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StartseiteKulturfragen"In rassistischen Wörtern steckt sehr viel Gewalt"23.08.2020

Sprache dekolonisieren"In rassistischen Wörtern steckt sehr viel Gewalt"

Es gibt eindeutig kolonial grundierte Begriffe wie das N-Wort. Und es gibt subtilere wie etwa "Dschungel" oder "Tropenmedizin". Im Dlf erklärte die Sprachkritikerin Susan Arndt, wann ein Wort rassistisch ist - und was man stattdessen sagt.

Susan Arndt im Gespräch mit Änne Seidel

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Berlin 20.07.2020: Straßenschilder und U-Bahnstation in der Mohrenstraße. Im Bild ist das Straßenschild Mohrenstraße durch einen Anton-W.-Amo-Straße überklebt worden. (imago-images / Christian Spicker)
Nach heftigen Protesten ist die Mohrenstraße in Berlin in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt worden (imago-images / Christian Spicker)
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Im Rahmen des Denkfabrik-Themas 2020 "Dekolonisiert euch" widmen wir uns in der Sommerreihe der Sendung "Kulturfragen" dezidiert nicht-weißen Positionen.

Übersicht: Postkoloniale Denkerinnen im Gespräch
Westliche "Ignoranz gegenüber der eigenen Ignoranz"
"Völkerkundliche Museen und rassistische Gedanken"
Die Geschichte der Philosophie muss neu gedacht werden

Was hat die Kolonialideologie bedeutet?
Sind Objekte aus kolonialen Kontexten Raubgut?
Wie dekolonisiert man Sprache?

"Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

Das schrieb der Philologe Victor Klemperer 1947 über die Sprache des Nationalsozialismus. Susan Arndt meint, unsere Sprache sei auch heute noch vergiftet – nämlich mit rassistischen Altlasten aus kolonialistischer Zeit. Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin ist Mitherausgeberin des Buchs "Wie Rassismus aus Wörtern spricht" und beobachtet den Sprachwandel in Deutschland seit vielen Jahren.

Wann ist eine Bezeichnung rassistisch? Arndt sagt: "Zunächst einmal sind alle Wörter rassistisch, die die Idee vor sich her tragen, dass Menschen nach Rassen unterteilt werden können. Und das heißt alle möglichen Wörter, die nach Hautfarben sortieren oder die Idee in sich tragen, dass es da angeblich zwei Rassen gäbe, die sich gemischt hätten, oder die eben tatsächlich nur für Afrika oder andere ehemals kolonisierte Räume Verwendung finden, nicht aber für weiße Deutsche."

Die Schrifstellerin Leila Slimani. (JOEL SAGET / AFP) (JOEL SAGET / AFP)Aufarbeitung - "Wir müssen tiefer graben"
Vom Entfernen von Denkmälern und dem Tilgen von Spuren der Kolonialgeschichte hält die französisch-marokkanische Schriftstellerin Leïla Slimani nichts. 

Ausgrenzung durch Bezeichnungen

Viel diskutiertes Beispiel ist das N-Wort, Arndt zufolge dezidiert in einem kolonialen Rahmen entstanden, als Bezeichnung für versklavte Menschen aus Afrika. "Aus dem Portugiesischen wanderte das N-Wort dann in alle europäischen Sprachen und hat nie was anderes gemeint, als Schwarze Menschen abzuwerten, den Tieren nahezusetzen und sie nur als dazu geboren anzusehen, Versklavte zu sein."

Problematisch daran sei das "Othering", die Ausgrenzung von Menschen als andersartig: "Sich selber als Norm zu erklären, als Zentrum, als Ausgangspunkt, und alle, die davon abweichen, sind die anderen, und die sind unterlegen und müssen beherrscht werden und dürfen zu Recht beherrscht werden." Das stecke schon in der griechischen Bezeichnung "Barbaren" für Menschen, die kein Griechisch sprechen.

Was sagt man stattdessen?

Einem Redeverbot komme das nicht gleich, findet Arndt. "Viele Menschen drehen das so, dann kann ich ja gar nichts mehr sagen. Ja, wie soll ich die jetzt benennen?" Vokabellücken oder Sprachlosigkeit bedeute der Verzicht auf rassistische Wörter nicht. Es gebe jahrzehntelange antirassistische Vorarbeit und entsprechend viele diskriminierungsfreie Begriffe.

Dass diese oft englisch seien, wie etwa "People of Color", liege daran, dass in Deutschland sehr lange nicht über Rassismus gesprochen worden sei. Die Diskussionen in den USA und die Black-Lives-Matter-Bewegung hätten den Diskurs nun auch in Deutschland vorangetrieben, so Arndt. Corona-Wortschöpfungen wie "Lockdown" oder "Social Distancing" zeigten übrigens, dass es keine generellen Vorbehalte gegen eine Übernahme englischer Begriffe gebe.

"Ich glaube, es geht sehr oft darum, dass Leute in der weißen Mehrheitsgesellschaft sich noch immer schwer damit tun, sich ‚vorschreiben’ zu lassen, wen sie wie benennen. Denn aus dem Rassismus heraus gibt es ja diese Tradition, dass Weiße Schwarze benennen können, wie sie das wollen. Und da sehe ich eher den Widerstand."

Am 09.08.2018 hält Nikita Dhawan, Professorin für Politikwissenschaft (Politische Theorie mit Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung) und Direktorin der Interkulturären Forschungsplattform Geschlechterforschung an der Universität Innsbruck eine Rede zum Auftakt der Ruhrtriennale 2018 in der Duisburger Gebläsehalle. (imago images / Michael Kneffel) (imago images / Michael Kneffel)Kolonialismus und Rassismus - "Ignoranz gegenüber der eigenen Ignoranz"
Europa muss die Arroganz im Umgang mit seinem kolonialen Erbe aufgeben, fordert die indische Wissenschaftlerin Nikita Dhawan. Das Berliner Humboldt-Forum etwa sei konzeptionell "feudal".

Freiheit für die einen, Joch für die anderen

Eine Einschränkung der Meinungsfreiheit sieht Arndt im diskriminierungsfreien Sprechen nicht. Rassismus sei keine Meinung.

"Und wenn diese beiden Rechte kollidieren, dann muss eben jede Person für sich selbst entscheiden: Wie wichtig ist mir das jetzt eigentlich, ein rassistisches Wort zu verwenden? Ist das jetzt wirklich mein Kampf für Meinungsfreiheit? Oder steckt da nicht letztlich doch eine sehr lange Geschichte des Rassismus dahinter, die mir als Weißer Person gar keine Grenzen setzte, darin, wie ich mit People of Colour umgehe?"

Im vergangenen Jahrzehnt habe sich bereits etwas verändert, sagt Arndt. So sei es nach hitzigen öffentlichen Diskussionen und einigen "absurden Konstellationen" etwa in Fernsehshows "dem N-Wort an den Kragen gegangen".

Drei Vorschläge zur Dekolonisierung von Sprache

Um Sprache zu dekolonisieren, schlägt Susan Arndt eine Art öffentlich eingesetzte Kommission vor wie nach der Revolution von 1989. Diese, von der Bundesregierung eingesetzte Kommission, sollte die SED-Diktatur aufarbeiten. Beteiligt gewesen seien Expertinnen und Experten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Aktivistinnen und Aktivisten und Politikerinnen und Politiker. "So was brauchen wir für Rassismus und Kolonialismus." Rassismus sei struktureller Art, das müsse auch strukturell angegangen werden.

Auf alltäglicher Ebene könne jede Person "für sich selber im Alltag Entscheidungen treffen". Wer eine "M-Apotheke" führt oder ein Lebensmittel mit rassistischer Bezeichnung verkaufe, könne diese umbenennen.

Ferner spricht sich Arndt dafür aus, den ihrer Ansicht nach unhaltbaren Begriff "Rasse" aus dem Grundgesetz zu streichen. "Ich kann nicht sagen, es gibt Rassen, und gleichzeitig sagen, es soll keinen Rassismus geben."

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