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StartseiteSprechstundeLob der Einsamkeit17.04.2018

SprechstundeLob der Einsamkeit

Botho Strauß, Peter Handke, Rainald Goetz: All diese Autoren haben die Vereinsamung selbst gewählt. Einsamkeit könne depressiv und melancholisch machen, aber auch zur Entstehung wunderbarer Werke führen, sagte Literatur-Redakteur Jan Drees im Dlf.

Jan Drees im Gespräch mit Martin Winkelheide

Ein Mann auf einem Steinweg (Unsplash / Julian Laurent)
Selbst gewählte Einsamkeit. Einsamkeit sei immer notwendig, erklärt "Büchermarkt"-Redakteur Jan Drees im Dlf. (Unsplash / Julian Laurent)
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Martin Winkelheide: Einsamkeit ist ein Gefühl, das krank machen kann. Das ist die eine Seite der Medaille. Es gibt aber auch Lebensformen, die selbst gewählt sind, bei denen die Einsamkeit etwas Sinnstiftendes gewinnt: im Schweigekloster beispielsweise, als Vogelkundler auf einer abgelegenen Insel – oder aber als denkender Mensch, als Philosoph oder Schriftsteller. Jan Drees ist Redakteur beim "Büchermarkt" im Deutschlandfunk. Warum ist in Ihrem Metier die Einsamkeit ein besonderes Gut?

Jan Drees: Obwohl es Lesekreise gibt, "social reading" im Internet und auch immer mehr Lesungen, bei denen Literatur als Gemeinschaftserlebnis gefeiert wird, ist die Lektüre eines Textes doch erst einmal eine sehr privative Angelegenheit. Etwas sehr Diskretes. Wer kann schon nachdenken, sich besinnen und eintauchen in so eine literarische Welt, wenn er sich im permanenten Austausch mit anderen Menschen befindet? Er muss sich ein wenig zurückziehen. Deshalb gilt auch bei uns in der Buchredaktion: Man sucht sich am besten einen Ort mit so wenig Ablenkung wie möglich und schlägt erst dann das Buch auf. Das gilt aber auch für die Produzenten der Texte, die wir dann lesen: für die Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Philosophinnen und Philosophen. Auch hier mag es auf der einen Seite den Caféhausliteraten geben, der dieses Treiben um sich herum schätzt, während er schreibt. Aber die meisten wollen doch ihre Welten entwerfen, wenn sie in Klausur gehen und künstlerisch tätig werden in der Stille und Einsamkeit, wo dann die Inspiration auf sie zukommen kann.

"Ein einsames Geschäft, das auch melancholisch machen kann"

Martin Winkelheide: Schreiben als einsames Geschäft?          

Jan Drees: Es ist ein einsames Geschäft, das auch melancholisch machen kann. Allerdings eine selbstgewählte Vereinsamung. Gleichzeitig hat schon Aristoteles alle außergewöhnlichen Männer auch als Melancholiker bezeichnet. Platon galt als Melancholiker, Sokrates auch, der Tristan aus Gottfried von Straßburgs gleichnamigem monumentalen Großroman war. Einer, das kann immer auch die Kehrseite des Schöpferischen sein, aber anders als bei denen, die unfreiwillig einsam sind, kann der Schriftsteller ja wieder heraustreten in die Welt, nachdem er sich in Klausur begeben hat….

Martin Winkelheide:  .. also die Klausur nur als kurze Phase?     

Jan Drees: Ja, der Büchner-Preisträger Rainald Goetz hat das einmal beschrieben, wie er sich Mitte der 1980er Jahre ganz allein mit Philosophie beschäftigt hat. Er ist in Klausur gegangen, und irgendwann Ende der 80er Jahre ist er wieder hinaus, in einen Münchner Club, hatte dort eine wunderbare Nacht bei dem Techno-DJ Hell und startete dann eine neue Phase. Raus aus der Einsamkeit, rein in das, was dann hinterher zu Romanen wie "Rave" geführt hat. 

"Masse ist da ja auch immer etwas Schlechtes"

Martin Winkelheide: Die Frage ist, wann ist man einsam, wann geht man ins Leben? 

Jan Drees: Das ist bei den meisten Schriftstellern die Frage. Sie schreiben alleine, und dann gehen sie hinaus und machen beispielsweise ihre Lesungen oder wirken öffentlich. Es gibt aber einige, die sich heute noch diesem Öffentlichen komplett entziehen: Botho Strauß gehört dazu, Peter Handke gehört dazu. Von Thomas Pynchon wissen wir noch nicht einmal, wie er aussieht. Die schätzen das Leben abseits der Masse. Masse ist da ja auch immer etwas Schlechtes - das hat auch zu tun mit der Frankfurter Schule, die genau diese Vermassung der Gesellschaft auch kritisiert hat. Und die Qualität dieser Literatur von eben Pynchon, Handke, Strauß zeigt doch, dass Einsamkeit etwas sehr Erstrebenswertes sein kann. 

Martin Winkelheide: … Weil produktiv?

Jan Drees: Weil es produktiv ist natürlich und weil auch etwas Passives mit einem passieren kann. Einsamkeit war immer notwendig. Auch bei den großen Propheten, um Inspiration zu bekommen, um in Kontakt mit der höheren Sphäre, den Göttern und dergleichen zu kommen. Das heißt: Einsamkeit kann depressiv und melancholisch machen. Aber sie kann auch dazu führen, dass die wunderbarsten Werke entstehen und wir auf einmal mit einer anderen, einer höheren, einer Sphäre der Ideen in Kontakt treten. 

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