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StartseiteSprechstundeStammzellentherapie bei Herzinfarkten02.09.2003

Stammzellentherapie bei Herzinfarkten

Vor zwei Jahren ist es Kardiologen an den Düsseldorfer Universitätskliniken erstmals gelungen, einen schweren Herzinfarkt mit Stammzellen zu behandeln. So konnten sie nicht nur die Ursache des Infarktes behandelt werden (der Verschluss des Herzkranzgefäßes ), sondern auch seine direkten Folgen: mit Hilfe von Stammzellen kann das kaputte Herz mit seinen Muskelzellen und Blutgefäßen wieder "repariert" werden.

Hannelore Becker-Willhardt

Und das auch nicht mit jenen umstrittenen Stammzellen, die von Embryonen kommen. Sondern mit sogenannten "adulten", also "erwachsenen" Stammzellen, die aus dem Knochenmark des jeweiligen Patienten gewonnen werden.

Bislang sind in Düsseldorf 34 - und weltweit an die 200 - Patienten mit dieser Stammzellentherapie behandelt worden. Und alle mit sehr gutem Erfolg. Am letzten Freitag zogen die Düsseldorfer Ärzte Bilanz.

Erst spürt man brennende oder drückende Schmerzen im linken Brustbereich, - dann folgen Panik, Atemnot und Schwindelgefühle. Die Symptome des Herzinfarktes kommen für die Betroffenen oft 'wie aus heiterem Himmel'.

Der Grund ist ein verstopftes Herzkranzgefäß, wodurch Teile des Herzmuskels nicht mehr mit Sauerstoff und Nahrung versorgt werden können - und deswegen absterben. Mit Hilfe von Medikamenten und eines Ballonkatheders wird die betroffene Arterie im Krankenhaus wieder geöffnet und geweitet. Wenn erforderlich wird zusätzlich ein Stützgitter, ein sogenannter Stent, eingesetzt, um das Blutgefäß offen zu halten.

In den Düsseldorfer Uniklinken kann nun mit der Stammzellen-Therapie die zweite Phase der Behandlung beginnen. Dabei soll sich der zerstörte Herzmuskel mit all einen Muskelzellen und Blutgefäßen wieder neu bilden. Aber erst nach einigen Tagen, erklärt Dr. Michael Brehm.

Der Patient, muss sich erst stabilisieren. Das braucht etwa vier bis sieben Tage. Ist der Patient von seinem Befinden her stabil, dann sprechen wir ihn an, klären ihn über die zusätzliche Behandlung des Herzinfarkts mit Stammzellen auf, die aus seinem eigenen Knochenmark kommen, also in der Form einer Eigenblut-Transfusion. Da kommt es zu keinen allergischen Reaktionen, zu keiner Fremdreaktion.

Der Ablauf ist dann so: In örtlicher Betäubung werden dem Patienten aus dem Beckenknochen etwa 80 Mililiter Knochenmark entnommen. Das kommt in ein entsprechendes Labor, um dort zu einer hochkonzentrierten Flüssigkeit mit Stammzellen aufbereitet zu werden. Diese Flüssigkeit wird dem Patienten am nächsten Tag direkt ins das Infarkt- gebiet gespritzt. Eine Operation ist dafür nicht erforderlich, erklärt Prof. Bodo Eckehard Strauer. Er ist Leiter der Kardiolgie an den Düsseldorfer Unikliniken und hat diese Stammzell-Therapie entwickelt.

Man muss den Brustkorb nicht eröffnen, wie bei der Herzoperation. Sondern man lässt alles zu. In örtlicher Betäubung, von der Leistengegend wird ein Katheter zum Herzen geführt, in die Infarktzone hinein, um dort dann über einen Katheter die Stammzellen in das Infarktgebiet direkt zu spritzen.

Und zwar durch jene Herz-Arterie, die nach dem Infarkt einige Tage zuvor wieder geöffnet worden war. Auf diesem Wege dringen die Stammzellen mit leichtem Überdruck direkt in den zerstörten Herzmuskel ein.

34 Infarkt-Patienten im Alter zwischen 30 und 65 Jahren sind in Düsseldorf mit dieser Stammzelltherapie bislang behandelt worden. Vergleiche mit Patienten aus einer Kontrollgruppe, die ohne eigene Stammzellen behandelt worden sind, zeigen, dass diese Therapie wirkt: das Infarktgebiet hat sich bei allen Patienten deutlich zurückgebildet; Herzleistung und Herzfunktion haben sich deutlich verbessert.

Prinzipiell können alle Patienten, bei denen nach einem Infarkt große Defekte im Herzmuskel und Leistungsminderungen des Herzens festgestellt werden, mit körpereigenen Stammzellen therapiert werden, sagt Prof. Strauer. Doch wie die Stammzellen konkret wirken, darüber kann er bislang aber nur spekulieren.

Möglichkeit eins: Die Knochenmarkzellen, die viele Möglichkeiten der Weiterentwicklung in sich bergen, haben sich tatsächlich zu Muskelzellen und Blutgefäßzellen umgewandelt. Möglichkeit Nummer zwei: diese Knochenmarkszellen haben dazu beigetragen, dass das noch verbliebene Gewebe im Herzmuskel anfängt zu wachsen, zu regenerieren. Man weiß ja seit ein, zwei Jahren, dass Herzmuskelzellen, die ja sonst abgestorben sind und nicht weiter wachsen können, unter solchen Bedingungen nach einem Herzinfarkt wieder neu wachsen können.

Fest steht also: Das durch den Herzinfarkt zerstörte Gewebe kann sich durch Stammzellen, wie auch immer, regenerieren.

Wir können sagen,die Muskulatur ist wieder durchblutet. Sie ist zu einem großen Prozentsatz wieder vital. Nicht das gesamte Gewebe, aber ein sehr großer Prozentsatz lässt sich wieder reaktivieren, wieder vital machen. Der Mechanismus: ob eine direkte Neubildung von Zellen oder eine Stimulation des Gewebes oder eine Stimulation anderer chemischer Substanzen im Herzmuskel, das ist noch offen. Aber wir gehen davon aus, dass doch eine gewisse Neubildung durch die Stammzellen in Herzmuskel-Zellen, in Gefäßzellen stattfindet.

Und schädigende Nebenwirkungen dieser Therapie mit körpereigenen Stammzellen, wie allergische Reaktionen oder die Bildung von Fremdgewebe im Herzen, schließt Prof. Strauer völlig aus:

Es sind ja keine embryonalen Stammzellen, wo so was alles nicht vorhersehbar ist. Aber es sind körpereigene Zellen, die keine Nebenwirkungen in dieser Art entfalten können.

Was aber spüren Patienten, wenn die Stammzellen in ihr Herz hineingespritzt werden? Dr. Michael Brehm kann da beruhigen.

Man merkt wenig. Nichts würde ich nicht sagen. Gerade Patienten, die sehr in sich hineinhören, was in dieser Phase ganz natürlich ist bei einem Herzinfarkt, weil man seinen Körper vielleicht wieder besser kennenlernen möchte, dass man so während der Aufdehnung des Ballons einen kleinen Druck verspüren könnte. Das ist aber ein Vielfaches weniger dessen, als wie der Infarkt gewesen ist. Rhythmologische Veränderungen, etwa ein Extraschlag ist ganz selten, kommt aber vor. Aber schwerwiegende Rhythmusstörungen auf keinen Fall.

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