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StartseiteSportgesprächPionierinnen und leere Stadien18.10.2020

Sportliteratur dieses HerbstesPionierinnen und leere Stadien

Wie starke Frauen die Welt verändern und wie die Krise uns lehrt, das gemeinsame Fan-Erlebnis neu wertzuschätzen - in diesem Sportgespräch stellen wir einige Sportbücher dieses Herbstes vor. Mit einer großen Bandbreite: von philosophischen Betrachtungen zu persönlichen Eindrücken von Sportlern.

Von Jessica Sturmberg

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Die im Sportgespräch vorgestellten Titel auf einem Tresen (Dlf / Jessica Sturmberg)
Sportbücher in diesem Herbst (Dlf / Jessica Sturmberg)

Leere Stadien – kann davon eine Faszination ausgehen? Ja, sagt der emeritierte Literaturwissenschaftler der Stanford University, Hans-Ulrich Gumbrecht in seinem Essay "Crowds" – auf Deutsch Menschenmengen oder –massen.

Hans Ulrich Gumbrecht: "Crowds. Das Stadion als Ritual von Intensität"
Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt / Main 2020
154 Seiten, 14,80 Euro

Es scheint auf den ersten Blick wie ein Werk, geschrieben auf die gegenwärtige Krise, in der Sport nur mit homöopathischen Dosen von Zuschauern vor Ort oder ganz ohne sie auskommen muss. Und das wohl auch noch eine ganze Weile. Auch, wenn Gumbrecht sein Essay während der Krise verfasst hat, so geht es ihm nicht um eine Auseinandersetzung mit der derzeitigen Situation von Austragung sportlicher Wettkämpfe vor leeren Rängen. Jedenfalls nicht direkt.

Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht steht an einem Rednerpult. (imago images / Hartmut Bösener)Prof Dr Hans Ulrich Gumbrecht, Stanford University während der Enweihung des Bauhaus Museums (imago images / Hartmut Bösener)

Es geht vielmehr um die Faszination der Leere im Stadion als Kontrast zum Vollen, zum intensiven Erlebnis, dem Hier-und-Jetzt, das zigtausende Fans an diesem Ort zu diesem Zeitpunkt zusammenbringt und ohne die Gewissheit, in welchem Gemütszustand diese vielen Menschen das Stadion wieder verlassen werden.

Das leere Stadion kann seine Faszination nur entwickeln, wenn im Kopf der Puls des Spiels als Interaktion zwischen den Akteuren auf dem Platz und dem Publikum noch nachwirkt oder die Vorfreude auf eben jenes Erleben sich vorher entfaltet. Es geht um die Bedeutung der Masse sowie ihrer Funktion und Deutung. Und am Ende verstehen wir noch ein Stück mehr, was wir gerade nicht haben.

Campino auf einer Filmpremiere in Wien  2019.   (dpa/ Toppress/ Karl Schöndorfer)Campino hat viele Leidenschaften, neben Musik und Fußball schreibt er Bücher. (dpa/ Toppress/ Karl Schöndorfer)

Campino – Frontmann der Düsseldorfer Punkrockband Die Toten Hosen ist glühender Anhänger des FC Liverpool, dem Club, der die Hymne "You’ll never walk alone" als erster ins Stadion trug und zum Ritual vor jedem Spiel machte. Die Toten Hosen haben es zu ihrem Ritual gemacht, ihre Konzerte damit zu beenden. Campinos Nähe zum FC Liverpool ist so groß, dass der Ausgang der Spiele von Liverpool auch darüber bestimmt, ob er bei einem Konzert so richtig abgeht oder nicht. Da gibt es etwa die Anekdote vom gebrochenen Fuß, mit dem er mal auftreten musste, weil er zuvor aus Wut über ein verlorenes Spiel gegen eine Mülltonne getreten hatte.

Campino: "Hope Street"
Piper Verlag, München, 2020
355 Seiten, und als Hörbuch in einer ungekürzten Autorenlesung, tacheles!, 22 Euro

Seit anderthalb Jahren hat Campino, mit bürgerlichem Namen Andreas Frege, die doppelte Staatsbürgerschaft, ist nun also auch Engländer wie seine Mutter, woher die Zuneigung zu der Insel und dem englischen Fußball ihre Wurzeln hat. Campinos Fußball-Leidenschaft, die er auch zu Fortuna Düsseldorf, aber noch stärker zu Liverpool pflegt, ist so intensiv, dass er ein Buch darüber verfasst hat – Hope Street.

