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StartseiteSonntagsspaziergangStadt der roten Klapprosen29.11.2009

Stadt der roten Klapprosen

Das westflandrische Ypern und seine Schlachtfelder

In der westflandrischen Stadt Ypern sind die Ereignisse des ersten Weltkriegs noch immer so präsent wie sonst wohl nirgendwo. Vier Jahre lang wurde in dem Ort ohne Unterbrechung gekämpft. Wohl deshalb wird den zahlreichen vermissten Soldaten noch heute täglich gedacht.

Von Nicole de Bock

Tuchhallen von Ypern (Nicole de Bock)
Tuchhallen von Ypern (Nicole de Bock)
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"Das hier ist ein bekanntes Denkmal, an dem sich jeden Tag um 20 Uhr eine Menschenmenge versammelt. Das Monument erinnert an die Toten des Ersten Weltkriegs, in erster Linie an die Engländer aus dem gesamten Commenwealth. Viele Besucher hier sprechen Englisch."

Ein Tourist in Ypern am sogenannten Menentor, dem bekannten Kriegsdenkmal in Form eines römischen Triumphbogens. Jeden Abend seit der Errichtung 1927 wird hier unter allen Witterungsbedingungen um 20 Uhr durch Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr die "Last post" geblasen, ein Zapfenstreich für die vermissten Soldaten.

Heute Abend ergreift Albert Leach, ein Engländer aus Manchester das Wort.

"Ich komme regelmäßig hierhin, vier oder fünf mal pro Jahr. Man hat mich darum gebeten, heute Abend die Ansprache zu halten. Ich rezitiere unter anderem ein Gedicht, das ich für die Gefallenen geschrieben habe."

Albert Leach hat sich für seine Verse inspirieren lassen von dem Gedicht "In Flanders Fields, the poppies blow”. Dieses Gedicht wurde während des Ersten Weltkrieges von dem Kanadischen Soldaten John McCrae verfasst. Es spricht über die Klapprosen, die zwischen den Kriegsgräbern und um die Schützengräben herum blühten. So ist die Klapprose das Symbol dieses Krieges geworden und darum sind viele der Blumenkränze am Denkmal aus Klapprosen gemacht. Auch heute werden Blumen niedergelegt und die Zeremonie kann immer noch begeistern. Ein Mitglied der freiwilligen Feuerwehr in Ypern:

"Jeden Abend wird hier die Last Post geblasen. Ich mache schon 54 Jahre mit. Ich bin einer der ältesten Bläser: ich bin 83. Ich mache das als Hommage an die gefallenen Soldaten von 1914-'18. Die Australier, die Neu-Seeländer, und viele andere Nationalitäten haben mit ihrem Kampf im "Westhoek" viele Menschenleben gerettet. Fast 55.000 Namen sind hier in dem Monument eingraviert, Namen von vermissten Soldaten, die kein Grab haben. Für sie blasen wir."

Das Menentor ist nicht der einzige Ort in Ypern, wo die Erinnerung lebendig gehalten wird. Im Museum "Flanders Fields" wird die Geschichte des Ersten Weltkrieges ausführlich erzählt. Mit mehr als 500 Originalobjekten, alten Waffen und Tondokumenten kommt man dem Krieg schmerzhaft nahe. Die Dauerausstellung erklärt auch, wie in Europa jahrzehntelang auf einen Krieg hin gelebt wurde. Dominiek Dendooven, Mitarbeiter im Museum:

"Hier ist ein ganzer Schaukasten voll mit Spielzeug und Kinderbekleidung, die militärisch inspiriert ist. Es gibt hier ein Spiel, das in vier Sprachen verteilt wurde mit dem Titel: 'Der Völkerkrieg'. Hier sieht man ein kleines Schießeisen, das in Frankreich verwendet wurde für Militärtraining in der Schule. Man erkennt auch auf wen gezielt wurde, nämlich auf einen deutschen Soldaten mit einer Pickelhaube. Kinder wurden also von jung an trainiert, um später in den großen Krieg , der eh nicht zu vermeiden war, als Soldat zu ziehen.".

In dem großen Krieg wurden schließlich etwa 60 Millionen Menschen eingesetzt! 600.000 Tote wurden nur an der Front in Flandern gezählt.

