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StartseiteTag für TagDer Whisky-Vikar08.07.2019

Spiritualität und SpirituoseDer Whisky-Vikar

Whisky-Wallfahrten und Whisky-Witze - Whisky-Vikar Wolfgang Rothe will mit Whisky Menschen erreichen, die keine Kirche betreten. "Die Hemmschwelle ist zu hoch", sagte der Münchener Theologe im Dlf. Maßvoll genossen sei Whisky, der seinen Ursprung in Klöstern habe, "Wasser des Lebens".

Wolfgang Rothe im Gespräch mit Andreas Main

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Pfarrer steht vor Whisky-Fässern (Bernhard Czerny                                                                                                                                                                                                                                 )
Whisky-Fan und Theologe - Wolfgang Rothe in der Destillerie (Bernhard Czerny )
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Andreas Main: Er sammelt Whisky-Witze und er veranstaltet Whisky-Wallfahrten. Wolfgang Rothe ist katholischer Priester, ist zweifach promoviert in Kirchenrecht und Theologie und arbeitet als Seelsorger in München, genauer als Pfarrvikar in München-Perlach. Was ihn am Whisky fasziniert, darum geht es jetzt und hier. Und selbstverständlich sagen wir vorneweg ganz laut und deutlich: So wie Medikamente nicht nur heilen, sondern auch Risiken und Nebenwirkungen haben können, macht maßloser Alkoholkonsum krank, und zwar nicht nur billiger Fusel, wie das auf unseren Straßen zu beobachten ist, auch edle Getränke machen krank, wenn maßlos konsumiert.

Deswegen sagt Wolfgang Rothe, er 'trinkt' keinen Whisky, er 'verkostet' ihn, womit gesagt sein soll, es geht um Genuss, nicht um blanken Konsum. Sein erstes Whisky-Buch hieß "Wasser des Lebens. Einführung in die Spiritualität des Whiskys". In zweiten ging es um "Whisky-Wallfahrten". In diesem Frühjahr sind seine "Whisky-Witze" erschienen in einem römisch-katholischen Verlag der Benediktiner. Mit Wolfgang Rothe geht es jetzt um Spiritualität in mehrfachem Sinne, ein Gespräch, das wir vor der Sendung aufzeichnen beziehungsweise aufgezeichnet haben. Guten Morgen, Herr Rothe.

Wolfgang Rothe: Guten Morgen Herr Main.

Main: Der Teufel hat den Schnaps gemacht, Herr Rothe, so sang es einst Udo Jürgens. 'Er hat den Schnaps gemacht, um uns zu verderben.' Völlig falsch, sagen Sie. Was ist aus Ihrer Sicht korrekt? Wer hat ihn denn gemacht, den Schnaps, den Whisky?

Rothe: Zumindest was den Whisky anbelangt, waren es christliche Mönche, die ihn erfunden haben, und zwar geht Whisky auf die frühe Zeit der irisch-schottischen Kirche zurück; und es waren Mönche. Es war also hinter Klostermauern, dass irgendwann irgendein Mönch auf die damals geniale Idee kam, aus vergorener Getreidemaische hochprozentigen Alkohol zu destillieren, was man bis dahin immer nur aus Wein gemacht hatte, den man sehr teuer und aufwendig nach Irland beziehungsweise Schottland importieren musste.

"Wasser des Lebens"

Main: Sie sprechen konsequent vom 'Wasser des Lebens', wenn Sie von Whisky sprechen. Was bedeutet Whisky, wie leiten Sie diesen Namen her?

Rothe: Whisky bedeutet übersetzt 'Wasser des Lebens'. Man findet diesen Zusammenhang bereits in der ältesten erhaltenen urkundlichen Erwähnung schottischen Whiskys. Die geht auf das Jahr 1494 zurück. Man findet sie in den Steuerunterlagen der schottischen Könige, und dort wird von einem Benediktiner-Mönch Namens John Cor berichtet, der eine größere Menge Gerstenmalz, nämlich um die 500 Kilogramm, versteuern musste, um daraus aqua vitae herzustellen.

Sonnenuntergang hinter Whisky-Destillerie (Bernhard Czerny)"Wasser des Lebens" - der Begriff stammt aus der Bibel (Bernhard Czerny)

Aqua vitae ist Lateinisch und heißt übersetzt 'Wasser des Lebens'. Und wenn man diesen Begriff, Wasser des Lebens oder aqua vitae, in die schottisch-gälische Sprache übersetzt, dann heißt das uisge beatha. Dieser Begriff uisge beatha, der ist offenbar so häufig und gerne verwendet worden, dass er im Laufe der Zeit zum Begriff Whisky zusammengeschrumpft wurde. Also Whisky ist eine Kurzfassung des Begriffs 'Wasser des Lebens' - und der geht ursprünglich auf die Bibel zurück.

