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StartseiteCorsoMit dem Smartphone die Stadt abhören13.05.2014

SpywalkMit dem Smartphone die Stadt abhören

Der Kölner Kulturverein Drama Köln spielt in einem neuen Projekt mit der Datenunsicherheit: Im sogenannten Spywalk werden Zuschauer eingeladen, mit ihrem Smartphone die Stadt abzuhören. Die Initiatoren wollen Impulse zum Nachdenken über den Umgang mit persönlichen Daten geben.

Von Simone Schlosser

Eine Frau lädt während mit ihrem Smartphone ein Foto hoch. (picture alliance / dpa / Ole Spata)
Gehen wir verantwortungsvoll mit unseren Daten um? (picture alliance / dpa / Ole Spata)

"Herzlich Willkommen bei Spywalk, Ihrem mobilen Abhörprogramm. Unsere Web-App führt Sie zu Menschen, denen Sie zuhören können, auch wenn Sie sie gar nicht kennen."

Startpunkt für den sogenannten SpyWalk ist der belebte Rudolfplatz in der Kölner Innenstadt. Kopfhörer auf, und los.

"Um nun die Demoroute zu starten, drücken Sie: Demoroute starten."

Auf dem Smartphone öffnet sich eine digitale Karte. Mit der Funktion "Scan starten" kann man die Umgebung nach ungesicherten Geräten absuchen. leo_jaja_07 erscheint als ein mögliches Abhörziel. Wie die Karte zeigt, befindet sich der oder die Besitzerin gerade im Supermarkt. Das Abhören beginnt:

"Hallo? - Hallo. Ah, ich dachte, Du arbeitest vielleicht. - Was möchtest Du? - Wo bist Du? Was machst Du? - Wieso hast Du Deine Nummer unterdrückt? - Weil ich doch manchmal nach Tibet anrufe. - Ich bin im Rewe. - Ach so, ich bin auch gerade, ich bin bei Lidl. - Verwirrung."

Hinter leo_jaja_07 steckt also das Smartphone von einem jungen Mädchen. Ist es die kleine Blonde da vorne an der Kasse? Oder die mit den langen dunklen Haaren hinten bei der Tiefkühltruhe?

"Was machst du denn heute? Hallo? - Ich muss leider heute Abend arbeiten. Hallo? - Von wann bis wann musst Du arbeiten? - Leo? - Hörst Du mich? - Von sechs bis ... Ja. Hörst Du mich nicht? - Doch."

Spiel mit der Arglosigkeit von Menschen

Die Unterhaltung klingt als würde man tatsächlich gerade das Telefongespräch von zwei Freundinnen belauschen. In Wahrheit ist die Szene aber inszeniert. Der Spywalk spielt mit der Arglosigkeit der Teilnehmer. Als künstlerische Leiterin von Drama Köln hat Philine Velhagen das Projekt mit entwickelt.

"Es gibt ja so das Argument oft von Leuten, und ich habe das glaube ich auch schon mal gesagt, dass man sagt: Ist ja egal, die können von mir alles hören, ich habe nichts zu verbergen. Das jetzt mal zu überprüfen, will ich das wirklich, das jemand hört, wie ich gerade dusche oder auf Toilette bin? Und dann haben wir überlegt, was gibt es für private Momente, die doch sehr wohl schützenswert sind? Das so ein bisschen zuzuspitzen und vorzuführen, was ist eigentlich privat und was ist öffentlich?"

Diese Frage stellt sich besonders bei den Abhörstationen, bei denen man nicht nur Zeuge einer intimen Situation wird, sondern Privatsphäre auch inhaltlich ein Thema ist. Zum Beispiel in einem Parkhaus. Hier hört man über die Überwachungskamera eine Aufzeichnung vom Abend vorher. Ein junges Paar, das sich auf dem Weg zum Auto ordentlich in die Wolle bekommt:

"Ich möchte nichts von deiner Privatsphäre wissen, wenn das deine Privatsphäre ist. - Dann geh einfach nicht an meinen Rechner. - Was ist denn das für eine bescheuerte Logik, dass ich nicht mehr an deinen Rechner darf? - Weil du meine Privatsphäre nicht respektierst, verstehst du das? - Doch natürlich respektier ich sie. Aber du kannst doch einfach die Sachen löschen."

Impuls zum Nachdenken über Privatsphäre?

Solche Situationen sind eine Herausforderung für den einzelnen Teilnehmer. Im Idealfall bringen sie ihn dazu, seine individuelle Vorstellung von Privatsphäre zu reflektieren. Nicht nur innerhalb der eigenen intimen Beziehungen, sondern auch im Umgang mit Fremden. Denn manchmal möchte man gar nicht weiter hören.

"Ich will mich nicht so von die anschreien lassen. - Wo willst du hin? - Ja, hier. - Wo willst du hin? - Ich gehe zu Fuß."

"Vielleicht kommt es dazu, dass man sich schon so ein bisschen voyeuristisch fühlt oder sich selber auch dabei beobachtet, wie es einem eigentlich damit geht. Das ist auch teilweise unangenehm, was man da hört. Und man will das gar nicht hören."

Dabei spielt auch eine Rolle, dass man den Spywalk alleine macht. In den Schutzraum eines gemeinschaftlichen Theatererlebnisses kann man sich hier nicht zurückziehen.

"Das ist der Versuch oder das Experiment, sich sozusagen noch mehr von so einer gemeinsamen Vorstellung oder oder Aufführung zu verabschieden und zu sagen, jeder kann den Zeitpunkt seiner Aufführung selber bestimmen und dann für sich machen. Und trotzdem gibt es eine Bühne. Das ist auch das Theatrale daran, dass im besten Fall so was Drittes entsteht mit dem Ort und dem Gehörten. Also es ist nicht das Gleiche, ob man das jetzt Zuhause hört oder vor Ort, sondern dass der Ort sich verwandelt. Oder verschiebt. Oder in die Vergangenheit rückt."

Der Spywalk erweitert die Grenzen der Wirklichkeit. Ein kluges Theaterprojekt, bei dem man sich nie sicher sein kann, wo die Inszenierung beginnt.

"Das ist so die Frage, ob man da wirklich nicht bei abgehört wird, weil alle Einstellungen, die man vornehmen muss, um den zu machen, machen eigentlich Tür und Tor auf zu deinen Daten."

"Demoroute beendet. Vielen Dank für Ihr Interesse. Mit unserer Vollversion haben Sie Zugang zu allen für Sie relevanten Daten. Diese App war für Sie kostenlos, aber nicht umsonst. Vielen Dank für Ihre Daten."

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