Dienstag, 15.06.2021
 
Seit 09:30 Uhr Nachrichten
StartseiteSport am WochenendeDer Schlingerkurs des chinesischen Fußballs07.03.2021

Staat fordert EntkommerzialisierungDer Schlingerkurs des chinesischen Fußballs

Die chinesische Regierung ruft nach Jahren exzessiver Investitionen zu mehr Nachhaltigkeit im Fußball auf. Als erste Maßnahme müssen sich jene Vereine in der Chinese Super League, die den Namen eines Sponsoren tragen, umbenennen. Fans befürchten einen fundamentalen Umbruch im chinesischen Fußball.

Von Constantin Eckner

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Carlos Tevez schirmt den Ball vor Axel Witsel ab (picture alliance / Liu Xin/HPIC/dpa | Liu Xin)
Carlos Tévez (l.), Axel Witsel (r.) und andere internationale Fußballstars gingen während ihrer Karrieren nach China (picture alliance / Liu Xin/HPIC/dpa | Liu Xin)
Mehr zum Thema

Technologie-Konzern Alibaba Chinesischer IOC-Sponsor unter staatlicher Regie

"China-Bubble" im Tischtennis "Wichtig, dass wir uns wieder zeigen"

Menschenrechtsaktivist Hanno Schedler "Thomas Bach verdient keinen Friedenspreis"

Olympische Winterspiele 500 Tage bis zur Eröffnung in Peking

Was haben Sandro Wagner, Marek Hamšík, Axel Witsel und Carlos Tévez gemeinsam? Alle sind international bekannte Fußballstars, die sich während ihrer Karrieren dazu entschieden, nach China zu gehen. Es war nicht unbedingt die sportliche Herausforderung, sondern Geld, das sie in die Chinese Super League gelockt hat. Vor einigen Jahren gab die Regierung das Ziel aus, dass China bis 2050 zu einer Fußball-Supermacht aufsteigen soll. Prompt begannen die Vereine hohe Summen zu investieren. Sportökonom Simon Chadwick, der unter anderem in Shanghai lehrt, erinnert sich:

"Es gab diese Vision, aber keine Strategie. Aus meiner Sicht zeigte das Beispiel von Carlos Tévez, wie alles in die falsche Richtung ging. Er verdiente angeblich 750.000 Euro pro Woche. Als er nach dem Vertragsende nach Argentinien zurückkehrte, erzählte er allen, dass er zum Urlaub in China war. Der Fußballverband und die Regierung realisierten, dass diese Ausgaben nicht der Entwicklung des Sports dienlich waren."

Regierung will mehr Nachhaltigkeit 

Nun die große Wende: Die Regierung von Xi Jingping möchte, dass der Fußball nachhaltiger wirtschaftet. Diese Aufforderung hängt unter anderem mit dem neuen Fünf-Jahres-Plan der Kommunistischen Partei zusammen. Die Machthaber in Peking streben wieder größere staatliche Kontrolle an und wollen die kommerziellen Interessen von Unternehmen einschränken.

Logo von Alibaba (dpa / picture alliance / Imaginechina / Da Qing) (dpa / picture alliance / Imaginechina / Da Qing)Technologie-Konzern Alibaba - Chinesischer IOC-Sponsor unter staatlicher Regie
Der chinesische Technologie-Gigant Alibaba ist einer der Top-Sponsoren der Olympischen Spiele. Jetzt will Chinas Regierung den Konzern verstärkt regulieren. Die Sorge, dass das Sponsoring unter den Problemen des Konzerns leidet, scheint sich aber beim IOC in Grenzen zu halten.