"Ypern ist eine der wichtigsten Schauplätze des ersten Weltkrieges, weil hier vier Jahre lang ohne Unterbrechung gekämpft worden ist: Auf der einen Seite der Frontlinie die Deutschen, auf der anderen Seite die Alliierten, in dieser Region vor allem Engländer. Ypern war eine der letzten Städte, die im Oktober 1914 noch nicht von einer der beiden Kriegsseiten eingenommen war. Weil hier der letzte Teil der britischen Armee besiegt wurde, hat Ypern für die Briten eine symbolische Bedeutung bekommen, bis heute."

"Unser Museum liegt im Herzen der Stadt und die Stadt liegt im Herzen der Schlachtfelder. In einem Kreis von 15 Kilometern um die Stadt herum gibt es mehr als 160 Militärfriedhöfe mit Toten aus dem Ersten Weltkrieg und Monumenten, die daran erinnern!"

Eine Sonderausstellung im Museum zeigt, wie auch Soldaten aus allen Kontinenten, unter anderem aus den Britischen und Französischen Kolonien, an diesem Krieg hier beteiligt waren. Viele dieser Männer mussten in den Kampf ziehen. Etwa 140.000 Chinesen arbeiteten hinter der Frontlinie.

"Das sind zwei Granathülsen, die von Chinesen dekoriert wurden. Sie haben Blumen und Schmetterlinge in das Kupfer geritzt und einen chinesischen Text. Wir haben den Text untersucht: es ist ein klassisches chinesisches Gedicht aus dem achten Jahrhundert und es handelt von Heimweh, Heimweh nach China!"

Um Ypern herum zeugen auch die zahllosen Militärfriedhöfe von der multikulturellen Anwesenheit im Ersten Weltkrieg. Stadtführer Henri Braem:

"Dies ist der Grabstein eines Maori, eines Soldaten aus Neuseeland. Es war ein gewöhnlicher Schütze, er hieß Nehe Patara. Er wurde getötet am 31. Dezember 1917 und war erst 24 Jahre alt."

Die Westflandrische Stadt Ypern, in der der Erste Weltkrieg so präsent ist, hat aber noch andere Anziehungspunkte zu bieten. So ist Ypern stolz auf den zweitgrößten Marktplatz Belgiens. Überall sieht man hier Reihenhäuser im flämischen Stil, mit den typischen Treppengiebeln.

Der kleine Fluß "Ieperlee", ist aus dem Zentrum der Stadt verschwunden; heute hört man nur noch das Wasser der Fontäne, inmitten des Marktplatzes. Der Platz ist gesäumt von eindrucksvollen Gebäuden, allen voran die Tuchhalle, für die der Graf und die Gräfin von Flandern bereits um 1200 den ersten Stein legten.

"Die wunderschöne Tuchhalle ist errichtet worden für die Lagerung von Wolle aus England und als Stapelplatz für das fertige Tuch, bevor es verkauft wurde. Ypern verdankt seinen Reichtum der Tuchherstellung. An dem Gebäude selbst wurde 44 Jahre gebaut, vollendet wurde es 1304."

Das neogotische Gebäude mit seinen zahllosen Fenstern mit Spitzbögen hat einen majestätischen Turm in der Mitte:

"Der Belfried ist 70 Meter hoch. Oben im Turm ist ein Glockenspiel installiert, das jede halbe Stunde zu hören ist. Von der zweiten Etage des Belfrieds werden nach dem Katzenumzug die Katzen aus dem Fenster geworfen."

Ypern ist nämlich auch bekannt als Katzenstadt: jedes dritte Jahr wird hier ein Katzenumzug organisiert. Die Geschichte mit den Katzen geht zurück bis ins Mittelalter. Damals hatte man hier Ärger mit Mäusen, die das kostbare Tuch in den Hallen anknabberten. Man setzte Katzen aus um das Problem zu lösen. Die Katzen vermehrten sich rasant, bis sie ebenfalls eine Plage geworden waren. Ab dann warf man Katzen vom Belfriedturm in die Menge. Jetzt werden Gott sei Dank nur noch Spielzeugkatzen herunter geworfen.

Ypern zählt heutzutage mit seinen 35.000 Einwohnern weniger Seelen als in der glorreichen Zeit der Tuchproduktion. Aber die Touristen, die aus aller Welt hierhin kommen, um die Schauplätze des Ersten Weltkrieges zu sehen, lassen die Stadt nicht verblassen. Jeden Abend um 20 Uhr, wenn in Anwesenheit von Hunderten Besuchern die "Last Post" geblasen wird, wird die historische Bedeutung der Stadt wieder lebendig.

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