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StartseiteSportgespräch"Es geht auch um die deutsch-französische Freundschaft"02.07.2017

Sportgespräch mit Christian Prudhomme"Es geht auch um die deutsch-französische Freundschaft"

Nicht nur für Christian Prudhomme ist die Tour de France mehr als das größte Radrennen der Welt. Es gehe auch um die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich, sagte der Tour-Direktor im Dlf-Sportgespräch. "Wenn der Sport dazu beitragen kann, dass sich beide einander weiter annähern, ist das großartig", sagte Prudhomme.

Christian Prudhomme im Gespräch mit Anne Raith

Tourdirektor Christian Prudhomme beim Start der 2. Etappe in Düsseldorf (dpa / Daniel Karmann)
Tourdirektor Christian Prudhomme beim Start der 2. Etappe in Düsseldorf (dpa / Daniel Karmann)
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Es habe in den vergangenen Jahren Nachfragen und Proteste gegeben, dass die Tour im Ausland beginnt. "Das gab es vor fünf, sechs Jahren noch nicht", sagte Prudhomme. Diese Vorwürfe kämen vor allem von Leuten, die die Geschichte der Tour de France nicht kennen würden.

Der Franzose wies daraufhin, dass der erste Grand Départ im Ausland schon 1954 gewesen ist, nämlich in Amsterdam. "Die Tour de France, die Ausnahmeerscheinung und Legende Fausto Coppi 1949 gewonnen hat, ging durch vier Länder – plus Frankreich!", merkte Prudhomme an. Insgesamt ginge es bei der Ausrichtung des Rennen darum , dass nicht nur Frankreich, sondern auch eine gewisse Idee von Europa verteidigt werde.


Das Sportgespräch in voller Länge:

Anne Raith: Bonjour Monsieur, wann hat man denn mal die Chance, den Direktor der Tour de France selbst auf dem Rad zu sehen?

Christian Prudhomme: Auf dem Fahrrad können Sie mich sehen, nicht auf dem Rennrad! Aber die Verbindung zwischen Rad und Rennrad ist sehr wichtig. Das hervorzuheben war auch der Wunsch von Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel, als er die Kandidatur seiner Stadt für den Start der Tour de France erneuerte – 12 Jahre zuvor hatte sich die Stadt ja schon einmal beworben. Das Fahrrad erobert seit einigen Jahren seinen Platz in den Innenstädte zurück, wie wir es seit 100 Jahren nicht erlebt haben. Das ist fast wie Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, als das Fahrrad plötzlich überall in der Stadt auftauchte.

In diesem Sinne können Sie mich also auf dem Fahrrad sehen. Ich traue mich aber nicht weiterzugehen und vom Rennrad zu sprechen, schließlich bin ich hier von lauter Radsportprofis umgeben, von ehemaligen Tour-Siegern wie Bernard Thévenet. Aber leichtes Radfahren, da bin ich dabei, zum Bäcker zum Beispiel.

Christian Prudhomme präsentiert die Strecke der Tour de France 2017 (picture alliance / dpa/Ncy)Christian Prudhomme präsentiert die Strecke der Tour de France 2017 (picture alliance / dpa/Ncy)

Anne Raith: Sie waren also nie Radrennfahrer. Bevor Sie Tour-Chef wurden, waren Sie Journalist. Was fasziniert Sie am Radsport?

Christian Prudhomme: Nur um das klarzustellen: Der Direktor der Tour de France war immer vorher Journalist und nur in den seltensten Fällen auch Radrennfahrer. Mein Vorgänger Jean-Marie Leblanc war beides, zuerst Radprofi, dann Journalist. Aber das ist eher die Ausnahme…

Anne Raith:…aber für Sie ist die Faszination eine andere als für die Radrennfahrer, die von der Schnelligkeit, der Freiheit auf dem Rad schwärmen…

Nur zehn Telefonnummern von Radrennfahrern gespeichert

Christian Prudhomme: Da haben Sie Recht. Das ist ein bisschen so wie beim Journalismus. Die Leute sind fasziniert von den Moderatoren oder Moderatorinnen,  die sie im Fernsehen sehen. Das geht mir natürlich anders, als ehemaligem Journalisten, der das Geschäft kennt. Ich kann sie natürlich bewundern, besonders gut finden, aber mehr nicht.

Bei den Radrennfahrern ist das anders. Da ich nie in der Lage sein werde, diese Leistungen zu bringen, fasziniert mich der Radsport. Ich bin als Tour-Direktor ja eher dafür zuständig, dass die Strecke, auf der sich die Rennfahrer entfalten können, steht. In meinem Telefon habe ich vielleicht zehn Nummern von Radrennfahrern gespeichert, aber 500 von Mandatsträgern, von Bürgermeistern oder von den Präsidenten der Departements, in Frankreich und im Ausland, weil die am Ende "ja" sagen müssen, damit die Radrennfahrer auf die Straße können.

Anne Raith: …darunter auch die des Bürgermeisters von Düsseldorf, nehme ich an. Zum ersten Mal seit 30 Jahren hat die Tour de France wieder in Deutschland begonnen, der Grand Départ war in Düsseldorf. Warum ausgerechnet dort?

"Es ist eine neue Generation herangewachsen"

Christian Prudhomme: Erstmal natürlich, weil Düsseldorf sich beworben hat. Bevor die Tour de France kommen kann, benötigen wir eine Kandidatur, wir benötigen einen Bürgermeister, der sein OK gibt, wir benötigen die Zustimmung der zuständigen staatlichen Stellen, die die Benutzung der Straßen freigeben. Diese Unterstützung braucht man im Vorfeld, man kann ja nicht dort aufkreuzen, wo man gar nicht erwünscht ist.

Und die Kandidatur Düsseldorfs wurde für diesen Tour-Start wiederbelebt. Ich erinnere mich, dass ich den damaligen Bürgermeister Joachim Erwin  getroffen habe, als ich noch stellvertretender Tour-Chef war. Das war 2005 in Paris und schon damals hatte sich Düsseldorf für den Grand Départ beworben. Dann ist Joachim Erwin ja leider verstorben, hinzukamen die Dopingaffären.

Inzwischen haben deutsche Radrennfahrer wieder Rennen gewonnen, es ist eine neue Generation herangewachsen, so dass der jetzige Oberbürgermeister Thomas Geisel die Idee wieder aufgenommen und sich mit Düsseldorf beworben hat. Der ursprüngliche Grund ist also: eine Kandidatur.

Anne Raith: Und Geld.

Christian Prudhomme: Und Geld von Seiten Düsseldorfs, wie von anderen Austragungsstädten auch, natürlich. Wie von jeder Stadt bei jedem anderen sportlichen Großereignis auch. Es ist allerdings ein ganz klein bisschen günstiger als beim Fußball. Ein ganz klein bisschen.

Bild von der 2. Etappe der Tour de France am 02.07.2017 in Korschenbroich (Deutschland). Zahlreiche Fans stehen am Ortseingang und bejubeln die Ankunft des Fahrerfeldes.  (dpa-bildfunk / Guido Kirchner)Auf der 2. Etappe der Tour de France ging es noch einmal durch Deutschland: Hier die Einfahrt des Fahrerfeldes in Korschenbroich. (dpa-bildfunk / Guido Kirchner)

Anne Raith: Haben Sie Zahlen oder ist das ein Geheimnis?

Christian Prudhomme: Die Zahlen, nein, die kann ich Ihnen nicht nennen, aber ich kann Ihnen sagen, dass Geld nicht das Eintrittsticket war und ich weiß nicht, wieviel die Stadt ausgibt. Insofern kann ich Ihnen dazu nichts sagen. Aber Schätzungen der vergangenen Jahre liegen vor und es ist denkbar, dass es sich auf die Summen beläuft, die Utrecht oder Rotterdam investiert haben.

"Unsere Länder besinnen sich mehr und mehr auf sich"

Anne Raith: Also mehrere Millionen. War das eigentlich unumstritten in Frankreich, den Start der Tour de France in Deutschland stattfinden zu lassen?

