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StartseiteCorsoMacht die Großstadt zur Natur!05.08.2019

StadtplanungMacht die Großstadt zur Natur!

Bis 2050 werden laut UNO gut zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Überraschenderweise ist da auch noch Platz für die Natur: Tiere fühlen sich im Großstadtdschungel zunehmend heimisch – vorausgesetzt, man setzt die richtigen architektonischen Impulse. Das zeigt das Fallbeispiel Barcelona.

Von Julia Macher

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La Sagrada Familia in Barcelona (imago / Robert Harding)
Basilika und Brutplatz für Wanderfalken: La Sagrada Família in Barcelona (imago / Robert Harding)
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Barcelonas Hausberg Montjüic. Nebenan, vor dem Miró-Museum, stehen sich Touristen die Beine in den Bauch – doch in der städtischen Baumschule herrscht Monet-artiges Naturidyll. Seerosen breiten ihre Blätter über grünschimmerndes Wasser, Wasserlilien blühen. Sergi Garcia vom Naturschutzverein Galanthus zeigt stolz auf die dazwischen hüpfenden Kröten und Frösche: "Amphibien sind keine Stadttiere, aber wenn man in einer Stadt solche Becken aufstellt, mit sauberem Wasser, Wasserpflanzen, können darin problemlos Frösche, Kröten, Libellen und Wasserschnecken leben."

Kombination Architekur - Natur

Als erste große Stadt fördert Barcelona amphibienfreundliche Wasseranlagen im gesamten Stadtgebiet. Die Brut aus der Baumschule soll demnächst in Dutzenden Brunnen, Teichen, Tümpeln quaken: ein Pilotprojekt zur Förderung der Artenvielfalt in der Großstadt. Schon jetzt lebten mehr geschützte Arten auf städtischem Terrain als im Naherholungsgebiet Delta de Llobregat, sagt Sergi García und fügt hinzu: Die Stadt ist dazu berufen, die neue Natur zu werden.

Sergi García: "In der Stadt werden kaum Pestizide oder Insektizide verwendet, der Einsatz von Chemikalien wird sehr viel stärker kontrolliert. Dadurch kommen Insekten, die wiederum andere jagende Spezies anlocken. Durch geschickte Verwaltung von Grünflächen kann diese Nahrungskette komplexer gestaltet werden. So kann die Stadt für Tiere zu einem Schutzraum werden - vor dem Klimawandel, vor der Wasser- und Landverschmutzung."

Berlin, New York, Barcelona

Wie man das erreichen kann, darüber zerbrechen sich Stadtplaner und Architekten in aller Welt den Kopf. Während Berlin mit riesigen zusammenhängenden Grünflächen trumpft und New York das Urban Gardening zum weltweiten Trend machte, setzt die Topographie Barcelona enge Grenzen. Am Hafen das Gassengewirr der mittelalterlichen Altstadt, ringsherum das Schachbrettmuster der im 19. Jahrhundert am Reißbrett entworfenen Neustadt, dazwischen ein paar kleinere Parks - ein schwieriges Terrain, weiß Marta Guitart vom städtischen Amt für Landschaftsplanung:

"Die Größe der Grünfläche verhält sich proportional zur Artenvielfalt. Aber eine so dicht besiedelte Stadt wie Barcelona besteht nun einmal in erster Linie aus Gebäuden, also können wir in erster Linie auf den Dächern, auf den Fassaden eingreifen. Unsere Vision ist ein Barcelona, in dem alle Dächer oder Fassaden der Alt- und Neustadt durch einen grünen Korridor verbunden sind."

Urbanes Biotop hat Nachfolger

Den Auftakt machte Juli Capella mit seinem vertikalen Garten an einer Verkehrskreuzung im Westen der Stadt: Eine Art riesiges Metallregal spannt sich vor eine Eckfassade. Auf 305 Quadratmetern Fläche wuchern üppig Efeu, Geißblatt, Jasmin. Dahinter verstecken sich Nistplätze für Fledermäuse, Mauersegler, Schwalben. Über die Natursteinmauer unten huschen Salamander und Eidechsen. Das hängende urbane Mini-Biotop von 2011 hat Dutzende Nachfolger inspiriert. Auch die Häuser selbst werden inzwischen bewohnbar gemacht für Höhlenbrüter wie Sperling, Kauz und Meise. Barcelona biete dafür die besten "natürlichen" Voraussetzungen, sagt Guitart:

"Das typische katalanische Bogentragwerk hat traditionellerweise eine große Luftkammer, die über Öffnungen in der Fassade belüftet wird. Die sind allerdings oft zugemauert oder so groß, dass sie für jedes Tier geeignet sind. Wir gestalten sie bei Umbauten jetzt standardmäßig so um, dass sie nur den Tierarten als Nistplatz dienen, die wir fördern wollen."

Eulen und Wanderfalken

Die vielen kleinen Maßnahmen haben in der Summe Erfolg. Während die Eulenpopulation laut der spanischen Vogelschutzorganisation SEO seit 2005 spanienweit um fast 90 Prozent gesunken ist, hört man in Barcelona nachts zuweilen wieder Eulen rufen; und in den Türmen der Sagrada Família brüten Wanderfalken. Die begeistert fotografierenden Besuchermassen ignorieren Barcelonas Greifvögel mit der gleichen blasierten Miene wie das normalerweise auch die menschlichen Stadtbewohner tun.

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