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StartseiteForschung aktuellChronisches Schädel-Hirn-Trauma bei Profisportlern25.03.2019

SportverletzungenChronisches Schädel-Hirn-Trauma bei Profisportlern

Krankhafte Veränderungen im Gehirn, die chronische traumatische Enzephalopathie CTE, findet sich überdurchschnittlich oft bei Eishockey-, Rugby- und American Football-Spielern, aber auch bei Fußballern. Noch gibt es kein Kopfballverbot auf Fußballplätzen. Experten fordern das aber dringend.

Von Anneke Meyer

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Defensive Back Greg Wesley (oben) von den Kansas City Chiefs zwingt Running Back Frank Gore von den San Francisco 49ers zu Boden während der NFL-Partie.  (dpa/Mark Coffey)
Bereits vor mehr als 10 Jahren hat die National Football League (NFL) unsichere Helm-Modelle verboten, um die Köpfe der Spieler zu schützen (dpa/Mark Coffey)
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Gestern Abend, EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande. 48. Minute, de Ligt spielt den Ball an Neuer vorbei ins Tor – mit dem Kopf. Ein Treffer, den die deutschen Fans nicht gut finden. Ann McKee ist da ganz auf ihrer Seite, wenn auch aus anderen Gründen:

"Ich denke Fußball ist ein fantastischer Sport – wenn er mit dem Fuß gespielt wird."

Zugegeben, Ann McKee ist keine Fußballexpertin. Dafür weiß die Neuropathologin der Boston University umso mehr über die Risiken, die der Kopfeinsatz im Sport mit sich bringen kann.

"Ich bin durch einen Zufall dazu gekommen die Gehirne von American Football-Spielern zu untersuchen. Und es hat mich sehr alarmiert zu entdecken, dass der Sport die Entstehung einer unheilbaren, neurodegenerativen Erkrankung begünstigt. Sie wird CTE gebannt oder chronische traumatische Enzephalopathie und ist ein bisschen wie Alzheimer, nur dass man auch schon als 20Jähriger davon betroffen sein kann. "

Stärke der Gehirnschäden korreliert mit Einsatzdauer

Bekannt ist das Krankheitsbild schon länger, vor allem bei Boxern. Wie groß das Problem auch in anderen Sportarten sein könnte, zeigt sich erst langsam. Immer mehr Fälle von Fußballern, Eishockey-, Rugby-, vor allem aber American Football-Spielern werden bekannt. Vor zwei Jahren veröffentlichte Ann McKee gemeinsam mit Kollegen eine vielbeachtete Studie, in der posthum die Gehirne von 202 American Football-Spielern untersucht wurden, von College-Niveau bis Profi-Liga. 177 davon zeigten die für CTE charakteristischen Veränderungen im Gehirn: Schäden in Frontal- und Stirnlappen, in fortgeschrittenen Stadien auch in Hippocampus und Amygdala, was die Alzheimer ähnlichen Symptome erklärt. Die Stärke der Schäden korrelierte mit der Anzahl der Jahre, die ein Spieler aktiv auf dem Feld stand.

"Ich war überrascht, wie stark die Ergebnisse kritisiert wurden. Ich hatte ja keine Ahnung, dass Football und Sport allgemein so eine Religion ist. Es ist jenseits rationalen Denkens. Dabei leuchtet es jedem Kind ein: Wenn man ständig Schläge auf den Kopf bekommt, kann das schlecht fürs Gehirn sein. Um das zu verstehen, braucht es keine große Fantasie." 

Erste Auswirkungen auf die Popularität

In diesem Sinne urteilte ein Gericht, die amerikanische Football Liga NFL habe den Zusammenhang zwischen dem Spiel und CTE willentlich unter den Teppich gekehrt. Ehemaligen Spielern wurde Schadensersatz in Milliardenhöhe zugesprochen. Die Popularität des Football leidet und immer mehr Eltern geben in Umfragen an, ihre Kinder sollten lieber einen anderen Sport spielen. Richtig so, meint Ann McKee, die Präventionsmaßnahmen seien immer noch nicht ausreichend.

"Die Verbände konzentrieren sich komplett auf das Thema Gehirnerschütterung. Das ist ein sehr wichtiges Thema, aber sie ignorieren dabei komplett, dass die Hauptursache von CTE eine andere ist. Es sind die ständigen Schläge, ohne akute Symptome, die man nicht bemerkt. In einer Saison steckt ein Spieler zwischen 700 und 1.500 davon ein. Es sind diese Schläge, die reduziert werden müssen."

Häufige Kopfbälle beeinträchtigen Gedächtnis

Jeder kräftige Schlag auf den Kopf kann winzige Schäden im Hirn verursachen. Als gelegentliches Ereignis ist das unproblematisch. In großer Häufigkeit nicht mehr. Helme können einiges abfangen und so größere Schäden, die sich als Gehirnerschütterungen bemerkbar machen, verhindern. Kleine Stöße komplett ausgleichen können sie nicht. Raufen gehört zum Football dazu. Regeländerungen, die den Kopf schützen, lassen sich schlecht damit vereinen. Beim echten Fußball ginge das schon eher – man müsste nur auf den Kopfball verzichten. Eine Studie mit Amateurspielern zeigte eine Beeinträchtigung der Gedächtnisleistung nach 1.800 Kopfbällen pro Jahr. Ob das reicht, um CTE auszulösen ist nicht abschließend geklärt. Bei Fußballern wurde die Krankheit bisher weniger oft gefunden, allerdings auch seltener gesucht. In den USA wurden Kopfbälle im Jugendsport unter elf Jahren vorsorglich komplett verboten.

"Durch ein Kopfballverbot wird nicht nur der Kontakt zum Ball verringert. Es würden auch viele Kopfverletzungen verhindert. Zum Beispiel wenn die Spieler beim Kopfballduell zusammenstoßen."

Eine entsprechende Regel für den Profi-Sport ist derzeit nicht denkbar. Allerdings haben UEFA und FIFA die Maßnahmen zum Umgang mit Kopfverletzungen verschärft. Wie ernst das genommen wird zeigte sich wiederum bei der EM-Qualifikation am Wochenende. In der Partie Schweiz gegen Georgien prallen zwei Spieler im Kopfballduell aneinander. Einer blutet, der andere verliert das Bewusstsein. Beide spielen nach kurzer Unterbrechung weiter.

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