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StartseiteKommentare und Themen der Woche"Der Osten" differenziert sich immer weiter07.07.2021

Stand der Deutschen Einheit"Der Osten" differenziert sich immer weiter

Nicht unbedingt die ökonomische Lage treibe einige Ostdeutsche Populisten in die Arme, sondern das Gefühl, alleingelassen und nicht gehört zu werden, kommentiert Henry Bernhard. Der aktuelle Bericht zum Stand der Deutschen Einheit müsse Anlass sein, über Versäumnisse in Ost und West zu reden.

Ein Kommentar von Henry Bernhard

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Marco Wanderwitz, Ostbeauftragter der Bundesregierung (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
Der Ostbeauftragte der Bundesregierung Marco Wanderwitz (CDU) bei der Vorstellung seines Jahresberichts zum Stand der Deutschen Einheit (picture alliance / dpa / Kay Nietfeld)
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"Helmut, nimm uns an die Hand, führ uns ins Wirtschaftswunderland"! So stand es auf einem handbemalten Transparent beim Auftritt von Helmut Kohl am 14. März 1990 in Leipzig. Der Kanzler blickte in 300.000 beglückte, erwartungsvolle Gesichter und auf wehende Deutschland-Fahnen. Die überwältigende Mehrheit der Ostdeutschen wollten keine Experimente, und sie wollten, dass es in Sachsen möglichst schnell so aussehen soll wie in Hessen.

31 Jahre später sieht vielleicht so mancher Marktplatz in Sachsen schicker aus als der eine oder andere in Hessen. Aber die Löhne, die Renten, die Vermögen hinken hinterher. Sie holen auf, aber immer langsamer. Dennoch sind die Einkommen im Osten in den vergangenen 30 Jahren stark gestiegen, ist die Arbeitslosigkeit weit von den traumatischen Zahlen in den 90er-Jahren entfernt. Längst gibt es Fachkräftemangel auch im Osten, Hightechfirmen wie TESLA oder der Batteriehersteller CATL siedeln sich an und bilden möglicherweise neue, zukunftsweisende Industriekerne. "Der Osten" differenziert sich immer weiter.

Das Gefühl, nicht gehört zu werden

Der Ostbeauftragte der Regierung, Marco Wanderwitz, wies bei der Vorstellung des Berichts so auch darauf hin, dass man nicht pauschal von "dem Osten" sprechen könne. Einige Regionen hätten aufgeholt, andere seien zurückgeblieben.

Aber es ist gar nicht unbedingt die ökonomische Lage, die einige Ostdeutsche verärgert, frustriert, skeptisch gegenüber der Demokratie bleiben lässt und sie der AfD zutreibt, die zum Beispiel in Thüringen vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft wird. Es ist das Gefühl, alleingelassen zu werden, nicht gehört zu werden; es ist die ungleiche Machtverteilung in Behörden, Gerichten, Universitäten, in Großkonzernen und Medien: Ostdeutsche sind in den Chefetagen zumeist außen vor. Bundesbehörden werden – entgegen der gesetzlichen Vorgaben – nicht massiv im Osten angesiedelt.

Martin Machowecz in der ARD-Talkshow ANNE WILL am 01.09.2019 in Berlin.  (picture alliance / dpa / Eventpress | Müller-Stauffenberg) (picture alliance / dpa / Eventpress | Müller-Stauffenberg)"Die Ostdeutschen wollen einfach mehr diskutieren und streiten"
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All das hat einen massiven Brain-Drain vom Osten in den Westen bestärkt, den es mit einigen Schwankungen seit 1945 gibt: Die Qualifizierten, die Lebenshungrigen, die Weltoffenen, die Macher und – sehr wichtig – die jungen Frauen sind seit 1989 noch zahlreicher abgewandert als in den Jahrzehnten zuvor. Sie sind woanders erfolgreich, bekommen woanders ihre Kinder. Zurück geblieben sind neben vielen, die die neuen Chancen mit beiden Händen ergriffen haben, Eltern, Großeltern, die ihre Dörfer sterben sehen, und schlecht qualifizierte junge Männer.

Über die Unterschiede reden

Außerdem rächt sich die naive Vorstellung von 1989, dass die Ostdeutschen, die zuvor eine Diktatur gestürzt hatten, automatisch Demokraten sind. Es geht nicht um Belehrung, aber um politische Bildung, um Auseinandersetzung mit der SED-Diktatur und der NS-Diktatur davor, um den Aufbau einer breiten selbstbewussten Zivilgesellschaft. Hier haben Politik, Schulen, Universitäten, Medien massiv versagt. Alleingelassene Kinder und Jugendlichen der 90er-Jahre sind es, die heute den braunen Rattenfängern folgen, die nicht selten aus dem Westen kommen.

Auf diese Missstände hinzuweisen und auf Veränderungen zu drängen, dafür könnte ein Bericht zum Stand der Einheit gut sein. Wenn er denn den Finger in die Wunde legen würde. In seinen Interviews ist der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz da klarer als in seinem Bericht, der mit vielen Worten und Zahlen sagt: "Vieles ist geschafft, vieles ist noch zu tun."

Dennoch sollte es den Bericht weiterhin geben. Dass die Unterschiede zwischen Ost und West mindestens über viele Jahrzehnte weiterbestehen werden, dafür sorgt schon die fest zementierte Vermögensverteilung. Aber über den Rest müssen wir reden. Gern auch mit einem Ostbeauftragten, der wie Marco Wanderwitz auch die Ostdeutschen selbst in die Pflicht nimmt.

Henry Bernhard –  (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Henry Bernhard – (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Henry Bernhard wurde 1969 geboren und wuchs in Weimar auf. Er studierte Politik, Publizistik, VWL und Völkerrecht in Göttingen. Seit 1990 arbeitete er fürs Radio, davon 20 Jahre ausschließlich an langen Radiofeatures. Sein Schwerpunkt lag dabei auf historischen Themen – Geschichten aus dem geteilten Deutschland und aus dem "Dritten Reich", von gescheiterten Kommunisten und zurückgekehrten Juden, von Überlebenden und Verlierern der Geschichte. Nach einem Ausflug zum Fernsehen ist er seit 2013 Landeskorrespondent von Deutschlandradio in Thüringen.

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