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StartseiteSport am WochenendeAthleten stehen vor existenziellen Fragen28.01.2017

SportförderungAthleten stehen vor existenziellen Fragen

Die Leistungssportreform ist abgenickt, jetzt geht es an die Umsetzung. Das Konzept soll schon bei den Olympischen Spielen 2020 für mehr Medaillen sorgen. Die finanzielle Unterstützung für die Leistungssportler liefert die Stiftung Deutsche Sporthilfe. Doch ihr neues Förderkonzept stellt viele Athleten vor die Frage: aufhören oder weitermachen?

Von Andrea Schültke

Mittelstreckenläufer Timo Benitz (Deutschland) bei der Leichtathletik-Europameisterschaft in Amsterdam. (imago - Jan Huebner)
Timo Benitz ist zwar Deutscher Meister über 1500 Meter, erhält aber keine Sporthilfe mehr. (imago - Jan Huebner)
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"Leistung, Fairplay, Miteinander". Das ist das Motto des neuen Förderkonzepts.

Dazu vier Menschen und vier Meinungen:

"Wir wollen die Besten am besten fördern",

"Hier gibt’s dann 1000 Euro Unterstützung für die nachsportliche Karriere".

"Die Athleten, die es nicht schaffen, fürchten natürlich jetzt Kürzungen

"Natürlich denkt man in diesem Moment ans Aufhören"

Tausende Athleten werden künftig leer ausgehen

Das neue Förderkonzept: für die einen ein Geldsegen - für die anderen eine leere Kasse. Die Sporthilfe schüttet jährlich im Durchschnitt 13 Millionen Euro an Leistungssportler aus. Bisher profitieren davon knapp 4000 Athleten - in Zukunft wird es maximal die Hälfte sein. Das Geld wird umverteilt. Kriterien:

"Auf der einen Seite wird Leistung zuallererst berücksichtigt, aber auch die Strukturen einer Sportart, Projekte, die eine Sportart auflegt, um zum Beispiel wieder Anschluss zur Weltspitze zu gewinnen, finden Berücksichtigung und erstmals auch die Größe und gesellschaftliche Bedeutung eines Verbandes".

Förderung wird konzentriert

Erläutert Michael Ilgner. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung deutsche Sporthilfe und der Mann, der "Die Besten am besten fördern" will. Der Fechter Maximilian Hartung ist Athletenvertreter im Sporthilfe-Aufsichtsrat und hat am neuen Konzept mitgearbeitet. Er konnte nicht alle Athletenvorstellungen durchsetzen, sagt Hartung, das Konzept gehe aber in die richtige Richtung:

"Es ging einmal darum, dass mehr Verantwortung für die einzelnen Athleten übernommen wird, dass auch die Förderung soweit in die Höhe gehen soll, dass man sich wirklich auf den Sport konzentrieren kann".

Der Beste in Deutschland zu sein ist nicht genug

Das kann Timo Benitz jetzt nicht mehr. Der 25-Jährige ist Deutscher Meister über 1500 Meter. Bisher hatte der Student der Luft- und Raumfahrttechnik eine Sporthilfeförderung inklusive Studien-Stipendium von 600 Euro im Monat. Ende vergangenen Jahres bekam er Post von der Sporthilfe: Ab April gibt es für ihn nur noch die sogenannte "Basisförderung" mit Sachleistungen wie etwa Seminaren zur Berufsorientierung oder eine Unfallversicherung.

"Beim ersten Lesen war ich ein bisschen überrascht, beim zweiten Lesen war ich eigentlich nur noch schockiert und enttäuscht, weil es für mich bedeutet, dass ich nun keine finanzielle Unterstützung mehr erhalten werde".

Timo Benitz ist zwar der Beste über 1500 Meter in Deutschland - aber von der Weltspitze weit entfernt. Deshalb bekommt er ab April kein Geld mehr von der Sporthilfe.

Welchen Sinn hat der Sport noch?

"Und deswegen muss man dann ernsthaft überlegen, ob es überhaupt noch Sinn macht, diesen Leistungssport fortzuführen."

Aufhören oder weitermachen? Diese Frage stellen sich vielleicht gerade die knapp 2000 Athleten, denen die Sporthilfe das Geld streicht. Sie gehören nicht zum neuen "Top-Team" oder dem "Top-Team Future", weil ihnen keine internationalen Medaillen zugetraut werden. Deshalb gibt es für diese knapp 2000 nur noch die sogenannte Basisförderung. Athletenvertreter Maximilian Hartung bestätigt:

"Es wird auch zu einigen Kürzungen kommen, aber es gibt auch ein neues Konzept, die sogenannte Projektförderung, über die Verbände dann Mittel beantragen, die dann zielgerichtet an die Athleten verteilt werden sollen, die das Geld wirklich am dringendsten brauchen. Und so erhofft sich die Sporthilfe jetzt mit dem neuen Konzept, dass das Geld effizienter eingesetzt wird. Und deswegen wird sich jetzt für viele Athleten noch zeigen, was jetzt tatsächlich beim neuen Konzept rauskommt".

Verbände sind am Zug

Die können noch hoffen, dass ihr Verband Projekte entwickelt, dafür Fördergelder bekommt und diese dann an die Athleten weitergibt.

Auf so eine Förderung durch die Hintertür muss Mannschaftsweltmeister Maximilian Hartung nicht setzen. Der Fechter gehört im neuen Sporthilfekonzept zum sogenannten Top-Team und bekommt nach eigenen Angaben eine Grundförderung von 600 Euro pro Monat.

Auch über die Zeit nach seiner Sportkarriere muss er sich nicht so viele Gedanken machen wie andere. Denn wer einmal im Sporthilfe-Top-Team war, hat auch Anspruch auf die sogenannte "Nachaktivenförderung". Beispiel Ruderolympiasieger Andreas Kuffner:

Nachaktivenförderung sichert am Karriereende die Ausbildung

Ich profitier’ sehr von dieser "Nachaktivenförderung". Ich hab meine Karriere beendet, und jetzt hab ich mein Studium auch abgeschlossen."

Nach dem neuen Förderkonzept könnte er unter bestimmten Voraussetzungen drei Jahre lang bis zu 1000 Euro pro Monat bekommen von der Sporthilfe. Für eine berufliche Qualifizierung wie Masterstudiengang, Meisterprüfung oder Ähnliches.

Kuffner: Studium abgeschlossen, Job gefunden

Andreas Kuffner hat parallel zum Leistungssport Wirtschaftsingenieurwesen studiert, abgeschlossen und danach in Rio mit dem Achter noch Silber gewonnen. Einen Job hat der 29-Jährige auch schon gefunden. Mit Unterstützung der Sporthilfe und der neuen "Nachaktivenförderung" baut er sich zusätzlich gerade ein zweites Standbein auf:

"Da geht es um das Thema Vorträge und hier erhalte ich von der Deutschen Sporthilfe ein Coaching, das die Deutsche Sporthilfe entsprechend unterstützt und das Ganze auch bezahlt. Und entsprechend ist das für mich ein wichtiger Baustein für meine Zukunft und so profitiere ich auch nach meiner aktiven Karriere von der Unterstützung der deutschen Sporthilfe."

Das wird möglich, weil die Sporthilfe nur noch maximal 2000 Athleten finanziell unterstützt anstatt knapp 4000 wie bisher:

"Es kann jetzt nicht mehr jeder und nicht mehr so viele aufgefangen werden wie vielleicht vorher. Es gibt sicherlich auch Fälle, die versuchen sich da auch ein bisschen durchzuschlängeln und profitieren vielleicht von Mitteln, die sie eigentlich leistungsmäßig gar nicht in Anführungszeichen verdienen und deswegen muss man einfach das mehr zentral jetzt anbringen und deswegen verstehe ich den Ansatz schon."

Laufdisziplinen haben ein Problem

Ein Ansatz oder eine Reform, bei der in einigen Disziplinen auch ein Deutscher Meister nicht gut genug ist, um finanziell unterstützt zu werden. Wie Timo Benitz. Und ist nicht der einzige Läufer, dem es so geht.

"Generell aber für die Laufdisziplinen bedeutet dieses neue Förderkonzept, dass wir eigentlich keine Förderung mehr erhalten können, weil die Perspektive eines Läufers bei Olympia unter die ersten Acht zu kommen ist aufgrund der hohen Konkurrenz so immens niedrig, dass wir dieses Ziel gar nicht eigentlich erreichen können".

Vom Sprint über die Mittel- und Langstrecken bis zum Marathon - gut 30 Läufer bekamen im vergangenen Jahr Geld von der Sporthilfe. Keiner von ihnen hat es nach dem neuen Förderkonzept in ein "Top-Team" geschafft. Sie können nur auf die Hintertür Projektmittel hoffen. Oder auf den Sprung ins "Top-Team Future". Dafür müsste ihr Verband ihnen zutrauen, spätestens in acht Jahren in ihrer Disziplin zu den besten Acht der Welt gehören. Für Timo Benitz unerreichbar:

Suche nach privaten Förderern

"Aber man hat natürlich die letzten Jahre soviel geopfert, dass man nicht auf Anhieb aufhören will."

Für den 25-Jährigen ist die Sporthilfe keine Hilfe mehr. Also sucht er jetzt nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten und privaten Unterstützern, die ihn weiter laufen lassen -  obwohl die Weltspitze für ihn unerreichbar ist.

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