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StartseiteSonntagsspaziergangIerissos im Norden Griechenlands03.11.2019

Stadt aus der AntikeIerissos im Norden Griechenlands

Dass Ierissos ein Ferienort ist, ist nur wenigen Griechenland-Touristen bekannt. Doch hier treffen Traditionen auf unbebaute Naturlandschaften. Eine Jahrhunderte alte Schiffswerft, einen speziellen Thunfisch und einen Rekord-Fetakäse können Besucher entdecken.

Von Marianthi Milona

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Blick von der Hügelspitze der Akanthos-Ruine durch Pinienwälder auf das Mittelmeer  (Imago / Naki Kouyioumtzis)
Ierissos hieß in der Antike Akanthos und liegt unweit des Bergs Athos (Imago / Naki Kouyioumtzis)
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"Diese Stadt ist an einem strategisch wichtigen Punkt erbaut. Sie liegt am Isthmus des dritten Fingers der Halkidiki, dem berühmten Xerxes-Kanal. Somit war es ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für die Transportwege der Antike. Derjenige, der vom Schwarzen Meer oder Istanbul, dem früheren Byzanz, nach Südgriechenland wollte, musste unweigerlich am Hafen von Ierissos vorbei. Wir wissen heute, dass Ierissos auch für Händler aus Athen ein attraktiver Ort gewesen ist. Sie kamen aus dem Süden hier her, um ihre Waren an die Reisenden anzubieten."

Das erklärt mir Christos Karastergios. Seines Zeichens Historiker, Lehrer, aber auch Bäckermeister von Ierissos. Gemeinsam mit seinem Bruder hat er den erlernten Beruf aufgegeben, um die Bäckerei des Vaters nach dessen Tod zu übernehmen. Weil er damit die Familie besser ernähren konnte, als mit seinen früheren Beruf, erklärt er. Das Brot von Christos Karastergios ist in der gesamten Gegend bekannt. Sein Vater buk früher auf der Mönchsrepublik Athos und hatte von dort viele alte Mönchsrezepte mitgebracht. Sein guter Ruf als Mönchsbäcker eilte ihm voraus.

Und die Qualität seines Brotes ist bis heute in der Region im Geschmack nicht zu übertreffen. In der wenigen Freizeit, die Christos Karastergios bleibt, ist er in der Gemeinde aktiv. Er wird nicht müde von der Geschichte seines Heimatorts zu sprechen. Er erklärt mir, dies sei sein liebstes Hobby:

"Akanthos, so wie der Ort in der Antike hieß, hatte reiche Bodenschätze und war ein Staatsstaat mit einem dazugehörenden weiten Binnenland. Doch das wofür es im Ausland bekannt und angesehen war, das erkennen wir auf den Prägungen seiner Münzen, die unter anderem einen Weinstock abgebildet haben. Es wurden also damals schon gute Weine hier gekeltert. Wir haben heute Wein-Amphoren aus Akanthos in Spanien, in Marseille und auf Malta gefunden, aber auch in Vordereisen, dem damaligen Mesopotamien."

Neues traditionelles Holzboot wird in Ierissos ins Meer gelassen (Imago / Naki Kouyioumtzis)Ein neues traditionelles Holzboot wird in Ierissos ins Meer gelassen (Imago / Naki Kouyioumtzis)

Darüber hinaus siedelte sich im antiken Akanthos zeitweise das persische Heer unter der Führung des König Xerxes an. Xerxes heuerte aus Akanthos Arbeiter, für den Bau des nach ihm benannten Xerxeskanals. Ohne diesen Kanalbau hätte das persische Heer vermutlich niemals den Weg bis vor die Tore Athens geschafft. Und das war lange bevor der makedonische König Philipp II. und später auch sein Sohn, Alexander der Große, die Region annektierten.

Keine Infrastruktur in Ierissos

Dennoch ist die Geschichte von Ierissos bis heute genauso wenig bekannt, wie auch seine Rolle als gemütlicher Ferienort. Kein Hinweisschild zu einem Strand, einem Hotel oder einer Pension sind vorhanden. Der Weg hinunter zum Strand ist von der Hauptstraße überhaupt nicht sichtbar, geschweige denn ausgeschildert. Ein paar kleine grüne Plätze, ein Gemeindehaus, diverse Einzelhandelsgeschäfte, eine Bank, ein Kiosk und ein Café entlang der Durchgangsstraße, vermitteln den Eindruck, Ierissos sei eher ein verschlafenes Städtchen des Binnenlands der nordgriechischen Halbinsel Halkidiki. Aber sicher kein Ort, an dem man seinen Urlaub verbringen könnte.

Die Durchgangsstraße reißt die 3.500 Seelengemeinde auseinander. Es gibt eine ältere, am Hang gelegene Siedlung und einen neuen Stadtteil, der sich in Meeresnähe erstreckt. Für die meisten Fremden ist diese Hauptverkehrsader lediglich der Weg, der zur 20 Kilometer entfernten Grenze der Mönchsrepublik Athos führt. Sobald man von der Hauptstraße links abgebogen ist und die Straße Richtung Meer hinunterfährt ändert sich das Ortsbild. Jetzt übernehmen immer mehr Touristenbuden die Führung. Auch gibt es Häuser, die Zimmer zur Übernachtung anbieten.

