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StartseiteKalenderblattStadt in Trümmern02.10.2009

Stadt in Trümmern

Vor 65 Jahren scheiterte der Warschauer Aufstand gegen die deutsche Besatzung

Er war eine der großen Tragödien des 20. Jahrhunderts: der Warschauer Aufstand von 1944. Doch hierzulande werden diese Kampfhandlungen häufig mit dem Warschauer Gettoaufstand von 1943 verwechselt. In Polens Hauptstadt erinnert heute ein Museum an die Geschehnisse vor 65 Jahren.

Von Doris Liebermann

Soldaten der polnischen Heimatarmee kämpfen auf den Barrikaden Warschaus (AP)
Soldaten der polnischen Heimatarmee kämpfen auf den Barrikaden Warschaus (AP)

"Hier ist der Sender der Armija Krajowa"

Der letzte Schuss im Warschauer Aufstand fiel am Abend des 2. Oktober 1944 – um 19 Uhr Warschauer Ortszeit. Den ganzen Tag hatten zähe und mühsame Verhandlungen zwischen polnischen und deutschen Unterhändlern um den Kapitulationsvertrag stattgefunden. Einen Tag später veröffentlichte der im Untergrund agierende polnische Ministerrat noch einen letzten Aufruf "An das polnische Volk", in dem er das Ausbleiben wirkungsvoller Hilfe aus dem Ausland beklagte.

"Unser Aufstand scheitert zu einem Zeitpunkt, an dem unsere Armeen im Ausland bei der Befreiung Frankreichs, Belgiens und Hollands mithelfen. Wir halten uns mit einem Urteil über diese Tragödie zurück. Möge Gott der Gerechte ein Urteil über das schreckliche Unrecht fällen, das der polnischen Nation widerfahren ist, und möge er die Täter bestrafen."

1944 deutet alles darauf hin, dass das Deutsche Reich bald zusammenbrechen wird. Die sowjetische Sommeroffensive erreicht in schnellem Tempo immer neue Städte und Gebiete und nähert sich der polnischen Hauptstadt.

Seit 1939 befand sich die polnische Regierung im Exil in London, aber sie unterhielt in Warschau ein Untergrundparlament, Untergrundministerien, und hier befand sich auch das ihr unterstellte Hauptkommando der polnischen Armee, der "Armija Krajowa", der Heimatarmee. Im Winter 1943/44 hatten sich die Zusammenstöße zwischen deutschen Truppen und der polnischen Heimatarmee zu einer Art Guerillakrieg verdichtet.

Noch vor dem Aufstand hatte die Führung zu einem dann stufenweise ausgelösten Kampf gegen die Deutschen aufgerufen: Aktion "Burza" - "Sturm". Sie war militärisch gegen die Deutschen gerichtet, politisch aber auch gegen die Russen: Die Heimatarmee wollte der nach Westen vorrückenden Roten Armee als Territorialherrscher im eigenen Land entgegentreten. Der Warschauer Aufstand, Teil dieser Aktion, sollte verhindern, dass die polnische Hauptstadt bei einem Zusammentreffen von Deutschen und Russen völlig zerstört würde. Er sollte außerdem verhindern, dass in Warschau eine sowjetfreundliche Regierung gebildet würde.

"Hier spricht Warschau"

Die Entscheidung, am 1. August 1944 in Warschau mit dem Aufstand zu beginnen, traf der Oberkommandierende der Heimatarmee, General Tadeusz Komorowski, Deckname "Bór”, am Vortag in Gegenwart von anderen Militärs. Geplant war, dass der Kampf nur drei oder vier Tage dauern sollte. Handstreichartig sollten die Deutschen durch die 50.000 Soldaten der Heimatarmee entmachtet werden.

Die Anfangserfolge der Aufständischen veränderten sich aber bald in ein langsames Sterben der Stadt angesichts von Waffen-SS, schwerer deutscher Artillerie und deutschen Luftangriffen. Ab September 1944 stand die Rote Armee direkt vor Warschau - auf der östlichen Seite der Weichsel - und sah dem verzweifelten Kampf der Polen tatenlos zu. Stalin bezeichnete den Aufstand als einen feindlichen Akt gegen die Sowjetunion. Ihm kam die Vernichtung der polnischen Elite entgegen. In einem letzten, in London aufgezeichneten Funkspruch der Armija Krajowa heißt es:

"Unsere Helden sind die Soldaten, deren einzige Waffe gegen Panzer, Flugzeuge und Geschütze ihre Revolver und Petroleumflaschen waren. Unsere Helden sind die Frauen, die die Verwundeten pflegten und unter Kugeln Meldedienste leisteten, die in zerbombten Kellern für Kinder und Erwachsene kochten, die den Sterbenden Linderung brachten und trösteten."

Die verzweifelten Hilferufe blieben bei den westlichen Alliierten ungehört. Churchill und Roosevelt sahen ebenfalls passiv zu, wie der polnische Widerstand verblutete und 200.000 Zivilisten Opfer der Kämpfe wurden.

Eine halbe Million Warschauer der westlichen Stadthälfte geriet in deutsche Gefangenschaft: ausgehungert, erschöpft, häufig krank. General Bór-Komorowski musste sich mit 11.000 Soldaten, unter ihnen etwa 2000 Frauen, ergeben.

Hitler war begeistert über den Fall Warschaus und sann auf Rache. Systematisch gingen seine Truppen nach dem Aufstand daran, Straßenzug für Straßenzug in die Luft zu sprengen. Von Warschau blieb nur noch ein Trümmerfeld übrig. Mit der Niederschlagung des Aufstandes musste Polen die Hoffnung aufgeben, nach Ende des Zweiten Weltkrieges seine Souveränität zurückzuerlangen.

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