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StartseiteComputer und KommunikationStaatstragend und vielversprechend11.06.2011

Staatstragend und vielversprechend

Das neue Internetprotokoll IPv6 in der Praxis-Phase

Internet.- Am Mittwoch fand weltweit der sogenannte IPv6-Tag statt. Dabei wurde das neue Internetprotokoll erstmals flächendeckend im Einsatz getestet. Nötig wurde IPv6, weil das bisherige Protokoll an seine Grenzen gestoßen ist. Das Problem: Die maximale Anzahl der dabei möglichen Internetseiten ist fast ausgeschöpft.

Von Maximilian Schönherr

"Endziel ist natürlich, dass irgendwann IPv4 abgeschaltet werden kann."  (Stock.XCHNG / Daniel V.)
"Endziel ist natürlich, dass irgendwann IPv4 abgeschaltet werden kann." (Stock.XCHNG / Daniel V.)

Das Internet ist ein sich im Wesentlichen selbst regulierendes System. Wenn irgendwo ein Datenkabel durchschnitten ist, sucht es sich automatisch einen anderen Weg zum Ziel. Warum mischt sich dann die Bundesregierung bei einem neuen Internetprotokoll ein? Ist das nötig?

"Wir haben zwei Gründe. Zum einen sind wir nach der Grundgesetzänderung im Jahr 2010 selbst verantwortlich für Netzwerkinfrastruktur."

Also dafür, dass das Internet hierzulande stabil läuft, meint die Referentin im Bundesinnenministerium Constanze Bürger.

"Und wir haben zwei große Netzwerkinfrastrukturprojekte, die wir im Moment migrieren oder migriert haben. Das ist einmal das Netze des Bundes, die Konsolidierung der Regierungsnetze, und dann haben wir das Verbindungsnetz der Länder. Zum einen sind wir eben selber großer Nutzer, und das zweite ist, dass wir auch neue Technologien fördern und ganz klar der Meinung sind, dass es ohne IPv6 nicht mehr gehen wird. Und an der Stelle sagen wir: Wir würden doch gerne in der Industrie dafür Werbung machen, dass genug IPv6-fähige am Markt da sind, damit die Nutzer entsprechend v6-fähige Produkte bekommen können."

Die Bundesregierung und der Deutsche IPv6-Rat bewerben das neue Protokoll mit großen Worten. Jeder Mensch könne angeblich einige tausend IP-Adressen gebrauchen

Wilhelm Boeddinghaus, Strato:

"Es gibt einige wenige Anwendungen, die sich heute schon nur für v6 eignen",

meint Wilhelm Boeddinghaus, Leiter der Abteilung Netzwerke bei der Strato Rechenzentrum AG, Berlin.

"Das sind Anwendungen aus der Wissenschaft. Zum Beispiel wenn ich ein Sensornetzwerk um einen Vulkan baue, um herauszufinden, wie sich der Vulkan verhält, dann brauche ich so viele Adressen, dass es sich anbietet, das mit v6 aufzubauen. Und da kommen auch solche Autokonfigurationsmechanismen ganz gut zupass."

IPv6 ist also mehr als nur ein größerer Adressraum. IPv6-Geräte finden sich leichter gegenseitig, können sich effektiver absprechen. Natürlich mit neuen Routern, die das Protokoll bedienen.

Auch wenn die Versprechungen groß sind und der IPv6-Welttag keine großen Probleme aufwarf: v6 wird tiefgründig in die Informatik eingreifen, unter anderem den Umgang mit Daten und Datenschutz umwälzen. Der Programmierer Lutz Donnerhacke von der IKS GmbH in Jena hält zum Beispiel Tunnel- und Proxy-Lösungen wie Virtuelle Private Netzwerke (VPN) künftig für unnötig. Mit VPN loggen sich heute Firmenmitarbeiter typischer Weise von zu Hause oder unterwegs aus verschlüsselt ins Firmennetz ein.

"Mit IPv6 können wir sagen: Wir können auf diesen ganzen Quatsch verzichten. Wir können jedes Gerät direkt ansprechen, und es ist eigentlich ziemlich egal, ob wir irgendwo eine Filterung im Vorfeld einschalten, die dann hinterher durch einen Proxy-Dienst umgangen wird, oder ob wir einfach sagen: Wenn wir’s eh umgehen können, lassen wir’s weg und filtern an der Stelle, wo’s wirklich wichtig ist."

Nämlich direkt an den Daten. Keine großen Firewalls mehr vor der Firma, die dann gehackt werden können, sondern individuell geschützte, verschlüsselte Dokumente. Ich mache quasi kein großes Schloss an mein Fahrrad, sondern programmiere die Pedale um.

Donnerhacke:

"Wir haben eigentlich nicht mehr den zentralen Datenspeicherplatz, den wir schützen können, sondern wir müssen dafür sorgen, dass Daten aus sich selber heraus geschützt sind. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass irgendein Dienstleister es für uns tut. Dann passieren auch solche Sachen wie bei Sony nicht. Dazu muss man eben die Daten selbst schützen und sich nicht auf die Infrastruktur verlassen."

"Vergleichbar ist eine solche Umstellung mit der Einführung des Euro oder auch das Jahr 2000",

sagt Wilhelm Boeddinghaus von Strato.

"Aber das Jahr 2000 stand im Kalender, der Euro stand im Gesetz, und bei v6 tut es das jetzt nicht. Aber es ist auch kein wirklicher Umzug. Wir konfigurieren es jetzt parallel, und werden dann sehen, wie lange IPv4 noch am Leben bleibt. Endziel ist natürlich, dass irgendwann IPv4 abgeschaltet werden kann."

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