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StartseiteSport am WochenendeMedienerziehung durch TV-Fußball04.11.2018

Sport-ÜbertragungenMedienerziehung durch TV-Fußball

Die Verwirrung ist aktuell groß, wenn in der Champions League gespielt wird. Auf welchem Sender über welchen Datenkanal ist welches Spiel zu sehen? Fußballübertragungen verändern nicht zum ersten mal den Umgang vieler Menschen mit neuen Technologien. Das bietet Chancen, birgt aber auch Risiken.

Von Daniel Theweleit

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Die Apps von DAZN, Sky und dem Eurosport-Player (Rolf Vennenbernd/dpa/picture-alliance)
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Die Übertragungen der Fußball-Champions League haben sich verändert. Das ZDF hat seine Rechte verloren. Sky zeigt nur noch einzelne Spiele. Die meisten Duelle werden nur noch über eine schnelle Internetverbindung übertragen. Aber hat die Kneipe nebenan ein entsprechendes Abo? Welche technischen Voraussetzungen brauchen Abonnenten, um den neuen Anbieter DAZN zu empfangen? Es wird mit Fachbegriffen jongliert, Apple-TV, WLAN-Bridge, App-Store, Smart-TV, X-Box, Fire-TV-Stick. Zuschauer müssen sich tief hineindenken in die Welt der digitalen Technik, wenn sie in Zukunft Fußballspiele sehen wollen.

Dietrich Leder ist aus verschiedenen Gründen an den vielen Zugängen interessiert, die es mittlerweile zur Fußballberichterstattung gibt. Als glühender Anhänger von Borussia Dortmund gehört er seit den frühesten Tagen zu den Abonnenten des Pay-TV-Kanals Premiere, der irgendwann in Sky umbenannt wurde. Außerdem arbeitet er als Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Der Experte für Unterhaltungsformate im Fernsehen hat festgestellt:

"Man wird auf eine Art gleichsam erzogen von diesen Apparaten. Und von diesen Firmen und von dieser Angebotsstruktur, wo man Dinge lernt, die man eigentlich nie lernen wollte."

Kein Aufschrei unter den Fans

Statt allen 92 Partien zeigt der klassische Bezahlsender Sky nur noch zwölf Spiele der Champions League-Gruppenphase live. Den Rest streamt der Anbieter DAZN. Die Freitagspartien der Bundesliga sind über den Eurosport Player empfangbar und damit ebenfalls weitgehend ins Internet abgewandert. Wer keine schnelle Verbindung hat oder kein Endgerät, auf dem sich entsprechende Apps installieren lassen, bleibt ausgeschlossen.

Ein Aufschrei unter den Fans ist bisher aber nicht zu vernehmen. Auch Sky gibt an, trotz des Verlustes wichtiger Übertragungsrechte zufrieden zu sein mit der Entwicklung der Abo-Zahlen. Holger Blask, der bei der Deutschen Fußball-Liga die audio-visuellen Rechte vermarktet und so mitentscheidet, wo die Bundesligaübertragungen laufen, hält den Verlust an Übersichtlichkeit, Komfort und Zugänglichkeit für ein Übergangsphänomen. Er sagt:

"Schon heute besteht eine technische Reichweite von knapp 90 Prozent entsprechender Internetanschlüsse. Zudem werden die Bundesligarechte erst ab der Spielzeit 21/22 neu vergeben, und bis dahin werden sowohl die Internetbreitbandanschlüsse als auch der Mobilfunk weiter ausgebaut sein und das Nutzungsverhalten auf entsprechende Angebote weiter ausgerichtet sein."

Emotionale Entscheidungen lassen das Geld sprudeln

Noch gibt es allerdings jede Menge technische Schwierigkeiten. Netzausfälle, App-Abstürze, Kompatibilitätsprobleme, undurchsichtige Navigationsstrukturen innerhalb der Apps. Aufnahmen sind nicht mehr möglich, die Bildqualität kann schwanken. Für Kunden fühlt sich der Abschied von der gewohnten Situation, alles über einen Anbieter wie Sky empfangen zu können, wie ein Rückschritt an. Obwohl sie insgesamt mehr bezahlen müssen.

