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StartseiteTag für TagAchtsamkeit ist politisch - und problematisch28.06.2021

SpiritualitätAchtsamkeit ist politisch - und problematisch

Meditation kann helfen, den Alltag besser zu bewältigen. Auch Unternehmen bieten ihren Beschäftigten Mindfulness-Programme an. Der Soziologe Hartmut Rosa kritisiert, dass damit Fehlentwicklungen wie Stress individualisiert werden. Dem Einzelnen geht es besser, der Gesellschaft nicht.

Von Susanne Fritz

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Illustration: Ein Mann harkt den Zen-Garten im Kopf eines Menschen. (imago / Ikon Images / Tommaso Incalci)
Achtsamkeit bedeutet, zum Zeugen seiner selbst zu werden (imago / Ikon Images / Tommaso Incalci)
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"Und ich weiß, bei der ersten Stunde, da mussten wir die Augen schließen und dann hat er jedem von uns was in die Hand gegeben und das sollten wir erfühlen. Und letztendlich stellte sich heraus, war eine Rosine, da habe ich mir nur gedacht, was ist dat denn hier für ein Kokolores. Also so ein Quark, ich muss mir jetzt hier keine Rosine angucken und fühlen. Aber so langsam konnte ich mich dann doch dem nähern."

Bettina Jansen hat einen Achtsamkeitskurs in Köln besucht. Was sie zunächst merkwürdig findet, soll ihr den Einstieg in die Achtsamkeitspraxis erleichtern. Später lernt sie in der Sitzmeditation, ihren Atem zu beobachten. Es geht weiter mit Yoga und mit Übungen für Achtsamkeit im Alltag. Ein achtwöchiges Programm, das der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn in den 1970er-Jahren entwickelt hat – die sogenannte MBSR-Methode. Die Abkürzung steht für "Mindfulness-Based-Stress-Reduction" – auf Deutsch "Stressreduktion durch Achtsamkeitsmeditation".

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Die Teilnehmer der MBSR-Kurse sollen lernen, besser mit innerer Unruhe, Unwohlsein, Schlaflosigkeit oder Schmerzen umzugehen. Das gelingt, wenn die Übenden zunächst ihre Gefühle, Gedanken und körperlichen Reaktionen bewusst wahrnehmen, erklärt der Achtsamkeitstrainer Alexander Kopp aus Köln:

"Da fangen wir mit Atembeobachtung an und später geht es über andere Bewusstseinsinhalte, Körperempfindungen, Klänge, Geräusche, sodass ich sozusagen in der Sitzmeditation immer mehr lerne, dass ich nicht meine Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen bin, sondern dass ich der Zeuge oder die Zeugin dessen sein kann, was im Hier und Jetzt gerade passiert. Und dadurch tritt schon so eine Art innere Distanz ein; oder man könnte sagen, ich bin nicht mehr identifiziert mit den Bewusstseinsinhalten, sondern ich bin dann Beobachter, Beobachterin dessen."

In der Meditation lernen die Praktizierenden dann, die Vorgänge in Geist und Körper zu akzeptieren, ohne sie zu werten. Wer Achtsamkeit kultiviert, lässt sich nach Jon Kabat-Zinn nicht mehr von seinen Gedanken und Gefühlen mitreißen. Stressgeplagte meisterten ihren Alltag besser und chronisch Kranke kommen seiner Erfahrung nach besser mit Schmerzen oder einer verkürzten Lebenserwartung zurecht.

Zur Ruhe kommen

Diese erstaunliche Wirkung hat sich in den vergangenen Jahrzehnten herumgesprochen. In Deutschland bieten ausgebildete Lehrer mehr als 2000 Achtsamkeitskurse alleine nach der MBSR-Methode von Jon Kabat-Zinn an. So auch Alexander Kopp:

"Meist ist die Erwartung: Ich möchte zur Ruhe kommen, in meiner Mitte ankommen. Bis hin zu: Ich möchte bei chronischen Erkrankungen lernen, mit dem Schmerz umgehen zu können, oder ich möchte gesund bleiben und noch möglichst lange leben."

In den frühen buddhistischen Traditionen ist Achtsamkeit ein wichtiger Bestandteil der Spiritualität. Nach den Vorstellungen des frühen Buddhismus spielt sie eine entscheidende Rolle beim Streben nach Erleuchtung und Nirwana. Diese ursprünglich religiöse Bedeutung spielt zumindest in den MBSR-Kursen nach Kabat-Zinn keine Rolle mehr. Im Westen ist Achtsamkeit heute vor allem Lebenshilfe.

Das Problem wird auf die Individuen verschoben

Und die Hilfe ist willkommen, denn die Zahl der Menschen mit Burn-out und anderen psychischen Stress-Erkrankungen steigt. Doch ist Achtsamkeitsmeditation wirklich die richtige Antwort auf den zunehmenden Leistungsdruck und den Steigerungszwang in der beschleunigten Gesellschaft? Der Soziologe Hartmut Rosa, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat da seine Zweifel:

"Ein Problem, das ich dabei sehe ist eben, dass man die Problemlage auf die Individuen verschiebt. Dass man damit sagt, wenn du nur genügend Achtsamkeit trainieren würdest oder dein Leben richtig ausrichtest, dann hättest du kein Problem mehr und die Problemlagen, von denen ich als Soziologe unbedingt sagen will und auch sagen kann, dass sie in ganz hohem Maße gesellschaftlich verursacht sind, strukturell bedingt sind, die werden eben dem Individuum angelastet - du musst lernen damit zurechtzukommen. Und deshalb halte ich Achtsamkeit als politische Lösung für problematisch."