"Whisky wurde hinter Klostermauern erfunden"

Main: Schon im Namen Whisky also erkennen Sie einen Zusammenhang von Spiritualität und Spirituose. Wie ist denn dieser Zusammenhang aus Ihrer Sicht zu kennzeichnen?

Rothe: Also zunächst einmal ist dieser historische Zusammenhang da. Whisky wurde also hinter Klostermauern erfunden und über viele Jahrhunderte hinweg auch hinter Klostermauern weiter verbessert. Denn in den Klöstern gab und gibt es in der Regel eine Krankenstation; und im frühen Mittelalter, als man den Whisky erfunden hat, gab es ja keinerlei anderweitige medizinische Infrastruktur. So hatten die Krankenstationen der Klöster eine große Bedeutung auch für die Leute, die in der Umgebung lebten.

Um medizinische Tinkturen nicht nur dauerhaft haltbar zu machen, sondern auch steril, hat man diese mit hochprozentigem Alkohol angesetzt. Diesen hochprozentigen Alkohol musste man destillieren und insofern war die Kunst der Destillation in den frühen Klöstern in jedem Fall schon ein gut geübter und gekonnter Brauch.

Erst Heil-, dann Genussmittel

Main: Die Mönche wollten also leidenden Menschen mit Whisky Leben erleichtern oder es retten. Wann genau ist denn das passiert? Lässt sich das genauer nachweisen?

Rothe: Das lässt sich leider nicht mehr nachweisen, weil in der Reformationszeit in Schottland alle Klöster aufgelöst und zerstört worden sind und mit ihnen auch die klösterlichen Archive. Man kann allerdings in so mancher Klosterruine noch die Überreste mittelalterlicher Brau- und Destillationseinrichtungen erkennen und so nachvollziehen, dass das in den Klöstern durchaus ein üblicher Brauch war, der letztlich auf die christliche Nächstenliebe zurückgeht, weil die Mönche eben kranken, leidenden Menschen durch ihre medizinischen Tinkturen helfen wollten. Dazu brauchten sie eben den hochprozentigen Alkohol, der erst deutlich später zum Genussmittel geworden ist. Irgendwann ist wahrscheinlich einmal jemand darauf gekommen, dass das, was den Menschen guttut, auch ganz gut schmeckt.

Main: Die Rolle der irischen und schottischen Mönche im Mittelalter ist ja für die Geschichte des Christentums insgesamt kaum zu unterschätzen. Was geht auf deren Kappe über den Whisky hinaus?

Rothe: Die irisch-schottische Kirche hat gerade auch für uns in Mitteleuropa eine sehr große Bedeutung, weil die Mönche in Irland und Schottland sehr häufig das Ideal der sogenannten Peregrinatio, des Wanderns, des Unterwegsseins, der Heimatlosigkeit um ihres Glaubens willen gelebt haben. Das heißt, sie sind aufgebrochen, um anderswo ihren Glauben zu leben und auf diese Weise auch von ihrem Glauben Zeugnis zu geben.

So sind viele iro-schottische Mönche von Irland oder Schottland aufgebrochen und in unseren mitteleuropäischen Raum gekommen, haben sich dort niedergelassen; und der Glaube, gerade im süddeutschen Raum, geht weithin auf iro-schottische Glaubensboten zurück.

"Whisky ist auch ein Kulturgut"

Main: Wir halten fest, Whisky hat seinen Ursprung im iro-schottischen Mönchtum. Sie sagen darüber hinaus, nur wenn das verstanden wird, kann Whisky richtig verstanden und genossen werden. Was fehlt denen, die diesen Zusammenhang nicht sehen?

Rothe: Ob denen etwas fehlt, das möchte ich gar nicht mal sagen. Man kann den Whisky auch sicherlich so genießen, aber Whisky ist ja nicht nur ein Getränk, ein Genussmittel, sondern auch ein Kulturgut.

Whisky als Kulturgut spiegelt gerade auch etwas von dieser langen Geschichte zurück, von dieser Spiritualität, von der Geisteshaltung, aus der heraus er erfunden wurde. Insofern ist es ein sehr schöner Zugang für den Whisky-Genuss, wenn man etwas auch über seine Geschichte und seine Verwurzelung im christlichen Mönchtum, im christlichen Glauben weiß.

"Das Gebot der Mäßigung"

Main: Herr Rothe, lassen Sie uns etwas grundsätzlicher werden: In allen Religionsgemeinschaften gibt es eher puritanische und eher lustbejahende Haltungen und Strömungen. Wie begründen Sie Ihre Neigung, auch potenziell Gesundheitsschädigendes wie den Whisky als irdischen Genuss quasi abzusegnen? Jetzt bitte Sie - als Theologe!?

Rothe: Also grundsätzlich ist es mir ein großes Anliegen, immer auch das Gebot der Mäßigung ins Gespräch zu bringen. Als Genussmittel tut man sich selbst keinen Gefallen, wenn man den Whisky maßlos genießt. Denn je mehr man davon genießt, desto geringer wird der Genuss. Er nimmt nicht zu, sondern er nimmt ab, weil man abstumpft und am Ende vielleicht sogar krank wird.

Was die Begründung, die Rechtfertigung aus christlicher Sicht ausmacht, da macht es mir Jesus relativ leicht, indem er sein erstes Wunder gewirkt hat, indem er rund 600 Liter Wasser in Wein verwandelt hat, bei der Hochzeit zu Kana. Und selbst wenn man davon ausgeht, dass bei der Hochzeit zu Kana mehrere hundert Leute anwesend waren, sind 600 Liter doch eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass zum Zeitpunkt des Wunders ja die ursprünglich vorgesehenen Weinvorräte für diese Hochzeit bereits aufgebraucht waren.

Main: Ein weiterer wichtiger Punkt, was die Spiritualität dieser Spirituose betrifft, der Faktor Zeit ist zentral, also bei der Entstehung des Whiskys.

Rothe: Genau.

Main: Wie wirkt sich die Zeit aus?

Rothe: Whisky wird grundsätzlich einmal aus drei Zutaten hergestellt, nämlich aus Gerstenmalz, Wasser und Hefe und ich lege Wert darauf, immer darauf hinzuweisen, dass noch eine vierte Zutat mit dazu kommt, nämlich die Zeit. Erst die Zeit macht aus einem relativ wenig geschmackvollen Brand eben einen kostbaren, köstlichen Whisky.

Kupferkessel im Inneren einer Whisky-Distillerie (Bernhard Czerny)Glaube und Genuss: Whisky-Vikar Wolfgang Rothe ist sicher, dass die Herstellung des Whiskys viel erzählt über das Leben (Bernhard Czerny)

Von Gesetzes wegen muss auch ein Whisky mindestens drei Jahre reifen, bevor er überhaupt Whisky heißen darf und als Whisky verkauft werden darf. Also die Zeit ist ein ganz wichtiger Faktor für die Herstellung von Whisky und sehr häufig reift ja auch Whisky deutlich länger als nur die gesetzlich vorgeschriebenen drei Jahre, nämlich zehn Jahre, zwölf Jahre oder sogar 20, 25 oder noch länger. Also die Zeit ist ein wichtiger Faktor, um den Whisky zu dem zu machen, was er eigentlich sein soll.

"Whiskys-Verkostung ist fast eine Meditationsübung"

Main: Und somit ist die Verkostung von Whisky eine Meditation über Zeit, Vergänglichkeit, Reifung.

Rothe: Genau, man kann sich also beim Whisky-Genuss durchaus bewusst machen, was in der Zeit, in der der Whisky entstanden ist, auch mit einem selbst passiert ist. Also ich lade die Leute sehr gerne ein, sich mal bei der Verkostung, sagen wir, eines zwölfjährigen Whiskys vorzustellen, wer war ich selbst vor zwölf Jahren, wo war ich, was habe ich gemacht, wie habe ich gelebt, wie habe ich mich seitdem weiterentwickelt, was habe ich hinzugelernt, wie hat sich mein Leben verändert, und auf diese Weise, Sie haben es richtig gesagt, wird die Verkostung eines Whiskys beinahe so etwas wie eine Meditationsübung.

"Eine Art Liturgie"

Main: Was ist denn vergleichbar, wenn wir uns Meditation und Verkostung anschauen, wo sehen Sie da Parallelen?

Rothe: Die Verkostung folgt im Grunde einem regelrechten Ritus. Es gibt bestimmte Abläufe, die sich an den menschlichen Sinnesorganen orientieren, um den Whisky eben mit allen fünf Sinnen der Reihe nach sozusagen wahrzunehmen. Durch diesen geregelten Ablauf, diesen rituellen Ablauf, gleicht der Whisky auch in diesem Punkt schon einer Art Meditationsübung oder, man könnte auch fast sagen, einer Art Liturgie.

"Vertiefter Zugang zur eigenen Existenz"

Main: Sie haben die Sinnesorgane schon angesprochen mit Auge, Nase, Hand, Mund und Herz und sagen letztlich, der Whisky sei so etwas wie ein Mittel, mit dem wir zur Tiefe unserer Existenz vorstoßen können, weil ein guter Whisky Tiefe hat.

Rothe: Ja, die menschlichen Sinnesorgane sind ja die Möglichkeiten, die wir Menschen haben, um mit unserer Umwelt in Kontakt zu treten, einerseits um Impulse aus unserer Umwelt aufzunehmen, und andererseits auch Impulse auszusenden, um mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Aus christlicher Sicht betrachtet sind also die Sinnesorgane die Wege, die Gott uns geschenkt hat, um mit der Welt, in die er uns hineingestellt hat, in Kontakt zu treten, und bei der Whisky-Verkostung kann man den Einsatz der Sinnesorgane sehr schön trainieren und kennenlernen und damit auch einen vertieften Zugang finden zu seiner eigenen Existenz und zur Welt, die einen umgibt.

Main: Wolfgang Rothe, Whisky-Vikar in München, ich habe schon zu Beginn vor den Gefahren von Alkohol gewarnt. Nun ist es ja schon merkwürdig und fragwürdig, am frühen Vormittag über Alkohol in Form von Whisky zu reden, zumal es Religionsgemeinschaften gibt, in denen Alkohol ausgesprochen kritisch gesehen wird. Wie schauen Sie als Theologe auf die Gefahren und Nebenwirkungen dieses Heilmittels Whisky?

Rothe: Es ist mir sehr wichtig, auf diese Gefahren ganz deutlich und immer wieder hinzuweisen. Der Whisky ist ein Getränk, ein Genussmittel, was einen sehr hohen Prozentsatz Alkohol enthält. Alkohol in großen Mengen ist in erheblichem Maße gesundheitsschädlich. Das muss man immer wieder sehr deutlich betonen.

Auf der anderen Seite ist der menschliche Organismus auch recht gut darauf vorbereitet, mit kleinen Mengen Alkohol gut umzugehen. Die kann also der menschliche Körper sehr gut verkraften und auch umwandeln. Insofern ist es wichtig, dass man das rechte Maß wahrt und die Mäßigung gehört ja auch zu den vier sogenannten Kardinaltugenden, und insofern kann man vom Whisky durchaus lernen, wie man diese Tugend im eigenen Leben verwirklicht.

Whisky und Witz

Main: In Ihrem jüngsten Buch bieten Sie Whisky-Witze an. Welche spirituelle Wirkung hat der Witz?

Rothe: Der Witz ist wahrscheinlich die beste Medizin, die es überhaupt gibt, weil sie vollkommen nebenwirkungsfrei ist. Insofern hat eine humorvolle Lebensauffassung durchaus eine gesundheitsfördernde Wirkung und damit geht sie eben mit der Geschichte des Whiskys einher, der ja ursprünglich eben auch erfunden wurde, um als Heilmittel zu dienen.

Main: Wo haben Sie diese Witze gefunden?

Rothe: Die habe ich über viele Jahre hinweg gesammelt, zum Teil in Schottland, zum Teil in Irland, zum Teil in ganz anderen Zusammenhängen. Das, was bei mir mit dem Wort Whisky in den einzelnen Witzen versehen ist, das hat im Ursprung nicht unbedingt den Whisky gehabt, sondern allgemein Schnaps oder ein Getränk. Also da habe ich auch manches ein bisschen adaptiert sozusagen.

Main: Da haben Sie nachgeholfen?

Rothe: Ja, adaptiert sozusagen.

Main: Manchmal entsteht ja der Eindruck, dass Kirchen humorfreie Zonen sind.

Rothe: Allerdings, ja.

"Moralismus - der größte Feind des Christentums"

Main: Dass zumindest ein bestimmter Teil der Vertreter von Religionsgemeinschaften zum Lachen in den Keller geht. Sie sagen "allerdings", also der Eindruck ist berechtigt?

Rothe: Der ist auf jeden Fall berechtigt. Die Kirche oder überhaupt Religion, die präsentiert sich heutzutage sehr oft in einer Art Verteidigungshaltung. Die fühlt sich von wem auch immer angegriffen, in Frage gestellt, und das finde ich einen ganz und gar unangemessenen Ansatz.

Ich erlebe es selbst immer wieder, wenn ich auf Whisky-Messen oder auf Treffen mit Whisky-Freunden bin, dass die Menschen mir als Geistlichem sehr offen und unvoreingenommen begegnen, wenn ich nicht gleich mit der moralischen Keule und den Dogmen daherkomme, was ich auch nicht tue. Dann ist man sehr schnell im Gespräch und kommt auch auf Themen, die die Menschen wirklich beschäftigen und die sind oft sehr religionsnah.

Main: Es ist also vor allem der Moralist, der selten lacht?

Rothe: Genau, also der Moralismus ist für mich der größte Feind des Christentums und auch das Gegenteil von Moral.

Main: Humor hat ja auch etwas mit Selbstironie zu tun. Sie lassen sich für Ihr Whisky-Witzebuch im Schottenrock und mit Priesterkragen fotografieren. Ist das Ausdruck von Selbstironie - oder verstehen Sie das Foto programmatisch?

Rothe: Es hat durchaus einen selbstironischen Aspekt. Aber für mich ist es auch ein wenig programmatisch, weil Whisky eben etwas ist, was sehr in der iro-schottischen Kultur verwurzelt ist.

Pfarrvikar Wolfgang Rothe posiert im Schottenrock vor barockem Altar (Bernhard Czerny)Vikar Rothe zeigt seine Liebe zur schottischen Kultur auch damit, dass er Kilt trägt (Bernhard Czerny)

Indem ich den Kilt, den sogenannten Schottenrock, trage, bringe ich eben zum Ausdruck, dass Whisky mehr ist als nur ein Genussmittel, ein Getränk, sondern eben ein kultureller Aspekt. Bei vielen Menschen geht das auch Hand in Hand. Das heißt, Menschen, die den Whisky lieben, die lieben auch Schottland, die lieben Irland, die lieben die Geschichte und die Kultur dieser Länder.

Mehr Jüngere und mehr Frauen

Main: Wolfgang Rothe, ich möchte ein paar Bedenken äußern. Es ist ja so, dass ein bestimmtes Milieu in unserem Land gerne denunzierend von 'alten weißen Männern' spricht, zu denen wir beide auch bald gehören. Sie sind Jahrgang 1967. Eines muss man einmal sagen, also wenn es ein Alte-weiße-Männergetränk gibt, dann ist es Whisky, oder?

Rothe: Das war, glaube ich, einmal so. Inzwischen hat sich das deutlich geändert. Ich erlebe das zum Beispiel in meinem Whisky-Club hier in München, der vor gut zehn Jahren tatsächlich aus alten weißen Männern bestand und in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs an jüngeren Leuten und auch einen deutlichen Zuwachs an Frauen gewonnen hat.

Main: Eine gute Flasche Whisky kostet aber dennoch mindestens 30 Euro, sage ich einmal, und einige werden da widersprechen und eher bei 50 einsteigen. Mit Ihren Angeboten, sage ich einmal, richten Sie sich definitiv an die obere Mittelschicht und grenzen so die sogenannten kleinen Leute aus. Ist das noch katholische Kirche?

Rothe: Das tue ich ganz bewusst nicht, indem ich zum Beispiel bei den Veranstaltungen, die ich selbst durchführe, keinen Eintrittspreis verlange, sondern es immer auf der Basis freiwilliger Spenden mache. Das pendelt sich in aller Regel sehr gut ein, dass diejenigen, die etwas besser betucht sind, auch etwas mehr ins Körbchen tun, damit diejenigen, denen das schwer fällt, trotzdem zu ihrem Genuss kommen.

"Was das Leben bereichert"

Main: Aber Sie würden schon sagen, dass Whisky so etwas ist wie das Fahren von Autos bestimmter Automarken aus Skandinavien oder der Einkauf von Dingen in Läden, 'wo es sie noch gibt, die guten Dinge', dass Whisky also ein Distinktionsmerkmal ist?

Rothe: Schon, Whisky ist etwas Besonderes, ist etwas, was man nicht in jedem Supermarkt findet, zumindest den Whisky, den es sich lohnt zu verkosten, aber das ist ja auch das, was das Leben bereichert, dass es etwas Besonderes, Ausgesuchtes, Edles ist und nichts Alltägliches, was man überall und jederzeit haben kann.