Naturlandschaft am Strand von Ierissos

Und direkt am Meer angekommen, erstreckt sich vor dem Auge des Betrachters eine kilometerlange Uferpromenade, die oberhalb eines weit ausgedehnten groben Sandstrands angelegt worden ist. Die meisten Touristen sind überrascht, wenn sie diesen Punkt erreicht haben. Denn oben auf der Hauptstraße, vermutet niemand die Existenz einer solch bemerkenswerten und unbebauten Naturlandschaft. Nicht ohne Grund gilt die Region hier noch als sehr fischreich. Der Fischhandel ist immer noch größer als in anderen Regionen des Landes. Vor allem wegen eines ganz bestimmten Fisches, erklärt mir der kulturinteressierte Bäcker Christos Karastergios:

"Orkini ist eine Thunfischart, die sich bis heute an unseren Stränden niederlässt. Dieser Fisch kommt seit Jahrtausenden vom Schwarzen Meer über die Dardanellen, um an der Küste von Ákanthos zu laichen. Leider wird er inzwischen von türkischen Fischern abgefangen. Deshalb hat sich der Orkini Bestand sehr reduziert. In früheren Zeiten aber wurden sie durch die Strömung überall an Land gespült. Wir werden bis heute Orkinádes, also Orkíni-Menschen genannt, weil wir sie fangen und weiterverarbeiten."

Blick auf Ierissos und das Meer (Imago / Naki Kouyioumtzis)Blick auf Ierissos und das Meer (Imago / Naki Kouyioumtzis)

Traditioneller Bootsbau

Nur wenige Meter vom Badestrand entfernt befindet sich eine ganz andere Attraktion: Die traditionellen Schiffswerften von Ierissos. Bereits seit dem 18. Jahrhundert werden hier kleine Schiffe, Fischkutter und Privatbratschen angefertigt. Nach traditioneller Bauart und durch viel Handarbeit. Ierissos liegt dafür geographisch günstig. Die Region besitzt ein reiches Waldgebiet und bietet somit die Möglichkeit an Kiefer und Pinienholz, das Basismaterial für den Bootsbau, heranzukommen.

An diesem Morgen begrüßt mich auf einer dieser Werften Dimitris Ioannou, Schiffsbauer in der vierten Generation. Er wirkt entspannt, denn die Auftragslage sei momentan gut, sagt er.

"Wir haben noch immer viel zu tun. Das nenn ich Glück. Wir müssen zehn bis 15 Reparaturen im Jahr schaffen und bis zu fünf neue Boote bauen. Die Aufträge kommen von überall. Im letzten Jahr haben wir sogar ein Boot für einen Deutschen gebaut. Der hat es noch nicht abgeholt. Sein Boot liegt aber bereits am Hafen und wartet auf ihn. Es ist 13 Meter lang. Und ist also kein klassischer Fischkutter geworden. Der Kunde wollte ein Boot zum herumschippern haben. Das haben wir ihm dann gemacht. Sie müssen für eine solche Arbeit mit circa 30.000 Euro rechnen."

Fischerboote im Hafen von Ierissos (Imago / Naki Kouyioumtzis)Im Hafen von Ierissos liegen Fischerboote (Imago / Naki Kouyioumtzis)

Dass die Werften noch existieren ist ein Wunder. Denn vor ein paar Jahren erst wurden alle Bootsbesitzer und Fischer der Region per neuer gesetzlicher EU-Regelung dazu verpflichtet ihre Boote zu zerstören. Ein gutes Mittel, meinte man irrtümlicherweise damals, um der Überfischung ein Ende zu setzen. Niemand dachte darüber nach, dass damit auch das traditionelle Gewerbe des Schiffsbaus lahmgelegt werden könnte.

Rekord-Feta aus Ierissos

Ierissos hat aber noch eine weitere nennenswerte Sehenswürdigkeit, die man nicht unerwähnt lassen sollte: Eine Käserei, in der momentan der exklusivste griechische Ziegenkäse entsteht. Die Griechen nennen ihn Feta und in Ierissos wird der teuerste im Land hergestellt. Im kleinen Käseladen treffe ich mich mit Jiannis Stathoris, den Käsemacher und vermutlich berühmtesten Ierissioten.

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr groß, dass man in Griechenland zum ersten Mal von Ierissos hört, wenn man seinen Ziegenkäse gekauft hat. Täglich werden hier 25 Tonnen Ziegenmilch verarbeitet. Mit einer Jahresproduktion von 550 Tonnen Feta-Käse:

"Unser Leitprodukt ist der Ziegen-Stein-Feta, aus 100 Prozent Ziegenmilch. Mit diesem Käse sind wir ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen worden. Das war am 29. Dezember 2010. Dieser wog am Stück 939 Kilogramm. Sie müssen sich einmal vorstellen, dass der normale Käseblock, den wir herstellen etwa 2,5 Kilo schwer ist. Wir haben also diesen Quader um das 400-fache vergrößert und er wog somit fast 1 Tonne. Inzwischen bieten wir aber noch 18 weitere Käsesorten in unserem Sortiment an."

Erstaunlich dabei ist, dass der Ziegenkäse von Ierissos zu 99 Prozent im Land verköstigt wird. Obwohl er in Preis und Qualität ganz oben auf der Liste der Ziegenkäsehersteller rangiert. Bei einem Besuch von Ierissos kommen also Viele auf ihre Kosten: Freunde der Antike, Fischliebhaber, Badelustige, Geschichtenerzähler, Liebhaber südländischer Folklore und Entdeckungsfreudige auf kulinarischem Gebiet. Davon erzählen kann man bekanntlich überall. Doch zum Nachschmecken bleibt uns nichts anderes übrig, als persönlich nach Ierissos vorbeizuschauen.

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