Eigentlich war der Plan, die vergangene Saison von Liverpool zu begleiten – daraus wurde dann ein Buch, in dem Campino zu erzählen beginnt, was ihn zu Liverpool gebracht hat, wie er den Club seit Jahrzehnten begleitet, die Tragödien in Heysel oder Sheffield verarbeitete, wie er Verbindung zu Trainer Jürgen Klopp aufnahm, den Champions League-Titel und Meisterschaft feierte. Das alles verwebt er mit seiner deutsch-britischen Familiengeschichte und gibt dabei sehr persönliche Einblicke mit Fundstücken vom Dachboden in Mettmann-Metzkausen. Über allem steht immer, was ihm der FC Liverpool bedeutet.

Campino hat sein Buch "Hope Street – wie ich einmal englischer Meister wurde" auch komplett vertont, es ist ebenso als Hörbuch erschienen.

Fußballerin Megan Rapinoe kniet 2016 während der US-Hymne. (imago sportfotodienst)Fußballerin Megan Rapinoe kniet 2016 während der US-Hymne. (imago sportfotodienst)

Im Männerfußball gibt es viele Ikonen, im Frauenfußball sind es bisher erst einige wenige. Diejenige, die weltweit die größte Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die US-Amerikanerin Megan Rapinoe. Die Künstlerin auf dem Platz, die politische Akteurin auf der Medienbühne – Gegenspielerin zu US-Präsident Donald Trump, die für ihre Überzeugungen keine Konflikte scheut. Rapinoe war die erste weiße Sportlerin, die sich mit dem schwarzen Quarterback Colin Kaepernick solidarisierte und auch niederkniete. Das war bereits 2016:

"Das war ein kleiner Gruß an Kaepernick und seinen Kampf. Es widert mich an, wie er behandelt wird und wie die Medien versuchen, daraus eine ganz andere Sache zu machen. Wir sollten eine sachliche Debatte über das Themas Rassismus in diesem Land führen, die beide Seiten berücksichtigt. Als Amerikanerin und Lesbe weiß ich, was es bedeutete, wenn man erlebt, dass die Flagge nicht alle unsere Freiheiten schützt…. Es ist wichtig, dass Weiße die Farbigen in dieser Sache unterstützen."

Luca Caioli, Cyril Collot: "Rapinoe"
Übersetzt von Annika Klapper
Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2020
200 Seiten, 18 Euro

Es sind mit Cyril Collot und Luca Caioli ausgerechnet ein Franzose und ein Italiener, die als erste eine Biographie über Megan Rapinoe geschrieben haben. Für Caioli, der schon viele berühmte Fußballer-Biographien verfasst hat, ist es das erste Mal, dass er sich mit einer Fußballerin beschäftigt. Und Rapinoe bietet viel Stoff, ihre Kindheit im eher ländlichen Kalifornien, abseits der Strände, ihr älterer Bruder, der wegen Drogen 16 Jahre im Gefängnis gesessen hat, ihre streng gläubigen Eltern, ihre Homosexualität, ihr Weg zusammen mit ihrer Zwillingsschwester durch die Fußball-Talentsichtungen.

Aber vor allem der politisch-gesellschaftliche Kampf, der zur Hochphase der Fußball-Weltmeisterschaft 2019 in Frankreich in ein Duell mit Donald Trump kulminiert. Es beginnt mit ihrem berühmten Ausspruch, fast beiläufig dahin genuschelt, als sie sich die Schuhe bindet für einen PR-Shooting-Termin, und im Gespräch mit einem amerikanischen Journalisten sagt, sie werde nicht ins Weiße Haus gehen, und sie glaube auch nicht, dass ihr Team überhaupt eingeladen werde:

Als das Video veröffentlicht wird, steht sie kurz vor dem wichtigen Viertelfinalspiel gegen die französischen Gastgeberinnen und erlebt einen von Trump ausgelösten Shitstorm, einen Twitterkrieg. Und was macht Rapinoe? Schießt die beiden Tore, die das Team ins Halbfinale bringt. Am Ende ist sie zum zweiten Mal Weltmeisterin, beste Spielerin und Torschützenkönigin und hat das Team in der Auseinandersetzung mit dem US-Präsidenten hinter sich.

