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StartseiteTag für TagFalscher Witz am falschen Ort02.07.2019

StandpunktFalscher Witz am falschen Ort

Unser Autor ist Jude. Ein Kollege sagt: "Na, du verstockter Jude". Bedeutet Humor, dass man trotzdem lacht? Zeit für ein ernstes Wort.

Von Gerald Beyrodt

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Zwei Menschen mit Smiley-Masken vor dem Gesicht. Comicartig verfremdet. (imago / Westend61 / Montage: DLF Kultur)
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Jahrelang hat ein Kollege zu mir gesagt: "Na, du verstockter Jude." Jahrelang habe ich mir vorgemacht, dass ich das witzig finde. Bis mir klar wurde, dass ich das alles andere als lustig finde. Dann habe ich dem Kollegen entsprechend Bescheid gesagt. Die Antwort kam wie aus dem Lehrbuch: Er habe ja vor 30 Jahren mal eine jüdische Freundin gehabt. Und die hätten sich in der Familie selbst gegenseitig als "verstockte Juden" bezeichnet. Mich wundert es nicht, dass die Geschichte 30 Jahre her ist, denn der Vorwurf der Verstocktheit, also dass Juden keine Christen werden und sich nicht zum wahren Glauben bekennen wollen, scheint mir als Beleidigung ein bisschen ausgedient zu haben. Aber man weiß nie: Wenn es gegen Juden geht, wird ja alles wieder aufgewärmt.  

Ich weiß auch wirklich nicht, ob man das Folgende erklären muss, aber ich erkläre es: Es macht einen Unterschied, wer was zu wem sagt. Wenn sich zwei Schwarze betrinken und es witzig finden, sich als "Neger" zu bezeichnen ist es etwas völlig anderes, als wenn ich das sage. Wenn eine Frau ein T-Shirt mit der Aufschrift "Zicke" trägt, kann man sich zwar über ihr Selbstbild wundern, aber es ist etwas völlig anderes, als wenn ich sie als "Zicke" nenne. Wenn sich Schwule als Tucken und Tunten bezeichnen, ist das überraschenderweise etwas anderes, als wenn Heteros so reden. Und wenn ich meine E-Mail-Adresse jüdische-weltverschwörung@schwachsinn.de nenne, dann berechtigt das niemand, mich einer solchen Verschwörung zu bezichtigen. 

Die Vorurteile der Mehrheit

Ich weiß schon wieder nicht, ob ich das Folgende erklären muss, aber ich erkläre es mal trotzdem: Der Humor der Minderheiten nimmt die Vorurteile der Mehrheit auf die Schippe. Wenn die Mehrheit dieselben Vorurteile wieder aufgreift, ist es kein Humor mehr. Wenn der Kollege mich vor der Abteilung "verstockter Jude" nennt, dann befinden wir uns nicht im Kreis einer jüdischen Familie. Dann werde ich vor einer Abteilung aus nichtjüdischen Kollegen auf einen Präsentierteller gestellt und lächerlich gemacht.

Vielleicht weiß der Kollege nicht, wie es ist, mit einer Sache der Einzige zu sein. Vielleicht hatte er keinen längeren Auslandsaufenthalt und musste nie Witze über deutsche Humorlosigkeit ertragen oder war nie in einem asiatischen Land der einzige Europäer. 

Vielleicht muss man das manchem Menschen wirklich erklären, wie es ist, der Einzige zu sein. Denen, die keiner Minderheit angehören und auch keine Frauen sind. Denen, die sich nicht einmal vorstellen können, wie das ist, mit einer Sache die oder der Einzige zu sein. Diejenigen, für die immer alles glatt lief. Ich weiß nicht, ob ich sie beneide. 

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