Christian Prudhomme: Wir erleben, dass sich unsere Länder mehr und mehr auf sich besinnen. Auch wenn die Präsidentenwahl in Frankreich vor zwei Monaten das Gegenteil zu beweisen scheint. Ja, es gab in den vergangenen Jahren Nachfragen oder Proteste, dass die Tour im Ausland beginnt, das gab es vor fünf, sechs Jahren noch nicht.

Aber diese Vorwürfe kommen vor allem von Leuten, die die Geschichte der Tour de France nicht kennen. Schließlich war der erste Grand Départ im Ausland schon 1954, in Amsterdam. Die Tour de France, die Ausnahmeerscheinung und Legende Fausto Coppi 1949 gewonnen hat, ging durch vier Länder – plus Frankreich! Die erste Etappenankunft im Ausland war noch vor dem Ersten Weltkrieg 1913 in Genf, in der Schweiz. Und das allererste Mal, dass die Tour im Ausland war, das war 1907/1908 in Metz, das damals noch deutsch war. 

Was ich den Skeptikern zeige, ist ein Foto vom ehemaligen Landtag in Düsseldorf. Das hab ich auf dem Handy, das ich gerade suche, während ich weiter Ihre Frage beantworte, damit ihre Hörer wissen, was hier gerade geschieht…

Wenn mich also Franzosen fragen, was will die Tour de France im Ausland, dann zeige ich ihnen dieses Foto: den ehemaligen Landtag, der in den Farben der Trikolore, also  blau-weiß-rot, angestrahlt wird. Das verstehen sie. Das ist eine unglaubliche Ehre, die Düsseldorf Frankreich zuteilwerden lässt.

Das hat mich auch daran erinnert, was mir mein Vorgänger Jean-Marie Leblanc gesagt hat, als ich ihn abgelöst habe. Es waren exakt die Worte, die Jaques Goddet, der fünfzig Jahre lang Tour-Direktor war, Jean-Marie als seinem Nachfolger mit auf den Weg gegeben hat: "Die Tour de France bedeutet, egal, wo sie entlangführt, Prestige für Frankreich und zeigt, was wir können, vergiss das nicht". Und wenn man dann sieht, wie die Trikolore auf dem ehemaligen Landtag erstrahlt, geht das ans  Herz und liefert die Antwort auf alle skeptischen Nachfragen. Denn hier wird nicht nur Frankreich, sondern auch eine gewisse Idee von Europa verteidigt.

"Ich weiß um das deutsch-französische Verhältnis"

Anne Raith: Sie haben in Interviews sogar von einem Signal für Europa gesprochen. Also: Ab auf’s Rad gegen den Populismus, gegen Le Pen und die Afd?

Christian Prudhomme: Auf jeden Fall für Länder, die offen bleiben wollen, die miteinander sprechen. Wenn man wie ich eine Mutter hat, die aus dem Elsass stammt, dann weiß man, was das deutsch-französische Verhältnis bedeutet. Man weiß es, auch wenn ich heute kein Deutsch spreche. Man weiß, dass die Freundschaft zwischen Franzosen und Deutschen essentiell ist. Und wenn der Sport dazu beitragen kann, dass sich beide einander weiter annähern, ist das großartig. Also ja: 2017 ist das – bei den Turbulenzen, die wir in Europa und in der Welt erleben – durchaus ein starkes Zeichen. 

Als ich ein kleiner Junge war, hab ich das gleiche beim Tischtennis miterlebt, als chinesische und US-amerikanische Spieler aufeinandertrafen, es gibt sie also, diese Diplomatie des Sports. Und ich bin fest davon überzeugt, dass die Bande im Sport in Zukunft noch enger geknüpft werden, um diese Art der Diplomatie voranzubringen. Also ja: Es geht beim Grand Départ in Düsseldorf auch um die deutsch-französische Freundschaft.

Die Bedeutung der Deutschland-Tour

Anne Raith: Und Deutschland ist für Sie als Tour-Direktor auch ein interessanter Markt. Sie wollen ab 2018 die Deutschland-Tour reetablieren. Warum?