Der Fußballverband reagierte umgehend mit drastischen Maßnahmen. Darunter auch folgende: Die Vereine, die in der Regel den Namen eines Sponsoren tragen, sollen sich unverzüglich umbenennen. Aus Guangzhou Evergrande wird Guangzhou FC, aus Jiangsu Suning wird Jiangsu FC, aus Tianjin TEDA wird Tianjin Tigers. Man muss wissen: Evergrande, Suning und TEDA sind bekannte Unternehmen in China. Das Vorgehen ruft bei Korrespondent Cameron Wilson Kopfschütteln hervor:

"Es ist so typisch für den chinesischen Fußball. Sie vollstrecken diese neue Regel auf eine extreme Art und Weise. Es gibt diesen psychischen Druck von Seiten des Verbands. Wenn gewisse Ansagen von oben kommen, folgt denen jeder. Wenn Xi Jingping etwas über die Nachhaltigkeit im Fußball sagt, ändert jeder sofort die internen Strukturen." Nach Jahren der immensen Kommerzialisierung folgt nun die große Entkommerzialisierung. 

Fans protestieren gegen Einmischung des Staates

Aus europäischer Sicht wäre es nicht ungewöhnlich, würden sich Fans darüber freuen, dass der Einfluss von Unternehmen im Fußball minimiert wird. In China sind die Fans aber mit den alten Vereinsnamen aufgewachsen. Fangruppen aus Peking, Shanghai, Henan, Zhejiang und Tianjin schlossen sich deshalb kürzlich zusammen und protestierten gegen das radikale Vorgehen des Fußballverbands. An einigen Orten haben sie ihren Protest auf die Straße getragen.

Jubel in Peking nach Bekanntgabe des Zuschlags für die Olympischen Winterspiele 2022. (picture alliance/dpa/Rolex Dela Pena) (picture alliance/dpa/Rolex Dela Pena)Unterdrückung der Uiguren in China - Kritik an Olympia 2022 in Peking nimmt Fahrt auf
Die Situation der unterdrückten ethnischen Minderheit der Uiguren in China hat sich nach den Sommerspielen 2008 in Peking verschlechtert – entgegen der Einschätzung der Olympia-Befürworter. Dennoch will das IOC im kommenden Jahr wieder Olympische Spiele in Peking austragen, diesmal im Winter. Die Stimmen der Kritiker werden angesichts anhaltender Menschenrechtsverletzungen immer lauter.

Bei einer Kundgebung in Henan entrollten Fans ein Banner vor dem Stadion ihres Vereins. Darauf stand geschrieben: "Schande! Ihr seid Verräter des Fußballs. Ihr habt unsere Träume und unseren Glauben missbraucht." Ein aktiver Fan äußert sich im Gespräch mit dem Deutschlandfunk zur Willkür des Fußballverbands. Aus Angst vor Repressalien möchte er anonym bleiben und nur Joe genannt werden.

"Wir Fans glauben, dass dieses ganze Umbenennungsdrama nur geschieht, weil der Chef des Fußballverbands unbedingt Resultate vorzeigen möchte. Die fünf größten Ultragruppen schlossen sich deshalb zusammen, um gegen die Entscheidung des Verbands zu protestieren. Aber anschließend wurden wir, die den Protest organisierten, von der lokalen Polizei kontaktiert. Es wurde gesagt: Ihr könnt eure Meinung äußern, aber versammelt euch nicht öffentlich und macht keinen Ärger."

Joe ist aber nicht nur ob der staatlichen Eingriffe aufgebracht. Er ist besorgt, dass einige Vereine verschwinden werden. Auch Simon Chadwick glaubt, dass es in diesem fundamentalen Umbruch noch einige Opfer geben wird. "Wir erleben einen wirtschaftlichen und politisch motivierten Schrumpfungsprozess. Der wird weitergehen. Von jenen Vereinen, die übrig bleiben, wird erwartet, dass sie disziplinierter haushalten und sich zudem einem politischen Zweck unterwerfen." 

Geht es nach dem Willen des Fußballverbands, sollen fortan nur sogenannte Bainianjulebu, also einhundertjährige Vereine, existieren. Doch die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass im chinesischen Fußball normalerweise nicht in solchen Dimensionen gedacht wird. Schon in ein paar Jahren könnte alles wieder ganz anders aussehen.    

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk