Mittwoch, 19.02.2020
 
Seit 22:05 Uhr Spielweisen
StartseiteForschung aktuellStändig unter Kontrolle20.12.2006

Ständig unter Kontrolle

Der Vesuv wird rund um die Uhr überwacht

Geophysik. - Italien ist das europäische Land mit den meisten aktiven Vulkanen. Neben den "Dauernbrennern" wie Ätna oder Stromboli machen den Vulkanologen auch schlummernde Vulkan auf dem Meeresgrund große Sorgen. Sie könnten bei einem Ausbruch Tsunamis auslösen. Der einzige italienische Vulkan, der ständig auf seine Gefahr kontrolliert wird, ist der Vesuv. Aus gutem Grund, denn in seinem Umkreis leben rund 600.000 Menschen.

Von Thomas Migge

Blick auf den Vesuv über Neapel. (AP Archiv)
Blick auf den Vesuv über Neapel. (AP Archiv)

1944 brach der Vesuv zum letzten Mal aus. Die Erde bebte und Lavaströme walzten ganze Ortschaften nieder. Die an den Hängen des Vulkans lebenden Menschen konnten rechtzeitig fliehen. Die zerstörerischen, hangabwärts rasenden Asche-, Gas- und Staubwolken, die sich infolge einer Eruption bilden, blieben fast ganz aus. Seit 62 Jahren schlummert der Berg - und das sei gar kein gutes Zeichen, erklärt Giovanni Macedonio, Leiter des "Osservatorio Vesuviano", der vulkanischen Beobachtungsstation am Vulkanberg:

"Der nächste Ausbruch wird sicherlich sehr gewalttätig. Je länger ein so aktiver Vulkan wie der Vesuv ruht, um so länger hat er Zeit, in seinem Innern eine kritische Masse zu bilden. Der Vesuv ist der aktivste Vulkan der Welt und in seinem direkten Umkreis sehr dicht besiedelt. Rund 600.000 Menschen leben am Berghang und in der Umgebung. Er ist ein Feind, den es zu bekämpfen gilt."

Und der deshalb ständig rund um die Uhr bewacht wird. Bei einem vor kurzem durchgeführten ersten Test zu einem möglichen Vulkanausbruch, mit einem Erdbeben der Stärke 4,2 auf der Richterskala, wurde deutlich, mit welchen Mitteln und in welchem Umfang der Vesuv kontrolliert wird. Kein anderer Vulkanberg der Welt, so Giovanni Macedonio, werde so umfassend beobachtet und analysiert wie der Vesuv:

"Es ist sicherlich ein positiver Aspekt, dass der Vesuv ständig kontrolliert wird, denn je länger der Berg ruht, umso mehr schwindet in der Bevölkerung wie auch unter den Politikern das Bewusstsein für seine Gefahr. Unsere Messgeräte verheißen nichts Gutes, zeigen sie doch deutlich, dass der Erdboden des Vulkankegels sich langsam aber ständig hebt."

Geophysiker und die am Berg forschenden Vulkanbeobachter haben in den letzten Jahren rund um den Vulkankegel mit seinem Durchmesser von rund zehn Kilometer ein Netz mit Beobachtungsstationen und Bewegungsmeldern angelegt. Damit ist der Vesuv einer der bestüberwachten Vulkane der Welt. Im gesamten Gebiet des Vulkankegels messen GPS-Stationen, ob sich ein Teil des Berges oder seines direkten Umlandes hebt. Diese mit Hilfe von Sonnenenergie funktionierenden Stationen ermitteln mit Infrarotstrahlen jeden Bodenanstieg - auch wenn er nur ein Zehntel Millimeter misst. Die auf diese Weise erstellten Daten werden in die Zentrale des Vulkaninstituts geschickt, aber auch in das Nationale Geophysikalische Institut nach Rom.

Schon ein so geringer Wert kann ein Hinweis auf den steigenden Druck des im Innern des Berges brodelnden und nach außen drängenden Magmas sein. Hunderte von Gravimetern, die rund um den Vulkankegel installiert sind, schlagen immer dann an, wenn aufsteigendes Magma die Schwerkraft verstärkt. Jeden Tag messen die einzelnen Untersuchungsstationen des "Osservatorio Vesuviano", ob sich die Kohlendioxid- und Schwefeloxidwerte ändern, die aus dem Hauptkrater und eventuell entstandenen Nebenkratern oder Erdspalten austreten. Auch sie liefern wichtige Informationen auf eine verstärkte vulkanologische Aktivität, weiß die Geologin Luisa Civetta aus Neapel:

"Seit einiger Zeit beobachten wir ein steigendes Desinteresse der lokalen Politik an den drohenden Gefahren, die vom Vesuv ausgehen können. Wir Experten von Vulkaninstitut haben deshalb unsere Kontrollen intensiviert. Wir führen mindestens einmal in der Woche auch Kontrollen an den Gasquellen am Grund des Golfs von Neapel durch. Verändert sich die Zusammensetzung der Gase kann das ein Zeichen für einen drohenden Ausbruch sein."

Nicht nur Forscher des Vulkaninstituts beobachten den Berg. Die Geologen stehen in direkten Kontakten mit Fischern, die jeden Tag im Golf ihre Netze auswerfen. Sie setzen sich immer dann unverzüglich mit den Forschern in Verbindung, wenn an irgendeiner Stelle des Meeres Gasblasen aus den Tiefen aufsteigen oder Gruppen von toten Fischen gesichtet werden. In einem solchen Fall würden umgehend Taucher versuchen, sich den Erdspalten am Meeresboden zu nähern, um Gasblasen einzufangen, die anschließend im Laboratorium auf ihre Zusammensetzung analysiert werden.

Die am Berg und seinen Ausläufern ständig ermittelten GPS-, Gravimeter und seismographischen Werte laufen im Zentralcomputer des "Osservatorio vesuviano" zusammen. Wenn zum Beispiel beim seismographischen Messsystem die Werte sprunghaft ansteigen, was auf ein unterirdisches und durch Magmaanstieg verursachte Erdbeben hindeutet, beraten sich die Forscher umgehend, welche Behörden am schnellsten informiert werden müssen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk