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StartseiteSportgespräch"Der Medaillenspiegel kann gerne weg"29.08.2021

Spitzensport in Deutschland"Der Medaillenspiegel kann gerne weg"

37 Medaillen hat die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Tokio gewonnen - so wenige wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Was bedeutet das für den deutschen Spitzensport? Sportwissenschaftler, Politikerinnen und Sportlerinnen finden: Medaillen haben wenig Aussagekraft.

Karla Borger, Andrea Milz und Lutz Thieme im Gespräch mit Matthias Friebe

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Das Team aus Deutschland, GER, marschiert ein, die Beachvolleyballerin Laura Ludwig und der Turmspringer Patrick Hausding tragen die deutsche Flagge (picture alliance / SVEN SIMON | Anke Waelischmiller/Sven Simon)
Eine neue Werteorientierung fordern Sportwissenschaftler Thieme, Beachvolleyballerin Borger und Politikerin Milz im deutschen Leistungssport (picture alliance / SVEN SIMON | Anke Waelischmiller/Sven Simon)
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Welchen Spitzensport wollen wir in Deutschland, welche Bedeutung hat er in der Gesellschaft? Geht es um die Freude am Sport? Die Anerkennung der Leistung? Oder doch einfach nur um das Medaillenzählen? Eigentlich sei Letzteres nämlich ein Relikt des Kalten Krieges, erklärt Sportwissenschaftler Lutz Thieme von der Hochschule Koblenz: 

"Es ist auch völlig klar, wenn man zurückschaut, zum Beispiel bis zu den Olympischen Spielen 1972. Dass es beim Leistungssport immer um die Auseinandersetzung von Gesellschaftssystemen ging, also vor dem Hintergrund auch des Kalten Krieges. Welches Gesellschaftssystem ist leistungsfähiger? Und mit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist diese Legitimation ja weggefallen."

Und damit auch die Legitimation für das Medaillenzählen. Denn wenn man Medaillen wolle, dann müsse man auch über das Wertesystem nachdenken und darüber, wie weit man gehen will, um die Medaillen zu erreichen. Der finanzielle Aspekt ist dabei nur ein Punkt - auch der Einsatz von Sportmedizin und die Art der Trainingsmethoden spielen dann eine Rolle.

"Medaillenspiegel hat auf Gesellschaft kaum Auswirkungen"

Thieme, der bis 2019 Präsident des Landessportbunds Rheinland-Pfalz war, vermutet, dass das Interesse der deutschen Öffentlichkeit am Medaillenspiegel sowieso überschätzt wird. Der Medaillenspiegel könne gerne weg, sagt auch Beachvolleyballerin Karla Borger, die in Tokio mit dabei war.

"In Tokio müsste man theoretisch auch an den Medaillenspiegel an allen Medaillen ein kleines Sternchen versehen, wo eben Athletinnen kontrolliert worden sind von der WADA oder nicht. Wie kann man diese Medaillen denn mit anderen Ländern gerade vergleichen, wenn alle Länder unterschiedlich in den letzten Jahren, besonders im Corona-Jahr getestet worden sind? Das ergibt sich mir nicht, warum man dann diesen Medaillenspiegel braucht."

Ob man nun Erster, Fünfter oder 25. wird - auf das gesellschaftliche Zusammenleben habe das kaum Auswirkungen, erklärt Andrea Milz, Staatssekretärin des Landes Nordrhein-Westfalen für Sport und Ehrenamt.

"Auf viele unserer gesellschaftlichen Themen auf Inklusion, auf Integration, auf Gesunderhaltung der Bevölkerung, da hat der Medaillenspiegel tatsächlich überhaupt keine Aussage."

Nationaler Dialog vonnöten

Welche Zielsetzung gibt es also für die Zukunft? Was dafür nötig ist, findet Milz, ist vor allem mehr Kommunikation, ein nationaler Dialog zwischen verschiedenen Stakeholdern wie dem Deutschen Olympischen Sportbund, Sportwissenschaftlern oder auch kleineren Vereinen. Sie sieht den Sport als "Lehrschule des Lebens".

Für Beachvolleyballerin Karla Borger stehen statt Medaillen die integrative Kraft und die Freude am Sport im Mittelpunkt: "Ich wünsche mir einen ehrlichen, einen sozialen Sport und dass dieser Fokus eben auf der Freude am Sport treiebn liegt am Sport. Und dass wir uns auf den Weg konzentrieren und nicht, ob dann am Ende eine Medaille rauskommt oder nicht."

Wissenschaftler Thieme weist auf die Differenzierung zwischen Leistung und Erfolg hin und plädiert für einen humanen Sport, der den Menschen mit seinen Möglichkeiten in den Mittelpunkt stellt. 

"Und wenn das der Fokus ist, dann werden Menschen sich auf den Weg machen, um ihre Leistung immer weiter zu steigern. Und die müssen wir auf dem Weg über die Kaderstrukturen bis hin zu dann auch Weltspitzenleistungen unterstützen. Aber der Fokus liegt tatsächlich auf dem Menschen und nicht auf den begleitenden Strukturen und der Durchsetzung von Strukturen." 

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