Dem Druck widerstehen

Doch wie wäre es ausgegangen, hätte sie diese Leistung nicht gebracht? Immerhin war sie in den Jahren zuvor auch mal nicht aufgestellt worden für die Nationalmannschaft, hatte Verletzungen und Rückschläge erlitten. So geebnet, wie es im Nachhinein scheint, war ihr Weg in die Spitze nicht. Es brauchte auch den Mut und Chuzpe, dem Druck zu widerstehen. 

Die Biographie ist zwar keine kritische Auseinandersetzung mit der Person Megan Rapinoe, aber sie gibt ein umfassendes und gut zu lesendes Bild von der Ausnahmespielerin und Kämpferin gegen Rassimus und Diskriminierung.

Die Tennisspielerin Andrea Petkovic´  (picture alliance / SpainDPPI / Rob Prange)Die Tennisspielerin Andrea Petkovic´ (picture alliance / SpainDPPI / Rob Prange)

Starke Persönlichkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass sie in den Momenten der Niederlagen und Rückschläge wieder neuen Antrieb finden, wieder aufstehen und wieder neu beginnen. Immer und immer wieder.

Andrea Petkovic: "Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht"
Verlag Kiepenheuer&Witsch, Köln, 2020
272 Seiten, 20 Euro

Davon erzählt die Weltklasse-Tennisspielerin Andrea Petkovic in ihrem Buch "Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht" – es ist autobiographisch und auch wieder nicht ganz. Sie nimmt sich literarische Freiheiten, um einen Einblick in das Leben als Tennis-Profi zu geben und Erzählungen daraus zu machen. Geschichten, die unterhaltsam sind, und zugleich die Einsamkeit, und auch charakterlichen Schwächen beschreiben, die Tennisspieler oft haben. Sie sind allein auf dem Platz, spielen immer im k.o.-System, sind für sich selbst verantwortlich, es gibt keine unabhängige Autorität, die auf sie einwirkt, nicht einmal der Trainer oder die Trainerin. Was macht das mit ihr?

"Das führt dazu, dass ich meinen Trainer bezahle, dass er eine Autorität über mich ist und mir eigentlich sagt, was ich zu tun habe und dieses Paradoxe im Tennis, das ist wahnsinnig schwierig rauszukriegen und es tröpfelt natürlich nach und nach in den Charakter ein. Das heißt nicht, dass alle Tennisspieler Schweine sind, charakterliche Schweine, aber es ist natürlich eine gewisse Rücksichtslosigkeit und ein gewisser Egoismus in allen von uns drin und die Frage, die ja interessant wäre dann, ist das schon vorher so und wird man deswegen Tennisspieler oder wird man erst so, weil man Tennisspieler ist?"

Stellt Andrea Petkovic bei Deutschlandfunk Kultur in Frage. Eine, die sie nicht auflöst, nicht auflösen kann, auch wenn sie ihre Tenniskarriere sehr selbstkritisch beleuchtet.

Die Sporthelden vergangener Tage, die in die Hall of Fames einziehen und derer immer wieder gedacht wird, sind selten weiblich. So orientieren sich auch Kinder und vor allem junge Mädchen eher an männlichen Vorbildern, ziehen Trikots von männlichen Fußballstars an.

Trudy Ederle - die erste Frau, die durch den Ärmelkanal geschwommen ist. (Sammlung Eggers)Trudy Ederle war die erste Frau, die durch den Ärmelkanal geschwommen ist. (Sammlung Eggers)

Dabei gibt es Leistungen von Frauen, die stehen für die Ewigkeit. Sie sind Pionierinnen. Etwa die erste Frau, die den Ärmelkanal durchschwommen hat, Gertrude - Trudy - Ederle. 1926, im Alter von damals 20 Jahren. New Yorkerin, Kind deutscher Auswanderer. Olympiasiegerin von 1924 in Paris. Das Schwimmen gelernt hatte sie in Deutschland im Bissinger See im Landkreis Esslingen bei ihren deutschen Angehörigen. Anne-Kathrin Kilg-Meyer hat die erste deutschsprachige Biographie über sie geschrieben.

