Donnerstag, 13.05.2021
 
Seit 09:30 Uhr Essay und Diskurs
StartseiteKultur heuteStahlfrauen und Große Geister06.09.2002

Stahlfrauen und Große Geister

Thomas-Schütte-Schau im Folkwang-Museum

Ein Gespräch mit Christiane Vielhaber

Schossig: Christiane Vielhaber, Sie waren im Folkwang-Museum. Löst denn diese Ausstellung das Rätsel, das wir ja schon immer alle wissen wollten: Wer oder was verbirgt sich hinter diesen martialischen Monstern?

Vielhaber: Ja, wo Sie jetzt sagen Roboter. Mir kam eher in den Sinn der sechste Streich von Wilhelm Buschs Max und Moritz: Ganz von Kuchenteig umhüllt, stehen sie da als Jammerbild. Und das liegt auch daran, dass diese 2,50 Meter großen Figuren, die wirklich auch aussehen wie diese wabbeligen Michelin-Männchen, die die Lastwagen beleuchtet oben auf dem Führerhaus haben. Das liegt daran, dass die aus Wachswürsten geformt sind und im Wachsausschmelzverfahren dann in diese feste Form gebracht worden sind. Und Thomas Schütte hat selber gesagt: "Wie soll ich die nennen? Ich kann sie ja nicht Wurstmänner nennen." Dann hat er erst gedacht: Ich nenne sie Wesen oder ich nenne sie Unwesen. Nun ist das Wesen so ein typisch deutscher Begriff, den Sie eben nicht ins Englische übersetzen können und Sie sagen ja zu Recht: Den Durchbruch hatte er spätestens auf der neunten Dokumenta. Er war ja auch schon auf der achten Dokumenta dabei. Dann muss das auch für internationale Sammlungen so sein, dass man sich was drunter vorstellen kann, eben diese "Großen Geister". Und es ist jetzt nicht so, dass sie durch das Haus geistern, was sich die Direktorin des Folkwang-Museums erst so vorgestellt hatte, dass sie praktisch dieses Haus besetzen. Thomas Schütte ist keiner, der auf Konfrontation aus ist, sondern er hat sich einfach einen Platz gesucht, um sie in die Sammlung zu integrieren. Und diese zwölf großen Geister hat er jetzt in einen Raum gestellt, wo eine große Arbeit von Kirkeby an der Wand hängt. Etwas beziehungslos, aber sie stehen jetzt da als würden sie Blinde Kuh spielen, also elf drumherum im Kreis und ein großer Geist in der Mitte. Es ist so spaßig zu sehen, weil sie alle in Bewegung begriffen sind. Manche bücken sich, bei manchen denkt man: Greifen die jetzt an? Dann haben die so feixende Gesichter, was ja sowieso für die Figuration von Thomas Schütte typisch ist, dass sie eben grimassieren.

Schossig: Ist es denn eigentlich Ironie oder ist nicht auch sehr viel Ernst und Moralisches dabei? Schütte hat sich ja schon früh mit den Mechanismen des Kunstbetriebs und mit der Künstlerrolle beschäftigt.

Vielhaber: Ich halte ihn für einen sehr intelligenten Künstler, der sich zum Beispiel bei diesen großen Geistern schon auch mit der Kunstgeschichte auseinandersetzt. Nehmen Sie jetzt mal diese Übergröße 2,50 Meter, das sind ja wirklich Riesen. Dass er dann auch letztlich das Pathos übergroßer griechischer Plastiken zitiert, also diese Würdeformel, die er jetzt aber in eine teigige Formlosigkeit wieder zermatscht, und trotzdem etwas von skulpturaler Größe und ich will nicht sagen Pathos einbringt. Es ist nicht so, dass man immer nur grinst oder dass man denkt: Meint der das jetzt eigentlich ernst? Er meint es in dem Moment ernst.

Schossig: Diese Stahlformen, die jetzt auch gezeigt werden, sind dann aber ganz anders.

Vielhaber: Das ist eine ganz neue Gruppe, davon sind jetzt hier sechs zu sehen. Da ist es eine ganz große ernsthafte Auseinandersetzung mit der Körperlichkeit. Bei manchen Torsi sind Frauen, von denen er selbst sagt: Ich finde keine Frauen im Leben, die so aussehen, also bastele ich sie mir. Es sind sehr sinnliche Körper, auch wieder so Speckwülste, und teilweise sind die Arme und Beine so verschränkt, dass man denkt: Machen die jetzt eigentlich Yoga? Aber dann liegen sie da und rosten still vor sich hin. Die sind wunderbar.

Schossig: Stahlfrauen und große Geister. Das war Christiane Vielhaber über eine Thomas-Schütte-Schau ab morgen im Folkwang-Museum in Essen.

Link: mehr ...

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk