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StartseiteSport am WochenendeWie Gazprom den Fußball als Plattform benutzt08.05.2021

Sponsor von Schalke und Champions LeagueWie Gazprom den Fußball als Plattform benutzt

Ob als Hauptsponsor von Schalke 04 oder als Premiumpartner der Champions League: Der russische Erdgasgigant Gazprom ist präsent im europäischen Spitzenfußball. Dabei mag es um positive PR für das Unternehmen gehen, aber mit dem Engagement im Fußball erkauft sich Gazprom auch den Zugang zu wertvollen Netzwerken.

Von Constantin Eckner

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U19 FC Schalke 04 - ein weiblicher Schalke-Fan mit einer Trommel von Sonor, mit Werbung für Gazprom und die RAG, Frauen, Fans, Anhänger, Zuschauer, U19 FC Schalke 04 a female Schalke supporter with a Drum from Sonor with Advertising for Gazprom and The Rag Women supporters Trailers Spectators (IMAGO / Schwörer Pressefoto)
Gazprom ist seit 2007 Hauptsponsor von Schalke 04. (IMAGO / Schwörer Pressefoto)
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März 2019, Schalke 04 trifft im Rückspiel des Champions-League-Achtelfinals auf Manchester City. Die hoffnungslos überforderten Schalker erleiden eine sportliche Bruchlandung. 0:7 lautet das Endergebnis. Das Treiben auf dem Rasen des Etihad Stadiums wird von einigen hochkarätigen Persönlichkeiten verfolgt. Auf der VIP-Tribüne sitzt unter anderem eine mehrköpfige Delegation aus Russland. Ein Jahr später wird bekannt, dass der russische Staatskonzern Gazprom öffentliche Gebäude von Salford, einem Vorort von Manchester, mit Gas beliefern wird. Kein Zufall, wie Quellen berichten.

Gazprom ist mittlerweile fester Bestandteil des europäischen Spitzenfußballs. An die kurzen Werbespots vor jedem Champions-League-Spiel haben sich die Fans bereits gewöhnt. Gazprom gehöre eben dazu. Auf den ersten Blick betreibt das Unternehmen natürlich Werbung in eigener Sache, was in Zeiten kontroverser Debatten rund um Nord Stream 2, Gazproms Pipeline-Projekt in der Ostsee, nur allzu verständlich erscheint. Aber das Engagement bringt noch andere Vorzüge mit sich.

"Das Sponsoring ist eine Art Hülle"

"Das Sponsoring selbst ist eine Art Hülle. Was sich in der Hülle befindet, ist ein komplexes Netzwerk an Kontakten. Es ist quasi Diplomatie im Schnellverfahren. Denn wenn Gazprom mit dem britischen Energieminister sprechen möchte, dann müsste es normalerweise die diplomatischen Protokolle befolgen und Wochen, Monate oder sogar Jahre warten, bis es zum Gespräch käme. Aber wenn man die Champions League sponsert, schickt man ihm einfach ein paar Eintrittskarten für eine Partie und sagt: ‚Hey, komm doch zum Spiel.‘ Und natürlich wird er Ja sagen", erklärt der Sportökonom Simon Chadwick. Sponsorendeals dienen im Fußball eben auch dazu, neue Netzwerke zu erschließen. Von den Stadion-Logen aus werden die Fühler ausgefahren.

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Die Schalker befanden sich an jenem Abend im März 2019 sportlich nur in der Rolle der Statisten. Im sportpolitischen Konzept Gazproms sind die Königsblauen allerdings ein wichtiger Eckpfeiler. Seit 2007 ist das russische Unternehmen der Hauptsponsor. Erst kürzlich wurde der Vertrag trotz des feststehenden Abstiegs in die 2. Bundesliga verlängert. Nicht wenige Schalker haben Bauchschmerzen beim Gedanken an die Partnerschaft. Aber der hochverschuldete Verein benötigt das Geld. Kornelia Toporzysek, Richterin und ehemaliges Mitglied des Schalker Ehrenrats, fasst die Gefühlswelt vieler Königsblauer so zusammen:

"Dann ist zur Kenntnis zu nehmen, dass die eben sagen: ‚Wir kommen mit euch in die 2. Liga.‘ Klar, sie wollen dann vielleicht vermitteln, wie verlässlich und zuverlässig sie sind. Und dann ist es natürlich so, dass man als Schalke-Fan sagt: Auch wenn ich mir es anders gewünscht hätte, hat man auch eine Stimme der wirtschaftlichen Vernunft in sich, die auch die finanziellen Möglichkeiten von Schalke in der nächsten Saison im Auge hat und sagt, dass wir das Geld schon mal haben. Es geht ja auch nicht nur bei Schalke, sondern auch bei anderen Clubs wegen Corona langsam ans Eingemachte in finanzieller Hinsicht. Dann kommt wieder dieser Spagat, dass man sagt, vom Herzen her wäre ich sie gerne los, aber mein Kopf sagt, dass es wahrscheinlich ohne sie die nächsten ein, zwei Jahre nicht geht."

Ex-Stasi-Mann im Schalker Aufsichtsrat

Diese gespaltene Haltung wurde zuletzt sogar noch verstärkt. Denn 2019 ersetzte Matthias Warnig Sergey Kupriyanov als Gazprom-Vertreter im Aufsichtsrat von Schalke. Warnig war zu DDR-Zeiten Hauptmann im Ministerium für Staatssicherheit, baute nach der Wiedervereinigung das Russland-Geschäft der Dresdner Bank auf und gilt als sehr guter Freund von Wladimir Putin. Der einstige Stasi-Mann ist aktuell Geschäftsführer von Nord Stream 2. Es ist kein Zufall, dass er vor zwei Jahren in den Aufsichtsrat von Schalke kooptiert wurde.

Denn Gazprom verbindet das Engagement bei Fußballclubs mit Gasprojekten, die in der Regel für geopolitischen Zündstoff sorgen. Nord Stream 2 ist in Zentraleuropa umstritten. Also muss Schalke als Plattform herhalten. Auch das Pipeline-Projekt South Stream, das unter anderem durch Serbien und Bulgarien führen sollte, stieß auf heftigen politischen Widerstand vor allem durch die Vereinigten Staaten. 2010 stieg Gazprom als Hauptsponsor bei Roter Stern Belgrad ein, drei Jahre später begann der Pipeline-Bau in Serbien, ein Jahr danach musste Putin das Projekt jedoch aufgeben, weil die EU im Zuge der Krimkrise den weiteren Bau untersagte.

Champions League als Vehikel

Von solchen Rückschlägen lässt sich Moskau aber nicht ausbremsen. Noch mehr als Schalke und Roter Stern dient gerade die Champions League als praktisches Vehikel, um überall einen Fuß in die Tür zu bekommen. Seit kurzem sitzt etwa Alexander Dyukov, der Vorstandsvorsitzende der Mineralölfirma Gazprom Neft, im UEFA-Exekutivkomitee und kann dort auch mal recht intim mit vielen einflussreichen Funktionären ins Gespräch kommen.

"Im Grunde genommen ist Dyukov ein Vertreter der russischen Regierung. Er mag wie ein Unternehmensmanager auftreten, aber er ist eigentlich ein Diplomat und Politiker. Er ist dort, um sicherzustellen, dass Gazprom und Russland innerhalb der UEFA vertreten sind. Damit hängen wirtschaftliche und politische Vorteile zusammen. Aber es gibt auch einen strategischen Grund, denn sie können besser verstehen, welche Rolle der Fußball in Europa spielt. Das sind Informationen. Er ist ein Informationsbeschaffer. Das klingt vielleicht wie in einem alten Spionagefilm aus dem Kalten Krieg. Aber so ist es. Es geht darum, hinter den Linien zu arbeiten, Informationen zu sammeln und Bericht nach Moskau zu erstatten. Genau darum geht es."

Sagt Chadwick. Der Sponsoring-Vertrag zwischen Gazprom und der UEFA muss in diesem Jahr erneuert werden.  Angesichts des immer größeren Netzwerks, das der russische Erdgas-Gigant in Europa aufbaut, und angesichts der Präsenz auf Trikots und Werbebanden dürfte der Unterzeichnung wenig entgegenstehen.

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