Christian Prudhomme: Das betrifft nicht in erster Linie mich als Tour-Direktor, sondern die Generaldirektion der A.S.O., der Amaury Sport Organisation, die die Deutschland-Tour reetablieren will, weil sie sie für wichtig hält. Ich würde dabei nicht von einem Markt sprechen. Wenn wir einen Grand Départ planen, dann sind wir da, wo uns die Leidenschaft hingeführt hat.

Und hier sind wir wieder bei der Verbindung zwischen dem Rennradfahren und dem ganz normalen Radfahren, von der wir schon gesprochen haben. In Europa kann man nichts Großes auf die Beine stellen ohne Deutschland, ob es sich um Sport, um den Radrennsport oder was anderes handelt. Und der deutsch-französische Motor ist dabei ausschlaggebend. Das größte Radrennen der Welt ist die Tour de France, da liegt es nahe, dass die A.S.O. dem Radrennsport in Deutschland neuen Schub verleiht. Ich würde mich freuen. 

Denn wenn man sich die Etappensieger der Tour de France in den vergangenen fünf Jahren anschaut, sind das meistens Deutsche. Dank André Greipel, Marcel Kittel oder Tony Martin. Auch bei den Straßenmeisterschaften ist Deutschland vorne. Deutschland gewinnt auch bei den Junioren. Und wenn man dann noch das ganz normale Radfahren hinzunimmt, da hinkt dann Frankreich wirklich hinterher, im Vergleich zu den Deutschen, den Niederländern oder Briten.

Natürlich haben die, die Radfahren, um Brot zu kaufen, wie ich (lacht) eine andere Beziehung zum Fahrrad als der Profi. Aber die Tour de France kann wie in den vergangenen Jahren dazu beitragen, die Leute zu motivieren, selbst Rad zu fahren, ins Büro, zur Arbeit oder zur Schule.

"Habe immer eine Menge Leute bei den Rennen gesehen"

Anne Raith: Man hat ja schon einmal versucht, eine Deutschland-Tour zu etablieren, ohne Erfolg. Was stimmt sie optimistisch, dass das dieses Mal anders läuft?

Christian Prudhomme: Wenn ich in Deutschland war, in Frankfurt, Münster oder eben Düsseldorf, hab ich immer eine Menge Leute bei den Rennen gesehen. Es gab eine große Diskrepanz zwischen dem zum Teil desastösen Image des Radsports und den Wettbewerben vor Ort, zu denen immer viele Menschen gekommen sind. Wir werden erst in ein paar Wochen Bilanz ziehen, aber auch der Grand Départ in Düsseldorf wird mit beeinflussen,  wie es weitergeht.

Anne Raith: Nach der Krise, von der Sie gesprochen haben – wir werden noch über das Thema Doping sprechen – ist der Radsport in Deutschland wieder populär. Würden Sie von einem zweiten Boom sprechen?

Christian Prudhomme: Soweit würde ich nicht gehen. Allerdings habe ich vor einigen Jahren bei der Ankunft der Tour de France in Paris den deutschen Justizminister Heiko Maas in meinem Auto mitgenommen, für eine Fahrt auf den Champs Elysées hinter dem Peloton. Heiko Maas hat ein sehr hartes Anti-Doping-Gesetz durchgebracht, und wurde dennoch ausgewählt, von den Botschaftern für einen sauberen und ehrlichen Sport, Marcel Kittel und John Degenkolb,  das ist wirklich ein starkes Zeichen. Er war im Januar 2015 auch bei der Teamvorstellung des deutschen Teams, das heute Sunweb heißt. Kurz nach dem Anschlag in Paris, der eine Welle von Terroranschlägen in Europa ausgelöst hat. Und er war dennoch da.

Nur weil man Fehler gemacht hat, heißt das nicht, dass man weiter Fehler begehen wird. Der Radrennsport hat betrogen, sicher vor den anderen, vielleicht sogar mehr. Aber er ist mit Sicherheit nicht mehr das hässliche Entlein, sondern geht eher mit gutem Beispiel voran. Auch wenn wir natürlich nicht in einer perfekten Welt leben, aber die perfekte Welt gibt es nicht, weder im Radsport, noch im Sport oder bei jeder anderen menschlichen Tätigkeit, weder in der Politik noch im Journalismus, soviel kann ich aus meiner Zeit als Journalist sagen.

Fragen zu Doping kommen wie ein Ritual

Anne Raith: Sprechen wir also über Doping. Nervt es sie, zumindest ein kleines bisschen, dass Sie immer wieder auf das Thema angesprochen werden?

Christian Prudhomme: Es geht eher darum, dass die Fragen immer wieder kommen, egal, was sonst los ist, wie eine Art Ritual. Vor anderen sportlichen Wettkämpfen werden Fragen dieser Art nicht gestellt. Beim Radsport ist es so, dass jemand, der die aktuellen Entwicklungen nicht verfolgt hat kommt, und dir diese Fragen stellt….

Anne Raith: Aufgrund der Geschichte!

Christian Prudhomme: Natürlich aufgrund der Geschichte. Aber die gibt es auch bei anderen Disziplinen. Es ist ja nicht so, dass alle Bösewichte und Betrüger Radrennfahrer sind. Das heißt nicht, dass nicht darüber nachgedacht wird, dass es keine Reflexion gibt. Natürlich werden Fragen gestellt, wenn es eine Affäre gibt, einen Fall, darum geht es nicht, das ist die Aufgabe des Journalismus. Ich war 18 Jahre lang Journalist. Aber dass die Fragen kategorisch gestellt werden, während sie bei anderen Ereignissen nicht gestellt werden, das ärgert mich schon, na klar.

Anne Raith: Aber verstehen Sie das Misstrauen? Es gibt ja heute noch Doping-Fälle, Vorwürfe gegen Teams, die auch dieses Jahr bei der Tour dabei sind, SKY, Astana. Die Sache ist ja nicht erledigt…

Christian Prudhomme: Aber Vorwürfe gibt es überall, in jeder Sportart, jeder menschlichen Tätigkeit. Bei Ihnen im Journalismus, den ich ja auch kenne, das ist keine perfekte Welt, ebenso wenig wie die Politik. Ich sage es Ihnen noch einmal: Der Radsport hat ohne Zweifel vor den anderen betrogen, vielleicht mehr. Das Ringen um den Betrug ist ein Kampf, der in kleinen Schritten voran geht, das ist ein zähes Ringen. Aber es hat sich wirklich viel verändert. Was mich zufriedenstimmt ist, dass die Fahrer, die geglänzt haben, als sie jung waren, bei der Tour de l’Avenir zum Beispiel, auch jetzt vorne mit dabei sind. Das war vor 10, 12, 15 Jahren nicht der Fall. Ein Fahrer, der die Tour de l’Avenir gewinnt, gewinnt nicht automatisch auch die Tour de France, aber er ist gut. Er zählt zu den besten. Das war vor zehn Jahren nicht möglich, was bedeutet, dass sich etwas verändert hat.

Anne Raith: Kann man denn von einem echten Wandel sprechen, wenn man sieht, dass viele Verantwortliche von damals auch heute noch in verantwortlicher Position sind?

Christian Prudhomme: Es hat sich viel verändert. Einige sind noch dabei. Einige wurden bestraft, haben ihre Strafe verbüßt und sich wieder dabei. Das ist nach menschlichem Ermessen nichts, was einen schockiert. Wenn sie ihre Strafe verbüßt haben, wenn sie suspendiert waren, kommen sie wieder. Man kann sich wünschen, sie kämen nicht wieder, aber man kann sie nicht davon abhalten. Das ist das Gesetz, so sind die Regeln.

Jan Ullrich (re) mit "Rund um Köln"-Organisator Artur Tabat im Juni 2016 (imago sportfotodienst)Nicht eingeladen zur Tour: Jan Ullrich, hier mit "Rund um Köln"-Organisator Artur Tabat. (imago sportfotodienst)

Anne Raith: Aber Jan Ullrich ist meines Wissens nicht zur Tour eingeladen worden. Hat das was mit seiner Vergangenheit zu tun?

Christian Prudhomme: Dann ist er nicht eingeladen, wir haben ihn nicht eingeladen. Wir laden ehemalige Tour-Sieger nicht unbedingt speziell ein. Man legt vorher nicht unbedingt fest, ob man den oder den einlädt.

Anne Raith: Bleibt nicht ein Problem bestehen, wenn man zwar wirksame Methoden hat, Doping nachzuweisen, aber ständig neue Mittel?

Christian Prudhomme: Vielleicht, aber noch einmal: Das gibt es bei allen Disziplinen. Nur würden Sie nicht die gleichen Fragen stellen, wenn es um Tennis, Fußball oder Basketball geht.  Oder um Leichtathletik.

Festina - eine der schlimmsten Affären

Anne Raith: Ist das typisch deutsch, ständig in Sachen Doping nachzufragen? Ist das in Frankreich anders?

Christian Prudhomme: Die Sache ist ziemlich klar. 1998 hatten wir die Festina-Affäre. Das war ohne Zweifel eine der schlimmsten, was Frankreich betrifft. Da es sich um ein französisches Team handelte, das betrogen hatte, gab es in Frankreich entsprechende Reaktionen, die Franzosen wurden ganz schön zurückgeworfen. Es hat sich etwas verändert.

Aber es hat acht Jahre gedauert, bis sich Deutschland damit auseinandergesetzt hat. Acht Jahre lang hat Deutschland so getan, als habe es die Festina-Affäre nicht gegeben. So sieht die Wirklichkeit aus. Dann gab es noch die Puerto-Affäre und da kamen dann plötzlich Reaktionen. Die Reaktionen in den betroffenen Ländern waren unterschiedlich. Aber es bedurfte der weltweiten Erschütterung durch die Armstrong-Affäre, bis wirklich alle gesagt haben, dass sich etwas verändern muss.

Der amerikanische Radsportler Lance Armstrong guckt kritisch  (picture alliance / dpa / Ncy )Doping betrifft nicht nur den Radsport, sagt Prudhomme. Lance Armstrong wurde als Doper überführt. (picture alliance / dpa / Ncy )

Anne Raith: Und heute? Ist das Verhältnis zwischen den Franzosen und der Tour de France wiederhergestellt?

Christian Prudhomme: Es musste nicht wiederhergestellt werden, da es nie zu einem Bruch gekommen ist. Wenn jetzt einer der französischen Fahrer wieder gewinnen würde, würde sich das ganze vermutlich noch einmal verändern. Wenn jetzt ein deutscher Tennis-Spieler Wimbledon gewinnen würde, wie damals zu Zeiten von Steffi Graf und Boris Becker, dann würde der Fokus ganz auf dem Tennis liegen. Wenn ein Romain Bardet oder ein Thibaut Pinot, die sich in den vergangenen Jahren auf den Podien hochgearbeitet haben, noch besser abschnitten, gäbe es noch mehr Enthusiasmus. Aber der Enthusiasmus für die Tour de France existiert, er hat immer existiert und er ist echt.

Anne Raith: Gianni Infantinos Fifa hat erklärt: Die Fifa-Affäre ist vorbei. Würden Sie das gleiche über die Doping-Affäre der Tour de France sagen?

Christian Prudhomme: Das betrifft nicht nur die Tour de France. Doping gibt es überall.

Anne Raith: Im Radsport.

Leute, die betrügen gibt es überall

Christian Prudhomme: Im Radsport, ja, aber Doping gibt es überall. Es gibt überall Leute, die betrügen. Das habe ich Ihnen gesagt und wiederhole es noch einmal: im Sport, im Journalismus, in der Politik, egal wo.

Natürlich muss der Kampf gegen Doping so wirksam wie möglich sein. Und zwar überall. Das ist ein permanenter Kampf. Niemand kann sagen, dass er vorbei ist! Die Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport, der sich eine gewisse Zahl an Teams angeschlossen haben, unterwirft sich den Regeln noch stärker als die Welt-Anti-Doping-Agentur und der Internationale Radsport-Verband. Die Bewegung hat den Leitspruch: Man muss das Licht anlassen. Aber ja, wenn man gegen Betrug vorgehen will, muss das Licht an bleiben. Wenn man nicht mehr kämpfen würde, wäre das so, als würden die Zollbeamten und Polizisten so tun, als gebe es keine Probleme. Das wäre Quatsch.