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa (imago images/Thomas Müller)Der Soziologe Hartmut Rosa warnt davor, Achtsamkeit als Ersatz für gesellschaftliche Veränderungen zu betreiben (imago images/Thomas Müller)

Längst hat die Botschaft von der Wirkung der Achtsamkeit auf Stress und Leistungsdruck auch die Großkonzerne erreicht. Global Player wie Google, SAP oder Apple bieten ihren Mitarbeitern schon länger Achtsamkeitsseminare an. Dabei ist das Wohlbefinden der Belegschaft und ein besseres Arbeitsklima vermutlich nicht immer das Ziel. Es liegt nahe, dass die Mitarbeiter lernen sollen, dem Leistungsdruck und belastenden Situationen besser standzuhalten:

"Es spricht im Prinzip nichts dagegen, wenn Unternehmen sagen, wir sollten versuchen, eine Kultur aufzubauen, die auch den Mitarbeitenden gerecht wird und dazu gehört auch Management und Führungstechniken. Und eine gute Führungstechnik besteht darin, dass man auch in der Tat Menschen mit einer achtsamen Haltung begegnet. Aber wir sehen natürlich, dass die Ausrichtung sehr häufig eine andere ist. Dass die nämlich eigentlich darauf abzielt, Profite zu erhöhen, Produktivität zu erhöhen, eine Leistungsbereitschaft zu erhöhen. Und dann wird Achtsamkeit zu einer Technik der Beschleunigung und der Dynamisierung und in gewisser Weise sogar der Profitsteigerung."

Achtsamkeit ist keine Weltformel

Auch wenn die Gefahr einer Zweckentfremdung der Achtsamkeitspraxis besteht. Der MBSR-Erfinder Jon Kabat-Zinn hält Achtsamkeit und Egoismus für unvereinbar. Er ist davon überzeugt, dass Menschen mit langer kontinuierlicher Achtsamkeitspraxis nicht nur ein hohes Maß an Selbstakzeptanz, Glück und Zufriedenheit erlangen, sondern automatisch Mitgefühl für andere Menschen entwickeln. Mehr noch: In seinem Buch "Achtsamkeit für alle" beschreibt Kabat-Zinn Achtsamkeit als eine universell anwendbare Meditationspraxis, die das Zeug dazu hat, die Welt zu verbessern. Inken Prohl, Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Heidelberg hält das für das Heilsversprechen eines religiösen Führers:

"Ich kann dazu sagen, dass diese Aussage, dass durch eine bestimmte Lehre oder Praxis die Welt zum Guten verändert werden kann, uns wohlbekannt ist. Ich denke, aus eigentlich der Mehrzahl der religiösen Traditionen. Insofern würde ich die Aussage von Jon Kabat-Zinn als typisch für die eines Religionsvertreters bezeichnen, der meint, eine Methode gefunden zu haben. Und wir wissen aber, dass sich nicht unbedingt bewahrheitet hat, was die religiösen Führer dieser Welt so in Vergangenheit und Gegenwart sagen. Und insofern wäre ich skeptisch."

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Inken Prohl bezweifelt auch, dass die Achtsamkeitspraxis automatisch Eigenschaften wie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft hervorruft. Wissenschaftliche Versuche konnten das bislang nicht belegen, auch wenn die Aussagekraft solcher Versuche begrenzt sei:

"Da wurden also Gruppen mit Achtsamkeit und entsprechende andere Versuchsgruppen ohne Achtsamkeit, diese Probanden, die wurden dann natürlich unabhängig voneinander in Situationen geschickt, wo es darum ging, das Mitgefühl zu praktizieren durch Hilfeleistung. Und das Ergebnis ist gewesen, dass sich kein Unterschied zwischen denjenigen hat feststellen lassen, die jetzt die Achtsamkeit praktiziert haben und denen, die Achtsamkeit nicht praktiziert haben. Und da gibt es verschiedene Versuche und auch Versuche, über einen längeren Zeitraum."

"Es macht mich ein Stückchen glücklicher"

Es gibt in der Forschung eine beeindruckende Anzahl von Studien zu den positiven Effekten der Meditation auf den Organismus und das Gehirn. Doch nur wenige sind wissenschaftlich anerkannt und belegen, dass diese Effekte dauerhaft sind. Das gilt auch für Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Es ist deshalb wohl eher unwahrscheinlich, dass Achtsamkeitspraxis die sozialen Krankheiten des modernen Lebens heilen kann. Sicher ist es auch ein Problem, wenn wir nicht die Ursachen von Stress und Leistungsdruck infrage stellen, sondern versuchen, uns durch Meditation an gesellschaftliche Schieflagen anzupassen.

Aber wir wissen von nachgewiesenen Effekten der Achtsamkeitsmeditation auf das individuelle Wohlbefinden. Die Erfahrungen von Praktizierenden wie Bettina Jansen sind erstaunlich.

"Ich bin tatsächlich ruhiger geworden. Ich kann in Situationen, die mehr unangenehm sind oder wo ich Angst vor habe… dann nehme ich das wahr und denke, ja, jetzt bist du halt aufgeregt. So. Und dann kann ich mich auch schon mal hinsetzen und zehnmal durchatmen. Und dann, dann geht es meistens auch besser. Ich kriege viele Dinge noch intensiver mit. Ich bin jetzt nicht so ein pathetischer Mensch, aber das macht mich schon ein Stückchen glücklicher, manchmal."

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