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StartseiteKultur heuteSprachkritik für alle oder der Bewusstseinsstand der Republik?21.01.2003

Sprachkritik für alle oder der Bewusstseinsstand der Republik?

Die ''Ich-AG'' ist Unwort des Jahres

Tolle Dialektik das, wenn man mit der Vorsilbe "Un" hineinfährt: da steht die Sprache Kopf, die Begriffe gehen sich selbst an die Gurgel, die Wörter vermehren sich um ihr Gegenteil und dann auch noch ihr Ungegenteil. In Frankfurt und in Unfrankfurt an der Iversität und an der Universität lehrt Professor Dieter Schlosser und forscht jedes Jahr im Ozean der öffentlichen Rede nach dem Unwort des Jahres. Das Unwort ist natürlich selbst ein Unwort; es hätte als besonders nichtssagender Neologismus schon vor zwölf Jahren zum Unwort gekürt werden können, denn so lange gibt es mittlerweile diese Auszeichnung, die ja eigentlich eine Unauszeichnung ist. Aber erst nachdem sich Schlosser mit der Wiesbadener Gesellschaft für deutsche Sprache wegen eines Kanzler-Kohl-Worts (es war der "kollektive Freizeitpark") überworfen hatte, nahm die Mannheimer Duden-Redaktion das Wort "Unwort" in ihr Wörterbuch auf. Seither wirft sich jeder auf seine Weise ins Zeug: die Wiesbadener Gesellschaft verkündet im Dezember ein "Wort des Jahres", der Frankfurter Schlosser im Januar ein "Unwort des Jahres".

Ein Beitrag von Burkhard Müller-Ullrich

Besonders unpfiffig wirkt das Ganze, wenn ein Begriff, der schon bei den einen auf der Liste stand, dann von den anderen mit Augenrollen und Schnätterätäng als philologische Furchtbarkeit angeprangert wird – wie jetzt die arme, kleine "Ich-AG". Wahrhaftig, der dahinter stehende Gedanke, der durch die Vorschläge der Hartz-Kommission eine gewisse politische Durchschlagskraft besitzt, mag einem unsympathisch sein, man mag den ganzen "Umbau des Sozialstaats" (auch das eine von der Schlosser-Truppe vor sechs Jahren gegeißelte Formulierung) für schandbar, gefährlich und falsch halten, aber die Bezeichnung "Ich-AG" ist weder "sachlich grob unangemessen" noch irgendwie "inhuman" – wie es die Kriterien der Jury vorschreiben. Der Ausdruck "Ich-AG" ist höchstens ein wenig salopp und gerade deshalb gut. Schließlich verletzt es nicht die Menschenwürde des Individuums, wenn sein Wirtschaftsverhalten auf das Niveau börsennotierter Großunternehmen projiziert wird.

Doch die Sprachwissenschaftler um Schlosser erklären mit schmallippigem Akademismus, der Begriff aus dem Hartz-Papier leide bereits "sachlich unter lächerlicher Unlogik, da ein Individuum keine Aktiengesellschaft sein" könne. Donnerwetter, wer hätte das gedacht! In dieser Perspektive leidet freilich nahezu jede frische Formulierung, alles sprachlich Schmissige unter dem von germanistischen Beckmessern verwalteten Verdikt der lächerlichen Unlogik. Ist der "West-östliche Diwan" nicht völliger Quatsch, da Himmelrichtungen nichts mit einem Sofa zu tun haben? Oder der "Zauberberg"? Können Berge vielleicht zaubern? Doch Vorsicht, Professor Schlosser und Kollegen, je näher man ein Wort ansieht, desto ferner sieht es bekanntlich zurück. Und wenn man es scheel ansieht, verliert es seinen Witz.

Mit dem Witz ist es in der fuchtelnden Frankfurter Kaffeerunde anscheinend gar nicht gut bestellt. In ihrem ächzenden Aktionismus gegen sprachliche Entgleisungen bleiben die Herrschaften weit hinter dem herrschenden Dummdeutsch. Weiß Gott, war das wieder ein reiches Jahr! Von Nachbesserung bis Nachhaltigkeit und von angedacht bis betriebsbedingt gäbe es so vieles, was sich der öffentlichen Hinrichtung empföhle. Allein, die professoralen Schulmeister stören sich lieber an der Schnodderigkeit von "Ich-AG". Mit Sandkuchen im Mund und Krümeln in der Tinte ereifern sie sich über ein angebliches Wortungeheuer, das tatsächlich das Gegenteil davon ist: ein Geheuer.

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