"Hemmschwellen der Kirche sind zu hoch"

Main: Also dass es so ein bisschen elitär ist, damit kommen Sie klar, gerade auch weil Priester anderen Zuschnitts ja eher einladend sein wollen in die Breite?

Rothe: Das möchte ich durchaus auch. Das war eigentlich sogar der Anfang meines Engagements in Sachen Whisky, weil es mir wichtig war, mal mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die jetzt nicht so zum kirchlichen Stammpublikum gehören, und zwar ganz unabhängig von der Gesellschaftsschicht oder vom Einkommen, sondern Menschen, die jetzt einfach mit Glaube, Kirche, Religion nichts oder nichts mehr anfangen können. Wie finde ich einen Weg, um diesen Menschen zu begegnen?

Denn die Hemmschwellen der Kirche sind mittlerweile so hoch, dass ein nicht geringer Prozentsatz an Menschen sie auf gar keinen Fall überschreiten wird, also muss ich einen Weg bahnen, wie ich mit diesen Menschen in Verbindung komme, und mit dem Whisky hat das recht gut funktioniert.

Main: Also Sie wollen quasi eine Entfremdung von Kirche und Lebensalltag, die Sie beobachten, mit Whisky aufheben und so diese Kluft verringern, verstehe ich Sie richtig?

Rothe: Sie verstehen mich absolut richtig, genau das ist mein Anliegen, wobei ich immer sehr deutlich sage, dass die Methode, die ich jetzt anwende, also über den Whisky, gewiss nicht die einzige und beste ist. Das ist jetzt meine Methode.

Main: Sie feiern auch regelmäßig Whisky-Gottesdienste und Sie schreiben, die seien immer völlig überfüllt. Ich kann mir das nicht genau vorstellen. Sie verkosten doch wohl hoffentlich nicht in der Kirche hochprozentige Getränke?

Rothe: Nein, das tue ich nicht. Der sogenannte Whisky-Gottesdienst ist ein ökumenischer Gottesdienst, den ich einmal jährlich in München organisiere, der musikalisch mit Dudelsack und Volksmusik aus Irland oder Schottland gestaltet wird und der immer bestimmte Aspekte der Whisky-Kultur thematisiert, zum Beispiel die Gerste, das Korn, das Brot: Was kann daraus werden!? Das ist ja ein Bild, was in der Bibel auch sehr häufig aufgegriffen wird. Im Anschluss an den Gottesdienst gibt es dann immer ein Whisky-Fest im benachbarten Pfarrsaal, und da wird dann auch Whisky verkostet.

Main: Sie sind also eindeutig in unorthodoxem Fahrwasser unterwegs, was mich erstaunt, weil Sie, und das ist überhaupt nicht wertend gemeint, im Übrigen ja wohl eher dem konservativen Lager Ihrer Kirche sich zugehörig fühlen. Ist das für Sie ein Widerspruch?

Rothe: Ich würde mich selbst dem konservativen Lager keineswegs zuordnen, sondern ich mag es eigentlich gar nicht, Menschen in solche Schubladen einzuordnen. Für die einen bin ich konservativ, für die anderen bin ich vielleicht progressiv. Das kommt immer sehr auf den Blickwinkel darauf an und ich denke einmal, dass viele Menschen heutzutage das Gefühl haben, von der Kirche von vornherein in solche Schubladen eingeordnet zu werden, je nachdem, wie sie leben. Dieses Schubladen-Denken zu überwinden, ist mir ein ganz großes Anliegen.

Main: Kriegen Sie angesichts Ihrer unorthodoxen Projekte Ärger mit Vorgesetzten?

Rothe: Es gab durchaus schon mal kritische Anfragen, allerdings habe ich auch schon sehr viel Zuspruch erfahren, weil meinen Vorgesetzten durchaus bewusst ist, dass ich auf diese Weise Menschen erreiche, die kirchlicherseits sonst nicht erreicht werden und auch nicht erreicht werden können.

Main: Der Theologe und Pfarrvikar Wolfgang Rothe. Seine Bücher "Wasser des Lebens", "Whisky-Wallfahrten" und "Whisky-Witze" sind erschienen im Verlag EOS, Editions Sankt Ottilien. Je 160 bis 180 Seiten mit vielen Fotos kosten jeweils knapp 20 Euro. Ich danke Ihnen, Herr Rothe, für Ihre Eindrücke über Glaube und Genuss, danke für den Besuch im Studio des Bayrischen Rundfunks.

Rothe: Ich danke Ihnen Herr Main, ich habe mich gefreut, hier sein zu dürfen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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