"Das verlangt eine neue Koordinationsleistung auch auf dem technischen Gebiet. Jeder, der in seinem Haushalt nicht den neuesten Fernseher hat, der internettauglich ist, muss sich immer die Frage stellen: Wie sehe ich das Ganze?", sagt der Wissenschaftler Leder, der sich wundert, dass so viele Menschen bereit sind, für dieses Chaos über 500 Euro im Jahr auszugeben.

So teuer sind die Abos nämlich für Anhänger von Schalke 04 oder Bayern München, die alle Partien ihrer Klubs in Champions League, Bundesliga und DFB-Pokal in HD-Qualität sehen möchten. Es ist die alte Geschichte: Wenn es um Fußball geht, wird oftmals emotional entschieden, und dieser Mechanismus lässt das Geld sprudeln.

"Jeder technologische Schritt ist mit Fußball und mit Spitzensport verkoppelt gewesen."

Die Deutsche Fußball-Liga erfüllt ihre Hauptaufgabe, erlöst immer mehr Geld für ihre Rechte, und die großen global agierenden Medienkonzerne brauchen das Spiel mit dem Ball, um Technologien der Zukunft zu etablieren, um andere Inhalte mitzuverkaufen. Längst sind über Beteiligungen oder Audio- oder Zusammenfassungssrechte Weltkonzerne wie Facebook, Amazon oder Disney mit im Geschäft.

"Der Fußball war immer der Hauptattraktor, mit dem man Fernsehen und neue Techniken, neue Apparate neue Empfangsmöglichkeiten, neue Distributionswege gleichsam etabliert hat. Das kann man durchkonjugieren, jeder technologische Schritt ist mit Fußball und mit Spitzensport verkoppelt gewesen", sagt Dietrich Leder.

Nun versucht DAZN den Erfolg des Film- und Serienanbieters Netflix mit Sportinhalten zu kopieren. Hinter dieser Plattform, die auch die englische Premier League, jede Menge andere Sportarten und Bundesligazusammenfassungen zeigt, steckt ein Exilrusse namens Leonard Blavatnik. Es ist das Risikokapital globaler Investoren, das hier in den Fußball fließt. Unmittelbar refinanziert werden die Fußballrechte nämlich nur selten, es geht oft auch um Kundenzugänge, über die sich alles Mögliche verkaufen lässt.

Mehr Konkurrenz und neue Chancen

Für Rechteinhaber wie die DFL ergeben sich daraus großartige Chancen und schwer kalkulierbare Risiken: Jeder DAZN-Kunde in Deutschland steht schon jetzt vor der Frage, ob er nicht lieber Real Madrid oder den FC Liverpool in einem Ligaspiel sehen möchte, statt den oftmals grauen Bundesligaalltag. Für zehn Euro im Monat. Für Holger Blask aus der Geschäftsleitung der DFL ist die zunehmende Präsenz anderer Ligen auf dem heimischen TV-Markt aber kein Grund zur Sorge.

"Selbstverständlich befindet sich die Bundesliga mit anderen Sportligen und Fußballligen im Wettbewerb. Im Rahmen der Angebote der neuen Streamingdienste zeigt sich aber deutlich, dass zunehmend Menschen bereit sind, für Premium-Livesport Abonnements abzuschließen und Geld zu bezahlen. Hieraus resultieren dann in Zukunft mit den neuen Anbietern auch wieder neue Chancen für die Bundesliga, so dass wir hier eher eine Belebung des Marktes feststellen."

Wohin das führt ist vollkommen ungewiss. Bewegt die Aufsplittung der Rechte die Zuschauer irgendwann zu einer Abkehr vom Bildschirmfußball? Wird die Bundesliga angesichts der zunehmenden Alternativangebote aus anderen Nationen und Sportarten an Publikum verlieren? Oder wird sie eher wachsen, weil neue Märkte erschlossen werden? Klar ist nur: Einfacher wird der Alltag mit dem Fernsehfußball nicht mehr werden. Und günstiger auch nicht.

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