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StartseiteSport am WochenendeAbkehr von der reinen Erfolgsorientierung24.11.2019

SportförderungAbkehr von der reinen Erfolgsorientierung

Die Sportförderung der Sporthilfe war bislang stark auf Medaillen fixiert. Doch seit August gibt es "OurHouse": Das Programm unterstützt Athletinnen und Athleten in nicht olympischen und nicht organisierten Sportarten. Derzeit profitieren davon unter anderem Wakeboard- oder BMX-Profis.

Von Matthis Jungblut

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Wakeboard-Profi Nico von Lerchenfeld zeigt am 12.09.2014 auf dem Bodensee eine Woche vor Beginn der Messe "Interboot" ein paar Tricks auf dem Wakeboard.  (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
Wakeboard-Profi Nico von Lerchenfeld wird vom neuen Sportförderprogramm "OurHouse" unterstützt. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)
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Leistung, Fairplay und Miteinander - das ist der Slogan der Deutschen Sporthilfe. Die Betonung liegt dabei klar auf Leistung, denn die Kriterien nach denen die Sporthilfe ihre Förderung vergibt, sind stark erfolgsorientiert. Zum Beispiel nach Medaillen, Leistungspotential oder Kaderzugehörigkeit der Athleten.

Die Sporthilfe fördert seit Jahren Spitzensportler, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, damit sie ihren Sport betreiben können. Finanziert wird sie zum Beispiel von Groß-Sponsoren wie der Deutschen Bank, der Telekom oder der Allianz, sie wird aber auch an den Erlösen der Olympia-Vermarktung beteiligt. Es liegt also im Interesse der Sporthilfe, dass die von ihr geförderten Athleten bei Olympia gut abschneiden.

Lucas Flümann von der Deutschen Sporthilfe deutet an, dass es künftig ein Umdenken bei der reinen Leistungsorientierung der Förderung gibt: "Wir sind darauf aufmerksam geworden, dass neben dem olympischen Sport sich parallel ein paar gesellschaftliche Entwicklungen auftun wie individualisiertes Sporttreiben, eine Bewegung weg von Vereinen und eine andere Art zu kommunizieren. Und wir haben festgestellt, dass dort auch Vorbilder und Helden entstehen - gar nicht so sehr im Rahmen von olympischen Sportarten. Und durch die Art und Weise, wie die kommunizieren, also durch das Auftreten in Social Media, sind sie täglich präsent und erfüllen auch den Stiftungszweck."

"Sport ist nicht nur Medaillenjagd"

Deshalb gibt es seit diesem Sommer das Projekt "OurHouse". Mit diesem Förderprogramm sollen Sportarten unterstützt werden, die nicht organisiert, nicht olympisch, aber aus Sicht der Sporthilfe trotzdem gesellschaftlich relevant sind. Dazu zählen derzeit Wakeboarden, BMX oder Parcours.

Einer, der von "OurHouse" profitiert, ist Nico von Lerchenfeld. Er ist seit Jahren einer der bekanntesten und erfolgreichsten Wakeboarder in Deutschland. "Sport ist für mich nicht nur Medaillenjagd", sagt Lerchenfeld, "sondern es geht da um viel mehr. Dass eben Lifestyle dazuzählt, der eigene Progress, das Gemeinsame, mit Freunden sich gegenseitig pushen, die Ästhetik - das geht jetzt eben mit "OurHouse" los, dass auch Actionsportler eine Förderung erhalten, die es ihnen ermöglicht, ihren Sport noch intensiver, noch besser zu machen und das Ganze auch noch nach weiter außen zu tragen."

Derzeit liegt die Förderung von "OurHouse"-Sportlern bei 500 Euro im Monat. Zudem gibt es auch nicht-finanzielle Leistungen, etwa Versicherungsschutz. Für Extremsportler wie Nico von Lerchenfeld ist vor allem die Unfallversicherung, aber auch die Auslands-Krankenversicherung wertvoll.

Endlich besser abgesichert

Dass er als Wakeboarder so abgesichert ist, ist für den 26-Jährigen eine neue Erfahrung. Fun- und Extremsportler mussten bislang auf solche Programme verzichten. "Ich finde es schade, dass es bis jetzt eben sehr wenig Förderung gab in diese Richtung. Und ich freue mich umso mehr, dass mit "OurHouse" ein Netzwerk kreiert wird, das Sportler unterstützt, die eben nicht den ganz klassischen Medaillenjagd-Weg gehen, aber in meinen Augen trotzdem die Berechtigung haben, weil sie Vorbilder sind, weil sie wirklich Leistungen erbringen und weil sie es einfach mehr als verdient haben, dabei ein bisschen unterstützt zu werden."

2016 beschloss der Deutsche Olympische Sportbund die so genannte Leistungssportreform. Sie sollte die Kriterien, welche Sportart in Deutschland finanzielle Unterstützung bekommt, grundsätzlich ändern. Auch bei der Sporthilfe hieß es dann: Mehr Geld für weniger Athleten, die die Chance auf Erfolg haben. Die Leistungssportreform stieß an vielen Stellen auf Kritik, vor allem aber bei einigen Athleten.

Kanupolo-Spielerin Jennifer Niß vom ACC Hamburg am Ball gegen Elena Gilles (SKG Hanau) bei den deutschen Meisterschaften im Kanupolo 2016. (imago images / Beautiful Sports)Elena Gilles (rechts) bei den deutschen Meisterschaften im Kanupolo 2016. (imago images / Beautiful Sports)

Die Reform sei fast ausschließlich auf olympischen Erfolg ausgerichtet ist, sagt Elena Gilles. Sie ist im Präsidium der Sportlervereinigung "Athleten Deutschland" und wurde 2018 Weltmeisterin im nicht-olympischen Kanupolo: "Ich würde mir wünschen, dass die Sportförderung breiter aufgestellt ist, für unterschiedliche Athleten und Athletinnen - olympisch, nicht olympisch, in Verbänden organisiert, nicht organisiert. Dass es unterschiedliche Förderungsmöglichkeiten für unterschiedliche und vielfältige Athleten gibt. Und "OurHouse" erweitert einfach die Optionen, die man als Sportler hat, um seinen Sport ausüben zu können und eine Förderung zu bekommen."

"Interessante Entwicklungen"

Christoph Breuer lehrt Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule Köln. Er setzt das Ganze in einen größeren Kontext und stellt fest, dass man sich nach der massiven Kritik wieder etwas abwendet von der reinen Medaillenorientierung in der Sportförderung. Dazu passe auch "OurHouse": "Da gibt es interessante Entwicklungen. Der Sporthaushalt des Bundes, der ja jüngst verabschiedet worden ist, weist erstmalig eine signifikante Steigerung für Sportförderung außerhalb des olympischen und paraolympischen Kanons auf. Das zeigt, dass man nicht nur auf olympischen und paraolympischen Sport setzt in der Förderung."

Sport sei mehr als nur der olympische Erfolg. Damit Sportler ihre gesellschaftlichen Funktionen erfüllen können, müssten Spitzenathleten auch davon leben können – ob sie an Olympia teilnehmen oder nicht.

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