfalls Christentum, Judentum und Islam – denken die Transzendenz Gottes so, dass als wahr nur das gilt, was man als unmittelbare Äußerung Gottes deuten kann. Also: Offenbarung ist. Eine humanistische geistliche Versorgung kann das gerade nicht denken wollen.
(Eberhard Hauschildt)

Traugott Roser hält dem entgegen: "Jesus hat ja nicht gesagt, ich war krank und Ihr habt besucht und habt mir damit das Evangelium nahe gebracht. Er hat einfach nur gesagt, ich war krank und Ihr habt mich besucht."

Die Seelsorger, die heute in Krankenhäusern unterwegs sind, haben ihr Handwerkszeug gelernt, sie sind keine Missionare – das ist ein ganz wichtiger Punkt. Das sind Menschen, zu denen kann man Vertrauen haben in der Gesprächsführung.

Die Krankenhausseelsorge der christlichen Kirchen bezieht sich traditionell auf den Heilungsauftrag von Jesus Christus. In der Praxis hat sie ihre Methoden erweitert und bezieht – auf Wunsch – kirchenferne Sinnsuche in der Krise der Krankheit ein. Der evangelische Theologe Professor Simon Peng-Keller lehrt Spiritual Care an der Universität Zürich und schätzt die Verbindung von Tradition und modernen, zum Teil psychologisch ausgerichteten Methoden.

"Spiritual Care" bezeichnet einen Bewusstseinswandel innerhalb eines zunehmend globalisierten Gesundheitssystems, der für die klinische Seelsorge große Chancen bietet. Er beinhaltet die Herausforderung, sich an komplexen Lernprozessen aller Sparten von Medizin und Pflege zu beteiligen.
(Simon Peng-Keller)

Eine solche Medizin verlangt von den Krankenschwestern, Seelsorgern oder Ärzten, dass sie Patienten nahe kommen. Traugott Roser fällt das manchmal durchaus schwer: "Für mich ist Geruch eine Anfechtung. Deswegen gibt es manchmal Situationen, wo ein sinnlicher Ekel sich einstellt. Das aber mit dem Patienten auszuhalten und auch mit ihm zu teilen, das sind schwierige Situationen."

Recht auf Beistand

Roser muss sich manchmal sehr bewusst darin bestärken, dass jeder, wirklich jeder Mensch ein Recht auf seinen Beistand hat, selbst wenn er dessen Lebenshaltungen ablehnt: "Wo eine alte nationalsozialistisch gefärbte Haltung da ist ... Das Recht auf Hilfe hat jeder Mensch, das Recht auf Begleitung, aber wenn man merkt, da ist eine Weltanschauung, die lebensfeindlich ist, damit ist es schwer zurecht zu kommen."

Diese Kraft, auszuhalten, müssen Menschen aufbringen, die Sterbende begleiten. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Sie bekommen auch etwas dafür. Oft vertrauen ihnen Menschen ihre Lebensweisheit an, sagen noch einmal, was sie gelernt haben, worauf es ankommt, wie Schwester Ute Nicolin sagt:

"Auch das habe ich gelernt: Am Lebensende zählen einfach Beziehungen, nicht mehr, was man hat oder wer man war, beruflich, sondern als Mensch, wer man war und was für Beziehungen habe ich daraus entwickeln können."

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