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StartseiteUmwelt und VerbraucherWenn die Tiefgarage zum Gemüsegarten wird12.07.2018

Stadtmodell "FabCity"Wenn die Tiefgarage zum Gemüsegarten wird

Lebensmittel werden lokal produziert, der Autoverkehr wird reduziert: Die Stadt der Zukunft ist grün, nachhaltig und unabhängig. So wünscht es sich das Netzwerk "FabCity". Der Weg dorthin ist unterschiedlich. Ein Zukunftsmodell für deutsche Städte?

Von Suzanne Krause

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Ein Obststand in der Kleinmarkthalle in Frankfurt am Main. (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)
In der FabCity kommen Obst und Gemüse aus der Region (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)
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Die FabCity ist grün, wirtschaftet nachhaltig und stellt das Wohl ihrer Einwohner in den Mittelpunkt. Eine Maxime des Netzwerks, dem sich unter anderem Helsinki verschrieben hat. Die finnische Hauptstadt zählt 642.000 Einwohner – und wächst ständig. Um die Treibhausgasbilanz zu verbessern, hat Helsinki vor eineinhalb Jahren einen Masterplan zur Verkehrsberuhigung verabschiedet. Der sei wohl drastischer als irgendwo sonst, sagte Bürgermeisterin Anni Sinnemaki am Mittwoch beim FabCitySummit im Pariser Rathaus.

"Unser Ziel ist es, die sieben Autobahnen, die ringförmig um und in die Stadt führen, komplett umzubauen. Sodass daraus schmalere Straßen werden, an denen entlang wir beidseits neue Viertel errichten, Raum für Wohnungen und Betriebe. Wir wollen Rad- und Fußwege anlegen. Für die Autos wird ein bisschen Platz übrigbleiben."

Weniger Autoverkehr durch flexible Minibusse

Die FabCity nutzt Digitaltechnik für eine bessere Berücksichtigung des Bedarfs der Bewohner. Ein Beispiel dafür stammt aus Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Beim dortigen Nahverkehr sind es informelle, private Minibusse, die ihre Passagiere kreuz und quer in der Stadt einsammeln. Studenten haben eine App entwickelt und die realen Transportbedürfnisse der Bevölkerung ermittelt, um die Busse besser einzusetzen.

Auf Bürgerbeteiligung setzt auch das niederländische Groningen bei der Nutzung der stillgelegten Zuckerfabrik, nunmehr kommunales Eigentum. Für das geplante Wohnbauprogramm fehlen noch die Mittel, so lässt die Stadt das Terrain derzeit für Events aller Art nutzen, erklärt Joost van Keulen vom Rathaus-Team.

"Was Sie nicht machen sollten, ist, Leute dafür zu bezahlen, dass sie einen Nutzungsplan erstellen und Veranstaltungen durchführen. Wir haben gelernt: Es ist viel erfolgreicher, Bürger ihre eigenen Pläne einbringen zu lassen. Wir haben den besten Vorschlag ausgewählt und dessen Initiator freie Hand zur Umsetzung und Bewirtschaftung gelassen. So wird viel Kreativität und Unternehmergeist freigesetzt – und genau das wird gebraucht bei solch temporären Einrichtungen."

Pariser Tiefgarage als Gemüsegarten

Die Stadt von morgen ist auch bei der Lebensmittelproduktion so autonom wie möglich. Im Pariser Norden züchtet ein Start-up-Unternehmen Pilze und Endivien, in einer gigantischen ehemaligen Tiefgarage. In der FabCity wird Müll vermieden. Jungunternehmerin Clarisse Merlet hat ein einfaches Verfahren entwickelt, Alttextil in Baumaterial zu verwandeln.

"Der Textilstoff wird zermahlen, die Masse mit einem Ökoleim zusammengeklebt und gepresst. Daraus lassen sich Wände oder Mobiliar fertigen."

Lösungsansätze, um die Stadt von morgen lebenswerter und auch krisenresistenter zu machen, gibt es immer mehr. Sie bekannter zu machen, ist ein Anliegen des FabCity-Netzwerks. Der Austausch von Wissen und Erfahrungen ist hier Basis. Unterstützt wird das Unterfangen von der Europäischen Union. Bei der Auftaktveranstaltung im Pariser Rathaus wandte sich Carlos Moedas, EU-Kommissar für den Bereich Innovationen, an die mehreren hundert Teilnehmer, die von überall her zum FabCitySummit angereist sind.

München und Berlin als FabCity?

"Ich rufe Sie auf, beim Kreislaufwirtschaftskonzept Partnerschaften zu entwickeln, um dazu beizutragen, dass Orte in Entwicklungsländern, aber nicht nur dort, eine andere Umweltpolitik entwickeln, unsere kostbaren Ressourcen mehr schonen. Und darüber hinaus auch Hoffnung, Wissen und Innovationen dorthin zu bringen, damit weniger Menschen geneigt sind, zu uns kommen zu wollen."

Bislang gehört noch keine deutsche Stadt zum FabCity-Netzwerk. Verhandlungen mit Berlin und München sind am Laufen.

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