Anne-Kathrin Kilg-Meyer: "Gertrude Trudy Ederle: Eine Schwimmerin verändert die Welt"
Verlag Eriks Buchregal, Kellinghusen 2020
128 Seiten, 16,90 Euro

Eine Geschichte von Emanzipation in Jahren, in denen es weit mehr Beherztheit brauchte als heute und die bald in die Kinos kommt.

Was es im Übrigen heißt, durch eine Meerenge zu schwimmen, dem Müll, gefährlichen Quallen oder Strömungen ausgesetzt zu sein, das hat der Leistungsschwimmer André Wiersig bereits in einem früheren Sportgespräch erzählt. Jetzt hat er seine Geschichte der Durchquerung aller sieben Meerengen auch als Hörbuch aufgenommen, das gerade erschienen ist.

Zeichnung aus dem Buch "So schnell wie der Wind" - Die Startlinie des Giro d'Italia mit Alfonsina Strada neben ihren männlichen Kollegen (Joan Negrescolor, Illustration aus: "So schnell wie der Wind", Kleine Gestalten 2020)So stellt sich Joan Negrescolor den Start des Giro d'Italia 1924 vor, als die jemals einzige Frau, Alfonsina Strada, teilnahm. (Joan Negrescolor, Illustration aus: "So schnell wie der Wind", Kleine Gestalten 2020)

Aber wieder zurück zu den starken Frauen: Noch eine solche Geschichte von Emanzipation ist die von Alfonsina Strada. Die erste und bis heute einzige Frau, die beim Giro d’Italia mitgefahren ist. Der spanische Kinderbuchillustrator Joan Negrescolor hat ihre besondere Leistung in kunstvollen Zeichnungen und mit wenig Begleittext in seinem Buch "So schnell wie der Wind" gewürdigt.

Joan Negrescolor: "So schnell wie der Wind"
Die Geschichte von Alfonsina Strada
Übersetzung von Claudia Stein
Die Gestalten Verlag, Berlin 2020, 48 Seiten, 14,90 Euro

Als Kind einer armen Bauernfamilie in Italien unterstützte auch hier der Vater seine Tochter, schenkte ihr ein Fahrrad, mit dem sie ihre Leidenschaft ausleben konnte, den Jungs und später Männern Konkurrenz machte und vielen davonfuhr. 1924 meldete sie sich als Mann verkleidet für den Giro. Auch wenn bald klar war, dass hier eine Frau mitfuhr, durfte sie weitermachen. Sie sorgte für viel Aufmerksamkeit, was den Organisatoren nicht ungelegen kam. Doch heute kennt kaum noch jemand diese besondere Frau, der Joan Negrescolor als Vorbild für die junge Generation ein kleines künstlerisches Denkmal setzt.

Wie es ist, wenn immer die gleichen gewinnen – nämlich ermüdend – das greift Jens Rassmus in seinem Kinderbuch "Juhu, LetzteR"! auf. Die Olympiade der Tiere wird erst wieder interessant, als die Regeln umgekehrt werden und nicht die ersten, sondern die letzten die Gewinner sind. Aber wie funktioniert ein Wettkampf mit Umkehrung der Vorzeichen? Ein Buch, dass Kinder zum Schmunzeln bringt und den Leistungsgedanken einmal beiseiteschiebt.

Jens Rassmus: "Juhu Letzte(r)! - Die neue Olympiade der Tiere"
G&G Verlag, Wien 2020
64 Seiten, 16,95 Euro

Aber die Frage, was macht Siegertypen aus treibt Wissenschaftler schon seit jeher immer wieder an: was ist neben der Psychologie die Grundlage für Höchstleistungen, Talent, Fleiß, die Gene, die körperliche Voraussetzung, die natürlichen biochemischen Prozesse, die sich von anderen unterscheiden? Wie groß ist der jeweilige Anteil, David Epstein hat sich in einem fast 400 Seiten umfassenden Buch mit dieser Grundfrage auseinandergesetzt und dabei viel Wissen zusammengetragen, gesichertes wie umstrittenes. Nachzulesen in "Die Siegergene".

David Epstein: "Die Siegergene"
Redline Verlag, München, 2020
461 Seiten, 24,99 Euro

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