Anne Raith: Was ist die Besonderheit der Tour de France im Vergleich zu anderen großen Radrennen?

Christian Prudhomme: Die Tour de France ist das größte Radrennen der Welt. Und es geht um viel mehr als nur um Sport. Oder: Es geht nicht nur um Sport, denn natürlich ist der sportliche Aspekt essentiell, mit seinen Legenden, seinen Siegern. Aber bei der Tour de France geht es auch um Entdeckungen, um Geschichte, Geographie, Kultur. Ich gebe zu, dass ich vorher zum Beispiel nicht wusste, dass der Neandertaler in der Nähe von Düsseldorf lebte. Aber dass ich das für mich entdeckt habe, hat dazu geführt, dass die zweite Etappe durch das Neandertal führt und es hat auch die allgemeine Streckenführung beeinflusst. Wir werden zum Beispiel die Höhle von Lascaux in der Dordogne passieren, deren Höhlenmalereien als Kopien seit vergangenem Dezember in Montignac  besichtigt werden können.  

Die Tour de France zeigt dank der Medien, vor allem dank des Fernsehens, die Schönheit der Regionen, die durchfahren werden.  Sie zeigt wunderschöne Luftaufnahmen. Das ist bei der Tour de France viel ausgeprägter als bei anderen Rennen.

Und natürlich hat das älteste dieser Rennen auch den Trumpf, dass es im Juli stattfindet. Und der Juli ist in Frankreich der Monat des bezahlten Urlaubs, der Ferien, der langen Tage, die man mit der Familie verbringt. Ich pflege zu sagen, dass die Tour de France 3.500 Kilometer Lächeln und Emotionen sind. Das Publikum ist fabelhaft, herzlich, es unterstützt die Sieger und zwar egal, wer gerade vorne liegt.

Die Tour de France hat also auch einen sozialen Aspekt, sie schafft Verbindungen zwischen unseren Gesellschaften, die sich mehr und mehr auf sich besinnen und zurückziehen. Am Rande der Tour-Strecke finden sich Männer, Frauen, Kinder, Alte, Junge, Franzosen, Menschen aus anderen Ländern. Ein Publikum, das da harmonisch zusammen mitfiebert. Das ist sehr stark.

"Eine halbe Stunde Sendung - das ist verblüffend"

Anne Raith:Und sie versuchen außerdem, jedes Jahr neue Schwierigkeiten, neue Herausforderungen für die Radprofis zu finden. Geht es da immer um: härter, höher, schneller, gefährlicher?  Was sind Ihre Schwerpunkte?

Christian Prudhomme: Nein, natürlich nicht. Obwohl das unserer zappenden Gesellschaft entspräche. Diese Sendung hier dauert fast eine halbe Stunde, das ist wirklich verblüffend. Im Radio und im Fernsehen wird sonst immer alles immer knapper, immer schneller. Die eine wichtigste Nachricht der Welt wird schon am nächsten Tag von einer anderen abgelöst.

Mir geht es eher um Abwechslung. Bei der diesjährigen Tour de France gibt es keine zwei aufeinanderfolgenden Etappen, die für den gleichen Fahrer-Typen gemacht sind.  Erst das Zeitfahren in Düsseldorf, dann eine Etappe für die Sprinter, eine für die Etappenjäger und so weiter und so weiter. Die Etappen ändern sich mindestens alle zwei Tage. Dank eines Streckenabschnitts im Osten Frankreichs, wo gleich alle fünf großen Bergmassive Frankreichs überquert werden, das erste Mal seit 25 Jahren. Dabei geht es nicht um immer härter, immer höher.

Anne Raith:Diese Kritik hört man zuweilen von den Radrennfahrern, dass es jedes Mal härter wird.  

Christian Prudhomme: Nein, nein, das glaube ich nicht. Die Strecke ist ja das, was die Fahrer draus machen, soll heißen eine echte Bewährungsprobe, die mit 35 absolut großartig sein kann und mit 40 weniger schön. Das ist relativ. 100 Meter kann man in 30 Sekunden laufen, was jeder kann, oder in 9,58 Sekunden. Dazwischen liegt ein klitzekleiner Unterschied: wieviel man trainiert und daran arbeitet. Es geht nicht darum, die Strecke immer härter zu machen. Die Bergetappen jedenfalls gehören auf jeden Fall mit zur Tour de France, daran gibt es keinen Zweifel.

Anne Raith: Wenn man ein sportliches Großereignis wie die Tour de France organisiert, muss man 2017 leider auch über das Thema Sicherheit sprechen. Wie versuchen Sie, eine Strecke von über 3.000 Kilometer durch ganz Frankreich zu schützen?

Christian Prudhomme: Das größte Risiko liegt erst einmal an und auf der Strecke. An der Wegstrecke werden 10-12 Millionen Menschen erwartet. Die müssen vorsichtig sein, auf die Fahrer achtgeben, denn das Peloton kommt mit 50-55 Stundenkilometern angerauscht. Das ist schnell, wenn man sich da verletzt, ist das sehr schmerzhaft. Außerdem muss man auf die Autos achten, die dem Peloton vorausfahren oder ihm folgen. 23.000 Polizisten und Gendarmen sind jedes Jahr an der Strecke  postiert, wir haben ausgewählte Fahrer in den Autos und auf den Motorrädern, oft ehemalige Radrennprofis, die entsprechend geschult und trainiert werden. Die Sicherheit an der Strecke ist das größte Risiko…

Anne Raith: 2016 gab es ja noch Auseinandersetzungen mit Radrennfahrern, die sich nicht ausreichend geschützt fühlten. Die bemängelten, dass die Motorräder zu nah führen, es zu wenig Absperrgitter gebe…

Christian Prudhomme: Heutzutage, in Zeiten von Twitter, finden sie doch immer und überall Leute, die Ihnen zum Beispiel sagen, dass Ihre Sendung nicht gut ist. Das wissen Sie doch nur zu gut.

"Wir können nicht alles absperren"

Anne Raith:Ich hoffe nicht, vermutlich aber ist dem so.

Christian Prudhomme: Natürlich ist das so. Ich kenne den Beruf und weiß, wie das ist. Und hier ist das nicht anders. Wir werden nicht 3.500 Kilometer absperren. Das ergibt keinen Sinn und ist auch gar nicht möglich. Aber: Letztes Jahr zum Beispiel hat uns André Greipel, ein exzellenter Fahrer, nach der ersten Etappe der Tour gesagt: Wir brauchen bei der Ankunft mehr schräggestellte Absperrgitter. Und statt 400 Metern haben wir nun einen Kilometer schräggestellte Absperrgitter. Wir haben gehört, was er uns gesagt hat, weil es sinnvoll schien. Aber wir können nicht alles absperren.

Ich habe die 23.000 Polizisten und Gendarme schon angesprochen. Im vergangenen Jahr gab es – vor allem dann nach der Tragödie von Nizza – zusätzliche Maßnahmen. Die Eingreiftruppe der Nationalgendarmerie war vor Ort und wird auch dieses Jahr da sein. Außerdem kommen spezielle Sprengstoff-Spürhunde zum Einsatz.

Was ich aber auch betonen möchte, ist, dass man weiter leben muss. Wir sehen keine Ereignisse voraus. Die Pariser, die am 13. November abends unterwegs waren, hatten ja nicht den Eindruck, dass sie ein Risiko eingingen. Und trotzdem ist es passiert.

Natürlich treffen wir entsprechende Maßnahmen, natürlich befolgen wir die Ratschläge und Anweisungen der Autoritäten ganz genau, des Innenministeriums, der Präfekturen. In den Bereichen, die wir zu verantworten haben, haben wir mehr Sicherheitskräfte, es anders als noch vor einigen Jahren Videoüberwachung, aber wir müssen weiter leben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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